Rich­ter­li­che Ver­neh­mung und Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rungs­recht – und die Fra­ge der qua­li­fi­zier­ten Beleh­rung

Der 5. Straf­se­nat sieht auch nach einer ent­spre­chen­den Anfra­ge des 2. Straf­se­nats [1] kei­nen Grund, von sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung [2] abzu­wei­chen und eine Ver­neh­mung der rich­ter­li­chen Ver­neh­mungs­per­son, die als Aus­nah­me von dem aus § 252 StPO abge­lei­te­ten Ver­wer­tungs­ver­bot durch den anfra­gen­den 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs nicht grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt wor­den ist [3], nur noch dann zuzu­las­sen, wenn der Zeu­ge vor sei­ner rich­ter­li­chen Ver­neh­mung auch „qua­li­fi­ziert“ über die Mög­lich­keit der Ein­füh­rung und Ver­wer­tung sei­ner Aus­sa­ge im wei­te­ren Ver­fah­ren belehrt wor­den ist.

Rich­ter­li­che Ver­neh­mung und Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rungs­recht – und die Fra­ge der qua­li­fi­zier­ten Beleh­rung

Die Aus­nah­me vom Ver­wer­tungs­ver­bot wird von der Recht­spre­chung damit begrün­det, dass die Beleh­rung durch den Rich­ter die Gewähr dafür bie­tet, dem Zeu­gen Kennt­nis von sei­nem Wei­ge­rungs­recht zu ver­schaf­fen, ihm die Bedeu­tung die­ses Rechts bewusst zu machen und ihm die Trag­wei­te sei­nes Han­delns vor Augen zu füh­ren; der Zeu­ge, der sich auf sol­cher Grund­la­ge frei­wil­lig zu einer Aus­sa­ge ent­schlos­sen hat, erlei­det kei­ner­lei Ein­bu­ße in sei­nen Rech­ten, wenn die­se Aus­sa­ge zu Beweis­zwe­cken ver­wer­tet wird, mag er auch bei einer spä­te­ren Ver­neh­mung von einem Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht Gebrauch machen [4].

Zur ord­nungs­ge­mä­ßen Beleh­rung nach § 52 Abs. 3 Satz 1 StPO gehört es nicht, den Zeu­gen auch dar­über zu unter­rich­ten, wel­che Rechts­fol­gen ein­tre­ten, wenn er zunächst aus­sagt, spä­ter jedoch von sei­nem Wei­ge­rungs­recht Gebrauch macht; das Gesetz erfor­dert ledig­lich, dass die Beleh­rung dem Zeu­gen eine genü­gen­de Vor­stel­lung von der Bedeu­tung sei­nes Wei­ge­rungs­rechts ver­mit­telt [5]. Schon die Beleh­rung nach § 52 Abs. 3 Satz 1 StPO weist den Zeu­gen auf die bei ihm bestehen­de Kon­flikt­si­tua­ti­on hin, über die er frei­wil­lig nach eige­nem Ermes­sen zu ent­schei­den hat. Um dem Zeu­gen die Trag­wei­te und End­gül­tig­keit sei­ner Anga­ben vor einem Rich­ter zu ver­deut­li­chen, bedarf es ange­sichts der zwi­schen rich­ter­li­chen und nicht­rich­ter­li­chen Ver­neh­mun­gen bestehen­den Unter­schie­de kei­nes wei­ter­ge­hen­den Hin­wei­ses zur Ver­wert­bar­keit sei­ner Aus­sa­ge. Die­se Unter­schie­de sind auch dem Zeu­gen gewahr. So sind gera­de im Hin­blick auf die Mög­lich­keit der Ver­le­sung einer rich­ter­li­chen Ver­neh­mungs­nie­der­schrift nach § 251 Abs. 2 StPO [6] der Staats­an­walt­schaft, dem Beschul­dig­ten und dem Ver­tei­di­ger bei einer rich­ter­li­chen Ver­neh­mung gemäß § 168c Abs. 2 StPO Anwe­sen­heits- und dar­aus resul­tie­ren­de Fra­ge­rech­te ein­ge­räumt. Zudem kann nur ein Rich­ter nach § 161a Abs. 1 Satz 2 StPO eine eid­li­che Ver­neh­mung vor­neh­men, wes­halb eine unrich­ti­ge oder unvoll­stän­di­ge Aus­sa­ge vor einem Rich­ter nach §§ 153, 154 StGB straf­bar sein kann, wor­auf der Zeu­ge hin­zu­wei­sen ist. Für einen Zeu­gen ist des­halb auch wegen der einem Ermitt­lungs­rich­ter ein­ge­räum­ten Stel­lung [7] erkenn­bar, dass einer rich­ter­li­chen Ver­neh­mung eine erhöh­te Bedeu­tung zukommt; nach der Beleh­rung durch einen Rich­ter steht ihm deut­li­cher vor Augen, dass er im Fal­le sei­ner Aus­sa­ge sei­ne Anga­ben nicht ohne wei­te­res wie­der besei­ti­gen kann [8], deren Fol­gen er aber durch frei­wil­li­ge Ent­schlie­ßung im Bewusst­sein ihrer Bedeu­tung auf sich nimmt [9]. Die­ses Bewusst­sein genügt für die Wah­rung sei­ner grund­recht­lich abge­si­cher­ten Rechts­po­si­ti­on.

Der 5. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs kann nach alle­dem nach sei­ner Auf­fas­sung dahin­ste­hen las­sen, ob die durch den anfra­gen­den 2. Straf­se­nat auf­ge­stell­te The­se, die Mehr­heit der Zeu­gen sei sich der Kon­se­quenz wei­ter­hin bestehen­der Ver­wert­bar­keit ihrer vor dem Rich­ter erfolg­ten Bekun­dun­gen nicht bewusst, recht­stat­säch­lich hin­rei­chend abge­si­chert ist. Er hält es jedoch ent­ge­gen der The­se für eher nahe­lie­gend, dass zahl­rei­che Zeu­gen im Blick auf den Gang zum Rich­ter nach erfolg­ter Aus­sa­ge vor der Poli­zei in Ver­bin­dung mit den pro­zes­sua­len Regu­la­ri­en der rich­ter­li­chen Ver­neh­mung den Grund für deren Durch­füh­rung ken­nen oder, etwa nach Fra­gen zur Not­wen­dig­keit einer wei­te­ren Aus­sa­ge, im Zuge des Ver­fah­rens in Erfah­rung brin­gen.

Der 5. Straf­se­nat könn­te schließ­lich der Ein­schät­zung des anfra­gen­den 2. Straf­se­nats nicht unein­ge­schränkt fol­gen, dass die von die­sem befür­wor­te­te Beleh­rungs­pflicht die Effek­ti­vi­tät der Straf­ver­fol­gung nicht in nen­nens­wer­tem Umfang in Fra­ge stel­len wür­de. Die­se Ein­schät­zung mag unter Umstän­den für „Neu­fäl­le“ zutref­fen. Hin­ge­gen wäre zu besor­gen, dass in einer nicht bezif­fer­ba­ren Men­ge von „Alt­fäl­len“ gera­de auch wegen schwer­wie­gen­der Straf­ta­ten, zu denen womög­lich der vom anfra­gen­den 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs zu ent­schei­den­de Aus­gangs­fall zu rech­nen ist, ein Tat­nach­weis nicht mehr geführt wer­den könn­te, weil der ver­neh­men­de Rich­ter die nach her­kömm­li­cher Recht­spre­chung ent­behr­li­che Beleh­rung nicht erteilt hat und des­we­gen ein Ver­wer­tungs­ver­bot ange­nom­men wer­den müss­te. Vor die­sem Hin­ter­grund könn­te ein Recht­spre­chungs­wan­del nur dann ver­ant­wor­tet wer­den, wenn der bis­he­ri­gen stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ein gra­vie­ren­des rechts­staat­li­ches Defi­zit anhaf­ten wür­de. Davon kann aus den oben genann­ten Grün­den indes­sen kei­ne Rede sein.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Janu­ar 2015 – 5 ARs 64/​14

  1. BGH, Beschluss vom 04.06.2014 – 2 StR 656/​13[]
  2. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 14.03.1967 – 5 StR 540/​66, BGHSt 21, 218 f.; vom 08.12 1999 – 5 StR 32/​99, BGHSt 45, 342, 345, und Beschluss vom 04.04.2001 – 5 StR 604/​00, StV 2001, 386[]
  3. vgl. kri­tisch zu die­ser Aus­nah­me Sander/​Cirener in LR-StPO, 26. Aufl., § 252 Rn. 10; Pau­ly in Radtke/​Hohmann, 2011, StPO § 252 Rn. 52; Vel­ten in SK-StPO, 4. Aufl. Rn. 4[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 29.06.1983 – 2 StR 150/​83, BGHSt 32, 25; vgl. auch BGH, Urteil vom 15.01.1952 – 1 StR 341/​51 aaO, S. 106 f.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 29.06.1983 – 2 StR 150/​83 aaO; vgl. auch BGH, Beschluss vom 16.12 2014 – 4 ARs 21/​14 Rn. 7 f.[]
  6. vgl. Regie­rungs­ent­wurf zu § 168c StPO, BT-Drs. 7/​551, S. 76[]
  7. vgl. BVerfG – Kam­mer – , Beschluss vom 23.01.2008 – 2 BvR 2491/​07[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 12.02.2004 – 3 StR 185/​03, BGHSt 49, 72, 77[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 08.01.1952 – 1 StR 561/​51, aaO, S. 106[]