Rechts­be­helfs­be­leh­rung im Straf­voll­zug

Eine Rechts­mit­tel­be­leh­rung im Straf­voll­zug ist nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ent­behr­lich. Der Anspruch des Straf­ge­fan­ge­nen auf effek­ti­ven Rechts­schutz (Art. 19 Abs. 4 GG) ist, so das BVerfG, nicht dadurch ver­letzt, dass ihm die Ver­säu­mung der Frist des § 112 Abs. 1 Satz 1 StVoll­zG zur Last gelegt und eine Wie­der­ein­set­zung in die­se Frist ver­sagt wor­den ist, obwohl kei­ne Rechts­mit­tel­be­leh­rung erteilt wor­den war.

Rechts­be­helfs­be­leh­rung im Straf­voll­zug

Nach herr­schen­der Auf­fas­sung ist die Ertei­lung einer sol­chen Beleh­rung im Ver­fah­ren nach dem Straf­voll­zugs­ge­setz im Hin­blick auf die jedem Gefan­ge­nen zu ertei­len­de all­ge­mei­ne Beleh­rung nach § 5 Abs. 2 StVoll­zG nicht gebo­ten; das blo­ße Feh­len einer Rechts­mit­tel­be­leh­rung führt – anders als nach § 44 Satz 2 StPO, der wegen der für Straf­voll­zugs­sa­chen vor­ge­se­he­nen all­ge­mei­nen Beleh­rung nicht über § 120 Abs. 1 StVoll­zG ergän­zend her­an­zu­zie­hen ist – nicht dazu, dass die Ver­säu­mung einer Rechts­mit­tel­frist als unver­schul­det anzu­se­hen wäre 1. Etwas ande­res gilt nur, soweit auch die all­ge­mei­ne Beleh­rung de fac­to unter­blie­ben ist 2.

Die dem ent­spre­chen­de Fall­be­hand­lung durch Land­ge­richt Koblenz 3 und Ober­lan­des­ge­richt Koblenz 4 ver­letzt nach der Kam­mer­ent­schei­dung des BVerfG kei­ne Grund­rech­te des Beschwer­de­füh­rers. Die Ertei­lung einer Rechts­mit­tel­be­leh­rung im Ein­zel­fall ist von Ver­fas­sungs wegen nicht gebo­ten, wenn der Betrof­fe­ne über den in der­ar­ti­gen Fäl­len gege­be­nen Rechts­be­helf in all­ge­mei­ner Form belehrt wur­de 5. Dass eine sol­che all­ge­mei­ne, das Rechts­mit­tel des Antrags auf gericht­li­che Ent­schei­dung (§§ 109 ff. StVoll­zG) ein­schlie­ßen­de Beleh­rung im vor­lie­gen­den Fall unter­blie­ben wäre, hat der Beschwer­de­füh­rer weder mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de noch, wie es ihm gege­be­nen­falls oble­gen hät­te, bereits im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gel­tend gemacht.

Hin­zu kommt nach Ansicht des BVerfG, dass der Beschwer­de­füh­rer anwalt­lich ver­tre­ten war 6. Nach Auf­fas­sung des BVerfG ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, wenn einem Gefan­ge­nen hin­sicht­lich der Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Frist zur Stel­lung eines Antra­ges nach § 112 Abs. 1 StVoll­zG ein Säum­nis­ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zuge­rech­net wird 7. Im Übri­gen legt der Beschwer­de­füh­rer auch nicht dar, inwie­fern das Land­ge­richt von einem dem Beschwer­de­füh­rer zuzu­rech­nen­den Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten über­haupt aus­ge­gan­gen ist. Nach der Begrün­dung des ange­grif­fe­nen Beschlus­ses hat das Gericht ange­nom­men, dass der Beschwer­de­füh­rer die Frist­ver­säu­mung durch das Unter­las­sen recht­zei­ti­ger Rück­spra­che mit dem Bevoll­mäch­tig­ten selbst ver­schul­det habe.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 5. August 2009 – 2 BvR 2365/​08

  1. vgl. nur OLG Frank­furt, Beschlüs­se vom 28.10.1988 – 3 Ws 906/​88 StVoll­zG, und vom 31.01.1978 – 3 Ws 808/​77 (StVollz), ZfStrVo SH 1978, S. 44; OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 25.01.1990 – 1 Vollz (Ws) 10/​89, ZfStrVo 1990, S. 307; KG, Beschluss vom 15.03.2002 – 5 Ws 138/​02 Vollz; Schuler, in: Schwind/​Böhm/​Jehle, StVoll­zG, 4. Aufl. 2005, § 112 Rn. 9; Cal­lies­s/­Mül­ler-Dietz, StVoll­ZG, 11. Aufl. 2008, § 112 Rn. 3; Kammann/​Volckart, in: AK-StVoll­zG, 5. Aufl. 2006, § 112 Rn. 14, jew. m.w.N.[]
  2. vgl. Schuler, a.a.O., Rn. 9; Cal­lies­s/­Mül­ler-Dietz, a.a.O., Rn. 3; Kammann/​Volckart, a.a.O., Rn. 14, jew. m.w.N.[]
  3. Land­ge­richts Koblenz, Beschluss vom 31.07.2008 – 7 StVK 308/​08[]
  4. OLG Koblenz, Beschlüs­se vom 08.09.2008 und 22.10.2008 – 2 Ws 414/​08 (Vollz) []
  5. vgl.BVerfGE 40, 237, 258 f.[]
  6. vgl. Schuler, a.a.O., Rn. 9[]
  7. vgl. BVerfGE 60, 253, 266 ff.; BVerfG, Beschluss vom 17.01.2006 – 1 BvR 2558/​05, NJW 2006, S. 1579; BVerfG, Beschluss vom 19.03.2003 – 2 BvR 1540/​01, NJW 2003, S. 3545, 3546; BVerfG, Beschluss vom 21.06.2000 – 2 BvR 1989/​97, NVwZ 2000, S. 907; BVerfG, Beschluss vom 21.10.1999 – 2 BvR 1940/​99; BVerfG, Beschluss vom 11.12.1992 – 2 BvR 1471/​92; BVerfG, Beschluss vom 14.03.1984 – 2 BvR 249/​84, NStZ 1984, S. 370, 371; HOLG Ham­burg, Beschluss vom 17.10.1977 – Vollz (Ws) 12/​77, ZfStrVo SH 1978, S. 52; OLG Frank­furt, Beschluss vom 8.05.1981 – 3 Ws 63/​81, NStZ 1981, S. 408; OLG Frank­furt, Beschluss vom 01.04.1982 – 3 Ws 179/​82, NStZ 1982, S. 351; Arloth, StVoll­zG, 2. Aufl. 2008, § 112 Rn. 5; Schuler, in: Schwind/​Böhm/​Jehle, StVoll­zG, 4. Aufl. 2005, § 112 Rn. 8; a.A.: Cal­lies­s/­Mül­ler-Dietz, StVoll­zG, 11. Aufl. 2008, § 112 Rn. 3, jew. m.w.N.[]