Rück­tritt vom Ver­such – und die jugend­straf­recht­li­che Schwe­re der Schuld

Bei frei­wil­li­gem Rück­tritt vom Ver­such ist die schul­d­er­hö­hen­de Berück­sich­ti­gung des zunächst gege­be­nen Voll­endungs­vor­sat­zes im Rah­men der Prü­fung der "Schwe­re der Schuld" im Sin­ne von § 17 JGG jeden­falls dann rechts­feh­ler­haft, wenn nicht der Umstand der frei­wil­li­gen Abkehr von die­sem Vor­satz glei­cher­ma­ßen berück­sich­tigt wird. Erst bei­de Gesichts­punk­te gemein­sam erge­ben das Tat­bild, wel­ches in der spe­zi­fisch jugend­straf­recht­li­chen Beur­tei­lung der Schuld­schwe­re zu bewer­ten ist.

Rück­tritt vom Ver­such – und die jugend­straf­recht­li­che Schwe­re der Schuld

Es begeg­net für den Bun­des­ge­richts­hof durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken, dass die Jugend­kam­mer die Schwe­re der Schuld auch damit begrün­det hat, dass der Ange­klag­te mit beding­tem Tötungs­vor­satz gehan­delt habe, ohne zugleich zu berück­sich­ti­gen, dass der Ange­klag­te vom Ver­such des Tötungs­de­likts frei­wil­lig zurück­ge­tre­ten ist.

Ist der erwach­se­ne Täter vom Ver­such einer Straf­tat straf­be­frei­end zurück­ge­tre­ten, gleich­wohl aber wegen eines zugleich ver­wirk­lich­ten voll­ende­ten ande­ren Delikts zu bestra­fen, so darf der auf die ver­such­te Straf­tat gerich­te­te Vor­satz nicht straf­schär­fend berück­sich­tigt wer­den 1. Dies trägt dem Grund­ge­dan­ken des § 24 StGB Rech­nung, der im Inter­es­se des Opfer­schut­zes einen per­sön­li­chen Straf­auf­he­bungs­grund für Fäl­le vor­sieht, in denen ein Täter frei­wil­lig die wei­te­re Tat­aus­füh­rung auf­gibt oder ihre Voll­endung aktiv ver­hin­dert. Die­ser Geset­zes­zweck wür­de unter­lau­fen, wenn der auf die Ver­wirk­li­chung des wei­ter­ge­hen­den Delikts gerich­te­te Vor­satz straf­schär­fend berück­sich­tigt wür­de.

Zwar ist der Schuld­ge­halt der Tat bei der Delikts­be­ge­hung durch jugend­li­che und her­an­wach­sen­de Täter jugend­spe­zi­fisch zu bestim­men 2. Die "Schwe­re der Schuld" im Sin­ne des § 17 Abs. 2 JGG wird daher nicht vor­ran­gig anhand des äuße­ren Unrechts­ge­halts der Tat und ihrer Ein­ord­nung nach dem all­ge­mei­nen Straf­recht bestimmt. In ers­ter Linie ist viel­mehr auf die inne­re Tat­sei­te abzu­stel­len 3. Der äuße­re Unrechts­ge­halt der Tat und das Tat­bild sind jedoch inso­fern von Belang, als hier­aus Schlüs­se auf die cha­rak­ter­li­che Hal­tung, die Per­sön­lich­keit und die Tat­mo­ti­va­ti­on des Jugend­li­chen oder Her­an­wach­sen­den gezo­gen wer­den kön­nen 4. Ent­schei­dend ist, ob und in wel­chem Umfang sich die cha­rak­ter­li­che Hal­tung, die Per­sön­lich­keit sowie die Tat­mo­ti­va­ti­on des Täters vor­werf­bar in der Tat mani­fes­tiert haben 5.

Auch unter Berück­sich­ti­gung die­ser Beson­der­hei­ten kann aber der Umstand, dass der jugend­li­che oder her­an­wach­sen­de Täter zunächst mit beding­tem Tötungs­vor­satz han­del­te, im Fal­le eines frei­wil­li­gen Rück­tritts vom Ver­such des Tötungs­de­likts nicht ohne Wei­te­res zur Begrün­dung der Schwe­re der Schuld im Sin­ne des § 17 Abs. 2 JGG her­an­ge­zo­gen wer­den.

Die Schuld des jugend­li­chen oder her­an­wach­sen­den Täters wird nach der in § 24 StGB zum Aus­druck kom­men­den, nicht auf das Erwach­se­nen­straf­recht beschränk­ten, son­dern auch im Jugend­straf­recht zu beach­ten­den gesetz­ge­be­ri­schen Wer­tung nicht durch den Umstand erhöht, dass er zunächst mit Tötungs­vor­satz han­del­te, wenn er vor Errei­chen die­ses tat­be­stand­li­chen Zie­les die wei­te­re Tat­aus­füh­rung aus auto­no­men Grün­den frei­wil­lig auf­ge­ge­ben oder die Tat­voll­endung aktiv ver­hin­dert hat. Mit dem frei­wil­li­gen Rück­tritt vom Ver­such hat er viel­mehr doku­men­tiert, dass sein "ver­bre­che­ri­scher Wil­le" nicht aus­ge­prägt genug gewe­sen ist, um sein delik­ti­sches Ziel zu ver­wirk­li­chen 6. Die in dem Ver­such zunächst zum Aus­druck gekom­me­ne Gefähr­lich­keit des jugend­li­chen oder her­an­wach­sen­den Täters erweist sich nach­träg­lich als "wesent­lich gerin­ger" 7.

Die auf der Tat­be­stands­ebe­ne auch im Jugend­straf­recht unein­ge­schränkt gel­ten­de Rege­lung des § 24 Abs. 1 StGB zwingt daher dazu, den Umstand des straf­be­frei­en­den Rück­tritts vom Ver­such in die unter jugend­straf­recht­li­chem Blick­win­kel erfol­gen­de Berück­sich­ti­gung des Tat­bilds ein­zu­stel­len, wenn der auf den wei­ter­ge­hen­den Erfolg gerich­te­te Tat­vor­satz schul­d­er­hö­hend berück­sich­tigt wer­den soll. Erst bei­de Gesichts­punk­te gemein­sam erge­ben das Tat­bild, wel­ches in der spe­zi­fisch jugend­straf­recht­li­chen Beur­tei­lung der Schuld­schwe­re zu bewer­ten ist. Die ein­sei­tig schul­d­er­hö­hen­de Berück­sich­ti­gung allein des zunächst vor­lie­gen­den Voll­endungs­vor­sat­zes bei der Beur­tei­lung der Schwe­re der Schuld erweist sich dem­ge­gen­über als rechts­feh­ler­haft.

Die Fra­ge, ob die Annah­me erheb­li­cher Anla­ge- und Erzie­hungs­män­gel 8 im Sin­ne des § 17 Abs. 2 JGG auch auf den Umstand gestützt wer­den könn­te, dass ein jugend­li­cher oder her­an­wach­sen­der Täter zunächst zu einem Angriff auf das Leben eines ande­ren bereit gewe­sen ist, bedarf vor­lie­gend kei­ner Ent­schei­dung, weil die Jugend­kam­mer das Vor­lie­gen schäd­li­cher Nei­gun­gen ver­neint und Jugend­stra­fe allein wegen Schwe­re der Schuld ver­hängt hat. Der Bun­des­ge­richts­hof neigt jedoch der Ansicht zu, dass die Bewer­tung inso­weit kei­nen ande­ren Grund­sät­zen fol­gen kann.

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te im vor­lie­gen­den Fall ein Beru­hen des Straf­aus­spruchs auf dem fest­ge­stell­ten Rechts­feh­ler nicht aus­schlie­ßen, zumal die Jugend­kam­mer auch im Rah­men der Straf­zu­mes­sung im enge­ren Sin­ne "straf­schär­fend" auf den bei Tat­be­ginn bestehen­den beding­ten Tötungs­vor­satz abge­stellt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. April 2016 – 2 StR 320/​15

  1. BGH, Beschluss vom 04.04.2012 – 2 StR 70/​12, NStZ 2013, 158; Beschluss vom 07.04.2010 – 2 StR 51/​10, NStZ-RR 2010, 202; Beschluss vom 14.05.2003 – 2 StR 98/​03, NStZ 2003, 533; Beschluss vom 13.05.1998 – 2 StR 172/​98, BGHR StGB § 46 Abs. 2 Wer­tungs­feh­ler 30; BGH, Beschluss vom 08.01.2014 – 3 StR 372/​13, StV 2014, 482; Beschluss vom 20.08.2002 – 5 StR 338/​02, StV 2003, 218; Urteil vom 14.02.1996 – 3 StR 445/​95, BGHSt 42, 43, 44 ff.; Beschluss vom 14.11.1995 – 4 StR 639/​95, StV 1996, 263; Beschluss vom 16.04.1980 – 3 StR 115/​80, MDR 1980, 813; st. Rspr.[]
  2. Münch­Komm-BGB/­Rad­tke, 2. Aufl., § 17 JGG, Rn. 58, 70[]
  3. BGH, Urteil vom 19.02.2014 – 2 StR 413/​13, NStZ 2014, 407, 408[]
  4. BGH, Beschluss vom 17.12 2014 – 3 StR 521/​14, NStZ-RR 2015, 155, 156; Beschluss vom 06.05.2013 – 1 StR 178/​13, NStZ 2013, 658, 659; Beschluss vom 14.08.2012 – 5 StR 318/​12, Stra­Fo 2012, 469, 470[]
  5. BGH, Urteil vom 11.11.1960 – 4 StR 387/​60, BGHSt 15, 224, 226[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 28.02.1956 – 5 StR 352/​55, BGHSt 9, 48, 52[]
  7. BGH, aaO; Roxin, 2003, Straf­recht, All­ge­mei­ner Teil Band II, S. 478[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 08.01.2015 – 3 StR 581/​14, NStZ-RR 2015, 154[]