Rechts­mit­tel­ver­zicht – und die pro­zes­sua­le Hand­lungs­fä­hig­keit

Ein Rechts­mit­tel­ver­zicht des Ange­klag­ten erfor­dert u.a. des­sen pro­zes­sua­le Hand­lungs­fä­hig­keit.

Rechts­mit­tel­ver­zicht – und die pro­zes­sua­le Hand­lungs­fä­hig­keit

Pro­zes­sua­le Hand­lungs­fä­hig 1 ist, wer auf­grund sei­ner geis­ti­gen und kör­per­li­chen Fähig­kei­ten in der Lage ist, sei­ne Inter­es­sen ver­stän­dig wahr­zu­neh­men sowie Pro­zess­hand­lun­gen mit Ver­ständ­nis und Ver­nunft aus­zu­füh­ren 2.

Aus­schlag­ge­bend ist bei Pro­zess­hand­lun­gen im Zusam­men­hang mit Rechts­mit­teln die Fähig­keit, die ver­fah­rens­recht­li­che Bedeu­tung einer Rechts­mit­tel­rück­nah­me oder eines Rechts­mit­tel­ver­zichts zu erken­nen 3. Die­se Fähig­keit wird erst durch schwer­wie­gen­de psy­chi­sche oder auch kör­per­li­che Erkran­kun­gen oder Beein­träch­ti­gun­gen auf­ge­ho­ben 4.

Ob die pro­zes­sua­le Hand­lungs­fä­hig­keit besteht bzw. bestand, hat das jeweils zustän­di­ge Gericht im Frei­be­weis­ver­fah­ren auf­zu­klä­ren 5. Das Revi­si­ons­ge­richt darf sich dafür auf den Akten­in­halt beschrän­ken 6.

An die­sen Maß­stä­ben gemes­sen hat­te der Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Fall kei­ne Zwei­fel, dass der Ange­klag­te im Zeit­punkt der Ver­zichts­er­klä­rung pro­zes­su­al hand­lungs­fä­hig war: Bereits aus­weis­lich der Fest­stel­lun­gen und der zugrun­de lie­gen­den beweis­wür­di­gen­den Erwä­gun­gen im ange­foch­te­nen Urteil lie­gen bei dem Ange­klag­ten kei­ne hirn­or­ga­ni­schen Stö­run­gen oder foren­sisch rele­van­ten Min­der­be­ga­bun­gen vor. Im Rah­men test­psy­cho­lo­gi­scher Unter­su­chun­gen hat er bei dem Ham­burg-Wechs­ler-Intel­li­genz­test für Erwach­se­ne einen Gesamt-IQ von 81 erreicht. Der vom Tat­ge­richt gehör­te psy­cho­lo­gi­sche Sach­ver­stän­di­ge hat hirn­or­ga­nisch beding­te Leis­tungs­ein­bu­ßen des Ange­klag­ten aus­ge­schlos­sen. Dem hat sich der eben­falls gehör­te psych­ia­tri­sche Sach­ver­stän­di­ge ange­schlos­sen. Nach Ein­schät­zung des psy­cho­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen ver­fügt der Ange­klag­te über ein prä­zi­ses Gedächt­nis, ist geis­tig fle­xi­bel, aus­dau­ernd und in der Lage, sich bes­tens zu kon­zen­trie­ren. Der Ange­klag­te sei lern­fä­hig und "intel­lek­tu­ell wie asso­zia­tiv beweg­lich". Er kön­ne gemach­te Ein­drü­cke adäquat ver­ar­bei­ten. Bereits die­se Bewer­tun­gen des Sach­ver­stän­di­gen schlie­ßen für die Beur­tei­lung der pro­zes­sua­len Hand­lungs­fä­hig­keit bedeut­sa­me Beein­träch­ti­gun­gen des Ange­klag­ten sicher aus. Zudem ist er im Hin­blick auf sei­ne mehr­fa­chen Vor­ahn­dun­gen mit den Abläu­fen des Straf­ver­fah­rens, ins­be­son­de­re auch die im Anschluss an eine Urteils­ver­kün­dung regel­mä­ßig erfol­gen­de Beleh­rung über die statt­haf­ten Rechts­mit­tel sowie die mit ihnen ver­bun­de­nen Form- und Fris­ter­for­der­nis­se, ver­traut. Der Bun­des­ge­richts­hof ist daher davon über­zeugt, dass der Ange­klag­te bei Abga­be der Ver­zichts­er­klä­rung weni­ge Tage nach der Urteils­ver­kün­dung ohne wei­te­res in der Lage war, die Bedeu­tung sei­ner schrift­li­chen Erklä­rung zu erken­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. August 2016 – 1 StR 301/​16

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 13.06.2006 – 4 StR 182/​06, NStZ-RR 2007, 210 f.; vom 28.07.2004 – 2 StR 199/​04, NStZ-RR 2004, 341; und vom 15.12 2015 – 4 StR 491/​15, NStZ-RR 2016, 180 f.; Frisch in Sys­te­ma­ti­scher Kom­men­tar zur StPO, 5. Aufl., Band VI, § 302 Rn. 14 mwN[]
  2. sie­he BGH, Beschlüs­se vom 08.02.1995 – 5 StR 434/​94, BGHSt 41, 16, 18; und vom 15.12 2015 – 4 StR 491/​15, NStZ-RR 2016, 180 f.; sie­he auch Frisch aaO[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.03.2000 – 1 StR 607/​99, NStZ 2000, 386, 387; vom 10.01.2001 – 2 StR 500/​00, BGHSt 46, 257, 258; und vom 15.12 2015 – 4 StR 491/​15, NStZ-RR 2016, 180 f.[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 08.02.1994 – 5 StR 39/​94, wis­tra 1994, 197; vom 28.07.2004 – 2 StR 199/​04, NStZ-RR 2004, 341; und vom 15.12 2015 – 4 StR 491/​15, NStZ-RR 2016, 180 f.; Paul in Karls­ru­her Kom­men­tar zur StPO, 7. Aufl., § 302 Rn. 2; Rad­tke in Radtke/​Hohmann, StPO, 2011, § 302 Rn. 9 mwN[]
  5. st. Rspr.; etwa BGH, Beschluss vom 19.01.1999 – 4 StR 693/​98, NStZ 1999, 258, 259; sie­he auch BGH, Beschlüs­se vom 11.10.2007 – 3 StR 368/​07 Rn. 5; und vom 29.09.2010 – 2 StR 371/​10, BGHSt 56, 3, 6 Rn. 7[]
  6. BGH, Beschluss vom 11.10.2007 – 3 StR 368/​07 Rn. 5 mwN[]