Rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen – und ein Abse­hen von einer Kom­pen­sa­ti­on

Das Abse­hen von einer über die Fest­stel­lung der rechts­staats­wid­ri­gen Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung hin­aus­ge­hen­den Kom­pen­sa­ti­on begeg­net im Regel­fall recht­li­chen Beden­ken.

Rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen – und ein Abse­hen von einer Kom­pen­sa­ti­on

Zwar las­sen sich all­ge­mei­ne Kri­te­ri­en für die Fest­le­gung einer für erfor­der­lich erach­te­ten Kom­pen­sa­ti­on nicht auf­stel­len. Ent­schei­dend sind stets die Umstän­de des Ein­zel­fal­les, wie der Umfang der staat­lich zu ver­ant­wor­ten­den Ver­zö­ge­rung, das Maß des Fehl­ver­hal­tens der Straf­ver­fol­gungs­or­ga­ne sowie die Aus­wir­kun­gen all des­sen auf den Ange­klag­ten.

Jedoch ist im Auge zu behal­ten, dass die Ver­fah­rens­dau­er als sol­che sowie die damit ver­bun­de­nen Belas­tun­gen des Ange­klag­ten stets bereits straf­mil­dernd im Rah­men der Straf­zu­mes­sung zu berück­sich­ti­gen sind. In die­sem Punkt der Rechts­fol­gen­be­stim­mung geht es daher nur mehr um einen Aus­gleich für die rechts­staats­wid­ri­ge Ver­ur­sa­chung die­ser Ver­zö­ge­rung [1], d.h. einer wei­ter­ge­hen­den Kom­pen­sa­ti­on bedarf es inso­weit, als der Ange­klag­te gera­de durch die rechts­staats­wid­ri­ge Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung belas­tet war [2].

Der Umstand, dass sich die lan­ge Ver­fah­rens­dau­er als eine „Chan­ce“ für einen Ange­klag­ten erwie­sen hat, sei­nem Leben eine Wen­de zu geben, ist nicht geeig­net, gera­de die Rechts­staats­wid­rig­keit einer Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung aus­zu­glei­chen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. April 2015 – 2 StR 48/​15

  1. BGH, Beschluss vom 17.01.2008 – GSSt 1/​07, BGHSt 52, 124 Rn. 56 mwN; Beschluss vom 09.10.2008 – 1 StR 238/​08, StV 2008, 633, 634; Beschluss vom 16.06.2009 – 3 StR 173/​09, BGHR StGB § 46 Abs. 2 Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung 20[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 29.10.2008 – 2 StR 467/​07, NStZ 2009, 287; BGH, Beschluss vom 05.08.2009 – 1 StR 363/​09, NStZ-RR 2009, 339; BGH, Beschluss vom 02.09.2010 – 2 StR 297/​10; BGH, Beschluss vom 15.04.2009 – 3 StR 128/​09, NStZ-RR 2009, 248[]