Rechts­hil­fe – und kein "ne bis in idem"

Die Leis­tung von Rechts­hil­fe in Form der Ver­neh­mung eines in der Tür­kei ange­klag­ten, in Deutsch­land leben­den deut­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen ist auch dann zuläs­sig, wenn die­ser wegen Taten, denen der­sel­be Sach­ver­halt zugrun­de liegt, in Deutsch­land bereits rechts­kräf­tig ver­ur­teilt wur­de.

Rechts­hil­fe – und kein "ne bis in idem"

Rechts­grund­la­ge für die Gewäh­rung von Rechts­hil­fe ist vor­lie­gend Art. 1 Abs. 1 EuRhÜbK, vgl. § 1 Abs. 3 IRG. Unter die­se Rechts­hil­fe­ver­pflich­tung fällt auch die Ver­neh­mung einer deut­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, gegen die in der Tür­kei Ankla­ge erho­ben wur­de, durch einen deut­schen Rich­ter 1.

Der Straf­kla­ge­ver­brauch steht der Leis­tung von Rechts­hil­fe nicht ent­ge­gen.

Nach deut­schem Recht ver­bürgt Art. 103 Abs. 3 GG den Grund­satz der Ein­ma­lig­keit der Straf­ver­fol­gung 2, ver­wehrt wird hier­durch grund­sätz­lich aller­dings nur eine mehr­ma­li­ge Ver­ur­tei­lung eines Straf­tä­ters durch deut­sche Gerich­te 3. Art. 103 Abs. 3 GG i.V.m. § 59 Abs. 3 IRG hin­dert die Leis­tung von Rechts­hil­fe daher nicht, da vor­lie­gend nicht das Ver­hält­nis zwi­schen deut­schen Gerich­ten betrof­fen ist. § 59 Abs. 3 IRG soll gewähr­leis­ten, dass die gesetz­li­chen Beschrän­kun­gen, die für inner­deut­sche Ver­fah­ren gel­ten (wie die Ein­schrän­kun­gen bei Zwangs­maß­nah­men, Beschlag­nah­me­ver­bo­te, Beach­tung des Steu­er­ge­heim­nis­ses u. ä.), auch bei der Leis­tung von Rechts­hil­fe für aus­län­di­sche Staa­ten Beach­tung fin­den 4. Dar­aus kann jedoch nicht abge­lei­tet wer­den, es sei nur für sol­che aus­län­di­schen Ver­fah­ren Rechts­hil­fe zu leis­ten, die der deut­schen Straf­pro­zess­ord­nung ent­spre­chen 5. Im Rechts­hil­fe­recht ent­schei­det über die Wirk­sam­keit eines Ver­fah­rens­ak­tes viel­mehr das Recht, in des­sen Gel­tungs­be­reich die­ser Ver­fah­rens­akt vor­ge­nom­men wur­de 6. Dies ist vor­lie­gend das tür­ki­sche Recht, auf des­sen Grund­la­ge das Schwer­straf­ge­richt Bakir­köy-Istan­bul, 11. Kam­mer, ent­schie­den hat, die Ange­klag­te in Deutsch­land rich­ter­lich ver­neh­men zu las­sen. Die­se Ent­schei­dung – sowie die spä­te­re Ver­wert­bar­keit die­ser Ver­neh­mung – ist der Nach­prü­fung durch deut­sche Stel­len ent­zo­gen 6.

Eine umfas­sen­de Gel­tung des Grund­sat­zes ne bis in idem war bei Inkraft­tre­ten des Grund­ge­set­zes nicht aner­kannt; viel­mehr bezog sich die­ser Grund­satz aus­schließ­lich auf inner­staat­li­che Sach­ver­hal­te 7. Eine ent­spre­chen­de Regel des Völ­ker­rechts im Sin­ne des Art. 25 Satz 1 GG ist auch heu­te nicht fest­stell­bar 8. Viel­mehr sehen Staa­ten gera­de die Aus­ge­stal­tung und Aus­übung ihrer Straf­ge­walt als wesent­li­ches sou­ve­rä­nes Recht an 7.

Von der Fra­ge der Zuläs­sig­keit der Rechts­hil­fe­leis­tung in Form der Ver­neh­mung der Ange­klag­ten durch ein deut­sches Gericht ist die (sich mög­li­cher­wei­se anschlie­ßen­de) Fra­ge der Aus­lie­fe­rung der Ange­klag­ten an die Tür­kei zu unter­schei­den. Hier­für gel­ten geson­der­te Vor­schrif­ten, ins­be­son­de­re Art. 9 EuAl­Übk, der einer Mehr­fach­ver­fol­gung durch bei­de Ver­trags­staa­ten in Form eines Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis­ses ent­ge­gen­wir­ken soll, wenn der Ver­folg­te wegen der­sel­ben Tat im ersuch­ten Staat bereits rechts­kräf­tig abge­ur­teilt wur­de 9. Die­ses Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis hat aller­dings sei­nen Ursprung eher in dem Anspruch des Indi­vi­du­al­staa­tes, Ent­schei­dun­gen der eige­nen Jus­tiz von äuße­ren Ein­flüs­sen frei­zu­hal­ten und eige­ne Staats­an­ge­hö­ri­ge vor einem Zugriff frem­der Jus­tiz­ord­nun­gen zu schüt­zen 10.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 30. Juli 2015 – 1 Ausl. 218/​15; 1 Ausl 218/​15

  1. vgl. OLG Cel­le, Beschluss vom 05.02.2013 – 1 Ausl 60/​12; OLG Karls­ru­he, NJW 1990, 2208; OLG Köln, Beschluss vom 12.02.2004 – Ausl 25/​04[]
  2. vgl. Schom­burg in Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 5. Auf­la­ge, Exkurs vor Art. 54 SDÜ, Rn. 5, S. 1667[]
  3. BVerfGE 75, 1; BVerfG, Beschluss vom 15.12 2011 – 2 BvR 148/​11[]
  4. vgl. Lagod­ny in Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, a.a.O., § 59 IRG, Rn. 31[]
  5. OLG Frank­furt, Beschluss vom 18.10.2000 – 2 Ausl II 25/​00[]
  6. OLG Cel­le, a.a.O.[][]
  7. BVerfG, Beschluss vom 04.12 2007 – 2 BvR 38/​06[][]
  8. BVerfGE 75, 1; BVerfG, Beschluss vom 04.12 2007 – 2 BvR 38/​06; BVerfG, Beschluss vom 15.12 2011 – 2 BvR 148/​11; OLG Nürn­berg, Beschluss vom 19.03.2014 – 2 Ws 98/​14; Schom­burg in Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, a.a.O., Art. 54 SDÜ, Rn. 3[]
  9. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 17.04.1985 – 1 AK 15/​08[]
  10. Schom­burg in Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, a.a.O., Exkurs zu Art. 54 SDÜ, Rn. 10, S. 1668[]