Rich­terab­leh­nung im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren

Die Vor­schrift des § 28 Abs. 2 Satz 2 StPO fin­det im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ent­spre­chen­de Anwen­dung. Ein Rechts­mit­tel gegen eine Ent­schei­dung über ein Ableh­nungs­ge­such, das Mit­glie­der einer Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer betrifft, ist regel­mä­ßig unzu­läs­sig, eine Anfech­tung kann nur zusam­men mit einer Anfech­tung der End­ent­schei­dung erfol­gen.

Rich­terab­leh­nung im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren

Ob § 28 Abs. 2 Satz 2 StPO im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren über­haupt – ent­spre­chen­de – Anwen­dung fin­det, ist in der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung aller­dings höchst umstrit­ten.

Wäh­rend bspw. die Ober­lan­des­ge­rich­te Hamm [1], Zwei­brü­cken [2] und Saar­brü­cken [3]§ 28 Abs. 2 Satz 2 StPO nur im Erkennt­nis­ver­fah­ren anwen­den wol­len und eine ent­spre­chen­de Anwen­dung im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ableh­nen, spre­chen sich u.a. das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf [4], das Kam­mer­ge­richt Ber­lin [5] und das Bran­den­bur­gi­sche Ober­lan­des­ge­richt [6] für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung aus. Das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig schließt sich die­ser letzt­ge­nann­ten Ansicht, die in der Lite­ra­tur nahe­zu ein­hel­lig ver­tre­ten wird [7], an.

§ 28 Abs. 2 S. 2 StPO trägt dem Gedan­ken der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit [8]Rech­nung und begrenzt im Inter­es­se einer mög­lichst raschen Ent­schei­dung des­we­gen die Mög­lich­keit, gegen eine auf ein Ableh­nungs­ge­such ergan­ge­ne Ent­schei­dung Rechts­mit­tel ein­le­gen zu kön­nen. Auch wenn damit – schon nach dem Wort­laut der Vor­schrift – die unge­hin­der­te, stö­rungs­freie und beschleu­nig­te Haupt­ver­hand­lung, die nicht belie­big unter­bro­chen wer­den kann [9], also das Erkennt­nis­ver­fah­ren gemeint ist, besteht das in der Rege­lung zum Aus­druck gekom­me­ne Bedürf­nis der ein­ge­schränk­ten Nach­prü­fung einer Vor­ab­ent­schei­dung im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren glei­cher­ma­ßen. Im Rah­men von nach § 305 StPO zu bewer­ten­den Zwi­schen­ent­schei­dun­gen der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer ist dies unbe­strit­ten [10].

Eine Viel­zahl der ihr oblie­gen­den Ent­schei­dun­gen trifft die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer auf­grund einer münd­li­chen Anhö­rung, bspw. bei Aus­set­zung eines Straf­res­tes (§ 454 Abs. 1 Satz 3, Abs. 2 Satz 3 StPO) oder Ent­schei­dun­gen zur Fort­dau­er einer Maß­re­gel (§§ 463 StPO, 67e StGB), wobei im Regel­fall ande­re Betei­lig­te (Bewäh­rungs­hel­fer, Sach­ver­stän­di­ge, behan­deln­de Ärz­te usw.) an der Anhö­rung teil­neh­men. Häu­fig ste­hen die Ent­schei­dun­gen der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer, bspw. bei der Fra­ge, ob eine Ent­las­sung aus dem Straf- oder Maß­re­gel­voll­zug erfol­gen kann, ob eine bewil­lig­te Straf- oder Maß­re­gel­aus­set­zung zum Schutz der All­ge­mein­heit zu wider­ru­fen ist oder ob Maß­nah­men der sog. Kri­sen­in­ter­ven­ti­on zu ergrei­fen sind, unter fak­ti­schem oder auf gesetz­li­cher Rege­lung beru­hen­dem Zeit­druck. Über­schrei­tet die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer bspw. die ihr durch § 67e Abs. 2 StPO gesetz­ten Über­prü­fungs­fris­ten, kann das in beson­de­rem Maße geschütz­te Frei­heits­recht des Betrof­fe­nen dadurch ver­letzt sein [11]. Der Grund­satz der Pro­zess­wirt­schaft­lich­keit lässt sich daher in jeder Hin­sicht auch auf das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren über­tra­gen und recht­fer­tigt damit auch die ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 28 Abs. 2 Satz 2 StPO. Zugleich ist dies mit dem Vor­teil ver­bun­den, dass die­se Vor­schrift dann glei­cher­ma­ßen aus­ge­legt und ange­wen­det wird, wie bei der Anfecht­bar­keit von (sons­ti­gen) Zwi­schen­ent­schei­dun­gen der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer die Vor­schrift des § 305 StPO.

Die inso­weit hier­zu teil­wei­se in der Recht­spre­chung abwei­chend ver­tre­te­ne Ansicht, die den Begriff des erken­nen­den Rich­ters in § 305 StPO anders aus­legt als in § 28 Abs. 2 Satz 2 StPO und teil­wei­se sogar noch nach der Ver­fah­rens­art dif­fe­ren­ziert, in der die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer tätig wird [12], führt dem­ge­gen­über zu einer unüber­sicht­li­chen und damit – aus Sicht eines Beschwer­de­füh­rers – nicht pra­xis­taug­li­chen Zer­split­te­rung der Rechts­we­ge [13].

Das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig schließt sich daher der zuletzt genann­ten Recht­spre­chung an und behan­delt die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer somit unein­ge­schränkt wie ein erken­nen­des Gericht, was im vor­lie­gen­den Fall dann aber die Unzu­läs­sig­keit des Rechts­mit­tels zur Fol­ge hat.

Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 13. Juli 2012 – Ws 199 – 201/​12, Ws 199 /​12, Ws 200/​12, Ws 201/​12

  1. OLG Hamm, Beschluss vom 25.06.2009 – 2 Ws 172/​09[]
  2. OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 26.11.2007 – 1 Ws 479/​07[]
  3. OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 06.02.2007 – 1 Ws 18/​07[]
  4. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 01.10.1986 – 1 Ws 859/​86[]
  5. KG, Beschluss vom 22.01.2003 – 1 AR 63/​03[]
  6. OLG Bran­den­burg, Beschluss vom 15.07.2004 – 1 Ws 99/​04[]
  7. vgl. Mey­er-Goß­ner, StPO, 55. Auf­la­ge, § 28, Rdnr. 6a; Fischer in Karls­ru­her Kom­men­tar, StPO, 6. Auf­la­ge, § 28, Rdnr. 5; Sio­lek in Löwe-Rosen­berg, StPO, 26. Auf­la­ge, § 28, Rdnr. 16; Alex­an­der in Radke/​Hohmann, StPO, Rdnr. 6 zu § 28; a.A. aber: Tem­ming in Hei­del­ber­ger Kom­men­tar, StPO 4. Aufl., Rdnr. 9 zu § 28[]
  8. Mey­er-Goß­ner, a.a.O.[]
  9. Sio­lek, a. a. O.[]
  10. vgl. OLG Hamm, NStZ 1987, 93; Appl in Karls­ru­her Kom­men­tar, StPO 6. Aufl., Rdnr. 34 zu § 454[]
  11. BVerfG, Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10[]
  12. vgl. Han­sOLG Ham­burg, ZfStr­Vo 1995, 184; OLG Mün­chen, Beschluss vom 18.03.1998 – 2 Ws 87/​88[]
  13. vgl. dazu Bran­den­bur­gi­sches OLG, a.a.O., KG Ber­lin, a.a.O.[]