Ruan­di­sche Kriegs­ver­bre­chen und die deut­sche Gerichts­bar­keit

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart hat die Ankla­ge des Gene­ral­bun­des­an­walts vom 7. Dezem­ber 2010 gegen zwei mut­maß­li­che Füh­rungs­funk­tio­nä­re der "Forces Démo­cra­ti­ques de Libé­ra­ti­on du Rwan­da" – den 47-jäh­ri­gen ruan­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen Dr. Ignace M. und den 49-jäh­ri­gen ruan­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen Stra­ton M. – wegen Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit und Kriegs­ver­bre­chen sowie wegen Mit­glied­schaft in der aus­län­di­schen ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung „Forces Démo­cra­ti­ques de Libé­ra­ti­on du Rwan­da“ (FDLR) unver­än­dert zuge­las­sen. Der Ange­schul­dig­te Dr. Ignace M. ist zudem hin­rei­chend ver­däch­tig, Rädels­füh­rer in die­ser Ver­ei­ni­gung gewe­sen zu sein.

Ruan­di­sche Kriegs­ver­bre­chen und die deut­sche Gerichts­bar­keit

Hier­bei han­delt sich bun­des­weit um eine der ers­ten Ankla­gen wegen Vor­wür­fen nach dem seit 30. Juni 2002 gel­ten­den Völ­ker­straf­ge­setz­buch. Ein wei­te­res Ver­fah­ren wegen Straf­ta­ten nach dem Völ­ker­straf­ge­setz­buch ist bis­her ledig­lich beim Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main anhän­gig – und auch dort geht es seit dem 18. Janu­ar 2011 um die Kriegs­ver­bre­chen in Ruan­da.

Den Ange­klag­ten wird zur Last gelegt, von Deutsch­land aus die Vor­ge­hens­wei­se, Stra­te­gi­en und Tak­ti­ken der FDLR, einer bewaff­ne­ten Rebel­len­grup­pe, die über­wie­gend aus ruan­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen der Bevöl­ke­rungs­grup­pe der Hutu besteht, gesteu­ert zu haben und so für 26 Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit und 39 Kriegs­ver­bre­chen ver­ant­wort­lich zu sein, die ihnen unter­ste­hen­de Mili­zio­nä­re in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go im Jahr 2008 und bis zum 17. Novem­ber 2009 began­gen haben sol­len.

Die „Forces Démo­cra­ti­ques de Libé­ra­ti­on du Rwan­da“ (FDLR), die auch unter dem Namen „Forces Com­bat­tan­tes Aba­cun­gu­zi“ (FOCA) auf­tritt, ist eine über­wie­gend aus Ange­hö­ri­gen der Volks­grup­pe der Hutu bestehen­de Rebel­len­grup­pe, die ursprüng­lich von den 1994 aus Ruan­da geflüch­te­ten Ver­ant­wort­li­chen des Völ­ker­mor­des an der Volks­grup­pe der Tut­si gegrün­det wur­de. Sie hat ihre Ope­ra­ti­ons­ba­sis im Osten der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go und ver­folgt das Ziel, die gegen­wär­ti­ge Regie­rung Ruan­das zu ent­mach­ten. Ihre Macht­stel­lung im Ost­kon­go ver­sucht sie durch regel­mä­ßi­ge und gewalt­tä­ti­ge Über­grif­fe auf die loka­le Zivil­be­völ­ke­rung zu sichern. Die Mit­tel, die die FDLR sys­te­ma­tisch zur Fes­ti­gung ihres ille­ga­len Besat­zungs­re­gimes ein­setzt, umfas­sen Mord, Kör­per­ver­let­zung, Ver­ge­wal­ti­gung, sexu­el­le Ver­skla­vung, gewalt­sa­me Land­nah­me, Raub, Plün­de­rung und Brand­schat­zung, eigen­mäch­ti­ge Erhe­bung von Wege­zöl­len sowie Aus­beu­tung der kon­go­le­si­schen Boden­schät­ze.

Seit Beginn des Jah­res 2009 sah sich die FDLR einem zuneh­men­den mili­tä­ri­schen Druck durch gemein­sa­me Offen­si­ven der ruan­di­schen und kon­go­le­si­schen Arme­en sowie der inter­na­tio­na­len Schutz­trup­pe MONUC (seit Juli 2010: MONUSCO) aus­ge­setzt. Dar­auf reagier­te sie mit Ver­gel­tungs­maß­nah­men gegen die Zivil­be­völ­ke­rung, mit denen sie ziel­ge­rich­tet huma­ni­tä­re Kata­stro­phen in den Kivu-Pro­vin­zen im Ost­kon­go aus­lös­te. Die FDLR woll­te damit zum einen ihre Macht­ba­sis sta­bi­li­sie­ren, zum ande­ren beab­sich­tig­te sie, die kon­go­le­si­schen Streit­kräf­te zum Ein­len­ken und die ruan­di­sche Regie­rung zu direk­ten Ver­hand­lun­gen über eine Macht­be­tei­li­gung zu zwin­gen.

Der Ange­schul­dig­te Dr. Ignace M. ist seit Dezem­ber 2001 Prä­si­dent der FDLR, der Ange­schul­dig­te Stra­ton M. seit Juni 2004 deren Ers­ter Vize­prä­si­dent. Bis zu ihrer Fest­nah­me am 17. Novem­ber 2009 steu­er­ten die Ange­schul­dig­ten von Deutsch­land aus zusam­men mit dem in Frank­reich wohn­haf­ten Cal­lix­te M., der mitt­ler­wei­le vom Inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof in Den Haag inhaf­tiert wor­den ist die Vor­ge­hens­wei­se, Stra­te­gi­en und Tak­ti­ken der FDLR. Sie hät­ten daher die zur Stra­te­gie der Orga­ni­sa­ti­on gehö­ren­de sys­te­ma­ti­sche Bege­hung von Gewalt­ta­ten durch die FDLR-Mili­zio­nä­re an der Zivil­be­völ­ke­rung unter­bin­den kön­nen. Kon­kret sind die Ange­schul­dig­ten für 26 Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit und 39 Kriegs­ver­bre­chen ver­ant­wort­lich, die ihnen unter­ste­hen­de Mili­zio­nä­re in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go von Janu­ar 2008 bis zum 17. Novem­ber 2009 began­gen haben. Unter ande­rem wur­den dabei mehr als 200 Men­schen getö­tet, zahl­rei­che Frau­en ver­ge­wal­tigt, Zivil­per­so­nen als Schutz­schild gegen Angrif­fe mili­tä­ri­scher Geg­ner miss­braucht und Kin­der in die FDLR-Miliz ein­ge­glie­dert.

Seit ihrer Fest­nah­me am 17. Novem­ber 2009 befin­den sich die Ange­klag­ten in Unter­su­chungs­haft, in sei­nem zur Unter­su­chungs­haft ergan­ge­nem Beschluss hat der Bun­des­ge­richts­hof sich ins­be­son­de­re aus­führ­lich mit der Vor­ge­setz­ten­ver­ant­wort­lich­keit nach dem Völ­ker­straf­ge­setz­buch aus­ein­an­der gesetzt.

Mit dem Beginn der Haupt­ver­hand­lung ist vor­aus­sicht­lich im Mai 2011 zu rech­nen.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 1. März 2011 – 5- 3 StE 6/​10