Rück­tritt vom Ver­such der räu­be­ri­schen Erpres­sung mit Todes­fol­ge

Ein wirk­sa­mer Rück­tritt vom Ver­such der räu­be­ri­schen Erpres­sung mit Todes­fol­ge (§§ 251, 255, 22 StGB) durch Ver­hin­de­rung der Todes­fol­ge gemäß § 24 Abs. 1 Satz 1 Alter­na­ti­ve 2 StGB setzt nicht vor­aus, dass der Täter auch vom Ver­such der schwe­ren räu­be­ri­schen Erpres­sung (§§ 250, 255 StGB) zurück­tritt. Dies gilt selbst dann, wenn der Täter für den Fall, dass sei­ne For­de­run­gen nicht erfüllt wer­den, damit droht, erneut ein Mit­tel ein­zu­set­zen, das geeig­net ist, den Tod ande­rer Men­schen her­bei­zu­füh­ren.

Rück­tritt vom Ver­such der räu­be­ri­schen Erpres­sung mit Todes­fol­ge

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ent­schloss sich der Ange­klag­te vor dem Hin­ter­grund sei­ner deso­la­ten finan­zi­el­len Situa­ti­on dazu, als "Lebens­mit­teler­pres­ser" meh­re­re Glä­ser Baby­nah­rung mit der Che­mi­ka­lie Ethy­len­gly­kol zu ver­set­zen und die­se im Anschluss in meh­re­ren Lebens­mit­te­lund Dro­ge­rie­märk­ten ver­schie­de­ner Ein­zel­han­dels­ket­ten aus­zu­brin­gen. Er woll­te sodann die Ver­ant­wort­li­chen der Ein­zel­han­dels­kon­zer­ne – unter Hin­weis auf die mit einer töd­li­chen Men­ge Gift kon­ta­mi­nier­ten Glä­ser und unter Andro­hung der Aus­brin­gung wei­te­rer kon­ta­mi­nier­ter Glä­ser – zur Zah­lung eines Bar­geld­be­tra­ges in Mil­lio­nen­hö­he bewe­gen. Um an das Geld zu gelan­gen, nahm er den Tod von Säug­lin­gen oder Klein­kin­dern zumin­dest bil­li­gend in Kauf.

Die Vor­be­rei­tungs­hand­lun­gen des Ange­klag­ten zogen sich über meh­re­re Mona­te hin. Zunächst ver­schaff­te sich der Ange­klag­te über ein Inter­net­han­dels­un­ter­neh­men zwei Liter rei­nes Ethy­len­gly­kol. Sodann erstell­te er von Öster­reich aus über ein Mobil­te­le­fon mit einer öster­rei­chi­schen SIM­Kar­te einen Fan­ta­sie­Goo­g­le­Ac­count, um die­sen für die beab­sich­tig­te anony­me Über­mitt­lung sei­ner Geld­for­de­rung zu nut­zen. Schließ­lich ver­schaff­te er sich ins­ge­samt fünf ver­schie­de­ne Glä­ser mit jeweils 190 g Baby­nah­rung zwei­er ver­schie­de­ner Mar­ken, öff­ne­te jeweils den Deckel der vaku­um­ver­schlos­se­nen Glä­ser und brach­te in die ent­hal­te­ne brei­ige Baby­nah­rung jeweils zwi­schen ca. 41 und 50 ml rei­nes Ethy­len­gly­kol ein. Anschlie­ßend schraub­te er die Deckel wie­der auf die Glä­ser. Bei rei­nem Ethy­len­gly­kol han­delt es sich, wie der Ange­klag­te wuss­te, um eine farb­und geruchs­lo­se Flüs­sig­keit mit einem süß­li­chen Geschmack. Die Ein­nah­me von Ethy­len­gly­kol ist für Säug­lin­ge und Klein­kin­der ab einer Dosis von ca. 1, 4 ml pro Kilo­gramm Kör­per­ge­wicht töd­lich. Nach dem Kon­sum einer töd­li­chen Men­ge tritt der Tod in einem Zeit­raum von bis zu 72 Stun­den nach der Ein­nah­me infol­ge Nie­ren­ver­sa­gens ein. Zuvor kommt es zu einer schwe­ren stoff­wech­sel­be­ding­ten Über­säue­rung, zu Krampf­an­fäl­len, Bewusst­seins­ein­trü­bun­gen, Koma­zu­stän­den und einer begin­nen­den Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz und dann zu Stö­run­gen des Herz­Kreis­lauf­Sys­tems sowie der Atmung.

Am Sams­tag, den 16.09.2017 ver­teil­te der Ange­klag­te die fünf mit jeweils für Säug­lin­ge und Klein­kin­der töd­li­chen Ethy­len­gly­kol­men­gen ver­se­he­nen Glä­ser im Zeit­raum von 16.38 Uhr bis 19.02 Uhr auf fünf zu die­ser Zeit regu­lär geöff­ne­te Lebens­mit­te­lund Dro­ge­rie­märk­te. In vier die­ser Märk­te stell­te er jeweils eines der Glä­ser in ein Ver­kaufs­re­gal für Baby­nah­rung, in dem jeweils eine Viel­zahl wei­te­rer Glä­ser Baby­nah­rung der­sel­ben Mar­ke und Geschmacks­rich­tung zum Ver­kauf bereit­stan­den. Im fünf­ten Markt, der kei­ne ent­spre­chen­de Baby­nah­rung führ­te, stell­te er das Glas in ein Süß­wa­ren­re­gal. Einer der Märk­te schloss an die­sem Tag um 19 Uhr, die ande­ren um 20 Uhr, 21 Uhr bzw. 22 Uhr.

Die kon­ta­mi­nier­ten Glä­ser Baby­nah­rung wie­sen kei­ne Mar­kie­run­gen auf und waren auch sonst optisch nicht von nicht kon­ta­mi­nier­ten Glä­sern zu unter­schei­den. Sie ent­hiel­ten eine für die "Ziel­grup­pe" der Baby­nah­rung um das drei­bis fünf­fa­che töd­li­che Dosis Ethy­len­gly­kol, was der Ange­klag­te bil­li­gend in Kauf nahm. Jeden­falls hin­sicht­lich der vier Märk­te, die ent­spre­chen­de Baby­nah­rung im Sor­ti­ment führ­ten, nahm der Ange­klag­te bil­li­gend in Kauf, dass das jewei­li­ge Glas mit kon­ta­mi­nier­ter Baby­nah­rung schon bis zum Laden­schluss oder ab Öff­nung des Mark­tes am dar­auf­fol­gen­den Mon­tag ver­kauft wer­den und nach dem anschlie­ßen­den Ver­zehr zum Tod eines Säug­lings oder Klein­kin­des füh­ren könn­te.

Um 19.02 Uhr ver­schick­te der Ange­klag­te dann unter dem von ihm ein6 gerich­te­ten Fan­ta­sieE­Mail­Ac­count eine EMail mit der Betreff­zei­le "Ver­gif­te­te " an das Bun­des­kri­mi­nal­amt, Baby­nah­rung in Gescha­ef­ten in F. eine Ver­brau­cher­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on sowie sechs Ein­zel­han­dels­kon­zer­ne. In die­ser anonym ver­fass­ten EMail teil­te der Ange­klag­te wahr­heits­ge­mäß mit, dass sich in fünf Märk­ten nament­lich bezeich­ne­ter Ein­zel­han­dels­kon­zer­ne, die in F. zum Teil meh­re­re Filia­len hat­ten, fünf mit einer töd­li­chen toxi­schen Men­ge ver­setz­te Pro­duk­te befän­den. Dabei bezeich­ne­te der Ange­klag­te Mar­ke und Geschmacks­rich­tung kon­kret, nicht aber die direkt betrof­fe­ne Filia­le. In der EMail for­der­te der Ange­klag­te von den Ver­ant­wort­li­chen der Ein­zel­han­dels­kon­zer­ne die Zah­lung von Bar­geld in Höhe von 11, 75 Mio. Euro und mach­te detail­lier­te Anga­ben zur Geld­über­ga­be. Soll­ten sei­ne For­de­run­gen voll­um­fäng­lich erfüllt wer­den, wer­de nie­mand zu Scha­den kom­men. Wei­ter kün­dig­te er an, dass sich am Sams­tag, den 30.09.2017 20 wei­te­re ver­gif­te­te Pro­duk­te in "natio­na­len und inter­na­tio­na­len" Filia­len der betrof­fe­nen Ein­zel­han­dels­kon­zer­ne befin­den wür­den. Nach Erfül­lung sei­ner For­de­run­gen wür­de er die Ver­brau­cher­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on und das Bun­des­kri­mi­nal­amt per EMail dar­über infor­mie­ren, wel­che 20 ver­gif­te­ten Pro­duk­te am 30.09.2017 aus­ge­bracht wor­den sei­en bzw. wo sie sich befän­den. Wür­den sei­ne For­de­run­gen nicht erfüllt, wer­de er die "Akti­on" abbre­chen und noch mehr ver­gif­te­te Pro­duk­te plat­zie­ren, wor­über er das Bun­des­kri­mi­nal­amt und die Ver­brau­cher­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on dann aber erst nach dem Ver­kauf und Ver­zehr der Pro­duk­te infor­mie­ren wer­de.

Im Rah­men der auf die EMail hin noch am 16.09.2017 ein­ge­lei­te­ten poli­zei­li­chen Ermitt­lungs­maß­nah­men, die durch die Viel­zahl der zu über­prü­fen­den Filia­len erschwert wur­den, gelang es der Poli­zei, drei der Glä­ser mit kon­ta­mi­nier­ter Baby­nah­rung am nicht ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­tag, den 17.09.2017 sicher­zu­stel­len. Die bei­den wei­te­ren Glä­ser konn­ten erst im Lau­fe des dar­auf­fol­gen­den Mon­tags bzw. am Abend des Diens­tags von Mit­ar­bei­tern des jewei­li­gen Mark­tes in Ver­kaufs­re­ga­len für Baby­nah­rung auf­ge­fun­den wer­den; an die­sen Tagen waren die Märk­te regu­lär für den Kun­den­ver­kehr geöff­net. Wes­halb die­se Glä­ser nicht bereits am Sonn­tag von den in die­sen Märk­ten ein­ge­setz­ten Poli­zei­be­am­ten gesi­chert wer­den konn­ten, konn­te nicht auf­ge­klärt wer­den.

Zu der vom Ange­klag­ten erstreb­ten Zah­lung von 11, 75 Mio. Euro kam es nicht. Er konn­te iden­ti­fi­ziert und fest­ge­nom­men wer­den, nach­dem im Rah­men einer Öffent­lich­keits­fahn­dung am 28.09.2017 Licht­bil­der aus Über­wa­chungs­ka­me­ras von zwei der betrof­fe­nen Märk­te ver­öf­fent­licht wor­den waren, die den Ange­klag­ten beim Aus­brin­gen der Glä­ser mit kon­ta­mi­nier­ter Baby­nah­rung zeig­ten.

Das Land­ge­richt Ravens­burg hat das Tat­ge­sche­hen als ver­such­ten Mord (§§ 211, 22, 23 StGB) – unter Annah­me der Mord­merk­ma­le Hab­gier, Ermög­li­chungs­ab­sicht und Heim­tü­cke – in Tat­ein­heit mit ver­such­ter schwe­rer räu­be­ri­scher Erpres­sung mit Todes­fol­ge (§§ 251, 253, 255, 22, 23 StGB) in der Kon­stel­la­ti­on des Ver­suchs der Erfolgs­qua­li­fi­ka­ti­on gewer­tet 1. Dabei ist das Land­ge­richt trotz des nach­ein­an­der erfolg­ten Angriffs auf das Leben meh­re­rer Men­schen und damit auf höchst­per­sön­li­che Rechts­gü­ter wegen der zufäl­li­gen Opfer­wahl, der ein­heit­li­chen Aus­gangs­la­ge bei den Aus­brin­gungs­vor­gän­gen, der ein­heit­li­chen sub­jek­ti­ven Ziel­set­zung bei einem zuvor gefass­ten Tat­plan und wegen des iden­ti­schen Vor­ge­hens von einem ein­heit­li­chen Vor­gang aus­ge­gan­gen.

Der Bun­des­ge­richts­hof sah dies jedoch anders: Zwar hat das Land­ge­richt ohne Rechts­feh­ler die Tat­be­stand­merk­ma­le des ver­such­ten Mor­des (§§ 211, 22, 23 StGB) und der ver­such­ten schwe­ren räu­be­ri­schen Erpres­sung mit Todes­fol­ge (§§ 251, 255, 22, 23 StGB) als gege­ben ange­se­hen. Die rechts­feh­ler­frei getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen bele­gen jedoch, dass der Ange­klag­te wirk­sam vom Ver­such des Mor­des; und vom Ver­such der Todes­fol­ge beim ver­such­ten Erpres­sungs­de­likt zurück­ge­tre­ten ist. Damit ver­bleibt ledig­lich eine Straf­bar­keit wegen ver­such­ter beson­ders schwe­rer räu­be­ri­scher Erpres­sung (§§ 255, 22, 23 StGB).

Raub mit Todes­fol­ge (§ 251 StGB) ist ein erfolgs­qua­li­fi­zier­tes Delikt, des­sen Ver­such nicht nur in der Form began­gen wer­den kann, dass der Täter durch eine in fina­ler Ver­knüp­fung mit der Weg­nah­me ste­hen­de räu­be­ri­sche Nöti­gungs­hand­lung den Tod des Opfers ver­ur­sacht, es aber nicht zur Voll­endung des Raub­de­likts kommt – sog. erfolgs­qua­li­fi­zier­ter Ver­such –, son­dern auch dadurch, dass der Ein­satz der i.S.d. § 249 StGB tat­be­stands­mä­ßi­gen Gewalt zugleich (bedingt) vor­sätz­lich vor­ge­nom­me­ne Tötungs­hand­lung ist, die aber den qua­li­fi­zier­ten Erfolg nicht bewirkt – sog. ver­such­te Erfolgs­qua­li­fi­zie­rung 2. Das­sel­be gilt für die ver­such­te räu­be­ri­sche Erpres­sung mit Todes­fol­ge (§§ 251, 255 StGB).

Indem der Ange­klag­te zur Erpres­sung unter Anwen­dung von Dro­hun­gen mit gegen­wär­ti­ger Gefahr für Leib oder Leben (§ 255 StGB) fünf Glä­ser mit in für Klein­kin­der töd­li­cher Dosis ver­gif­te­ter Baby­nah­rung in die Ver­kaufs­re­ga­le von Ein­zel­han­dels­märk­ten stell­te, ver­wen­de­te er ein gefähr­li­ches Werk­zeug im Sin­ne von § 250 Abs. 2 Nr. 1 StGB 3. Eine Gefahr für Leib oder Leben im Sin­ne des § 255 StGB kann auch zum Nach­teil von mit dem Erpres­sungs­op­fer nicht iden­ti­schen Per­so­nen ange­droht wer­den – hier gegen­über Kin­dern der Käu­fer von Baby­nah­rung 4.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts kann der Ange­klag­te jedoch des­halb nicht wegen der Taten des ver­such­ten Mor­des und der ver­such­ten (beson­ders) schwe­ren räu­be­ri­schen Erpres­sung mit Todes­fol­ge bestraft wer­den, weil er im Sin­ne von § 24 Abs. 1 Satz 1 Alter­na­ti­ve 2 StGB die Voll­endung die­ser Tat­be­stän­de ver­hin­dert hat.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kommt ein Rück­tritt vom Ver­such gemäß § 24 Abs. 1 Satz 1 Alter­na­ti­ve 2 StGB auch dann in Betracht, wenn der Täter unter meh­re­ren Mög­lich­kei­ten der Erfolgs­ver­hin­de­rung nicht die sichers­te oder "opti­ma­le" gewählt hat, sofern sich das auf Erfolgs­ab­wen­dung gerich­te­te Ver­hal­ten des Ver­suchstä­ters als erfolg­reich und für die Ver­hin­de­rung der Tat­voll­endung als ursäch­lich erweist 5. Es kommt nicht dar­auf an, ob dem Täter schnel­le­re oder siche­re­re Mög­lich­kei­ten der Erfolgs­ab­wen­dung zur Ver­fü­gung gestan­den hät­ten; das Erfor­der­nis eines "ernst­haf­ten Bemü­hens" gemäß § 24 Abs. 1 Satz 2 StGB gilt für die­sen Fall nicht 6. Erfor­der­lich ist aber stets, dass der Täter eine neue Kau­sal­ket­te in Gang gesetzt hat, die für die Nicht­voll­endung der Tat ursäch­lich oder jeden­falls mit­ur­säch­lich gewor­den ist 7. Ohne Belang ist dabei, ob der Täter noch mehr hät­te tun kön­nen, sofern er nur die ihm bekann­ten und zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel benutzt hat, die aus sei­ner Sicht den Erfolg ver­hin­dern konn­ten 8.

Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben ist der Ange­klag­te durch Ver­hin­de­rung des Tat­er­folgs der Tötung von Men­schen gemäß § 24 Abs. 1 Satz 1 Alter­na­ti­ve 2 StGB wirk­sam vom – been­de­ten – Ver­such des Mor­des zurück­ge­tre­ten.

Indem er in einer anonym ver­fass­ten EMail auf die kon­ta­mi­nier­ten Pro­duk­te auf­merk­sam mach­te, setz­te der Ange­klag­te eine neue Kau­sal­ket­te in Gang, die nicht nur aus sei­ner Sicht zur Sicher­stel­lung der ver­gif­te­ten Baby­nah­rung füh­ren soll­te, son­dern tat­säch­lich zu deren Auf­fin­den führ­te und sich damit für die Ver­hin­de­rung der Tat­voll­endung auch als ursäch­lich erwies. Den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts ist mit hin­rei­chen­der Deut­lich­keit zu ent­neh­men, dass der Ange­klag­te mit sei­ner EMail auch auf die Ver­ei­te­lung des von ihm frei­lich als mög­lich erkann­ten Tötungs­er­fol­ges abziel­te. Dies kommt nicht zuletzt dar­in zum Aus­druck, dass der Ange­klag­te dar­auf hin­wies, dass "nie­mand zu Scha­den" kom­men wer­de, soll­ten sei­ne For­de­run­gen voll­um­fäng­lich erfüllt wer­den. Soll­te dies aber nicht der Fall sein, wer­de er für wei­te­re ver­gif­te­te Pro­duk­te, die er jedoch erst am 30.09.2017 in den Ver­kehr brin­gen woll­te, nicht recht­zei­tig dar­auf hin­wei­sen, wo sie aus­ge­bracht wor­den sei­en bzw. wo sie sich befän­den. Die­se Äuße­run­gen kön­nen nicht anders ver­stan­den wer­den, als dass der Ange­klag­te zwar sei­ne Ent­schlos­sen­heit zum Aus­druck brin­gen woll­te, zur Errei­chung sei­ner Zie­le auch den Tod von Klein­kin­dern in Kauf zu neh­men, er aber woll­te, dass die von ihm bereits in Ein­kaufs­märk­te ver­brach­te ver­gif­te­te Baby­nah­rung auf­ge­fun­den wird, bevor sie ver­zehrt wird. Damit erach­te­te er sei­nen Hin­weis auf die ver­gif­te­ten Pro­duk­te für eine Ver­hin­de­rung des Tötungs­er­folgs auch für aus­rei­chend.

Zwar ist es für einen Rück­tritt erfor­der­lich, dass der Täter den Tat­vor­satz voll­stän­dig auf­gibt. Des­halb reicht es nicht aus, wenn der Täter den Tat­er­folg wei­ter­hin bil­li­gend in Kauf nimmt, etwa indem er dem Opfer "nach Art eines Glücks­spiels eine Chan­ce gibt" 9. Ein sol­cher Fall liegt hier indes nicht vor. Viel­mehr ent­hielt der an die Poli­zei und die betrof­fe­nen Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men gege­be­ne Hin­weis auf die ver­gif­te­te Baby­nah­rung kon­kre­te Anga­ben, die der Poli­zei geziel­te Maß­nah­men zum Auf­fin­den und zur Sicher­stel­lung der ver­gif­te­ten Pro­duk­te vor dem Ver­zehr ermög­lich­ten. Zwar wähl­te der Ange­klag­te nicht die sichers­te oder opti­ma­le Mög­lich­keit zur Erfolgs­ver­hin­de­rung, weil er nicht die direkt betrof­fe­nen Ein­zel­han­dels­fi­lia­len benann­te und auch nicht die loka­len Sicher­heits­be­hör­den infor­mier­te. Indem er angab, dass sich in F. in fünf Märk­ten nament­lich bezeich­ne­ter Ein­zel­han­dels­kon­zer­ne genau fünf mit einer töd­li­chen toxi­schen Men­ge ver­setz­te und nach Mar­ke und Geschmacks­rich­tung kon­kret bezeich­ne­te Pro­duk­te befän­den, mach­te er jedoch so genaue Anga­ben zur Ermög­li­chung von deren Sicher­stel­lung, dass damit eine Wer­tung, er habe eine mög­li­che Tötung von Klein­kin­dern mit die­sen Pro­duk­ten wei­ter­hin gebil­ligt, nicht mehr zu ver­ein­ba­ren wäre.

Einem wirk­sa­men Rück­tritt steht auch nicht ent­ge­gen, dass der Ange­klag­te sei­nen Wil­len nicht auf­ge­ge­ben hat­te, zu einem spä­te­ren Zeit­punkt erneut ver­gif­te­te Baby­nah­rung in die Rega­le von Lebens­mit­tel­märk­ten zu stel­len, sofern sei­ne Zah­lungs­for­de­run­gen nicht erfüllt wür­den. Denn zu einem hier­durch began­ge­nen erneu­ten Mord­ver­such hat­te der Ange­klag­te noch nicht im Sin­ne von § 22 StGB ange­setzt. Die Andro­hung einer sol­chen Gefähr­dung von Leib oder Leben wird aber vom Tat­be­stand der räu­be­ri­schen Erpres­sung (§ 255 StGB) erfasst.

Auch vom (been­de­ten) Ver­such der (beson­ders) schwe­ren räu­be­ri­schen Erpres­sung mit Todes­fol­ge (§§ 251, 250, 255, 22, 23 StGB) ist der Ange­klag­te wirk­sam zurück­ge­tre­ten, indem er die Voll­endung der Todes­fol­ge als Erfolgs­qua­li­fi­ka­ti­on im Sin­ne von § 24 Abs. 1 Satz 1 Alter­na­ti­ve 2 StGB ver­hin­dert hat.

Rück­tritt vom ver­such­ten erfolgs­qua­li­fi­zier­ten Delikt ist in den Fäl­len des Ver­suchs der Erfolgs­qua­li­fi­ka­ti­on auch dadurch mög­lich, dass der Täter das Ein­tre­ten der Fol­ge ver­hin­dert 10. So ver­hält es sich hier.

Der Rück­tritt vom ver­such­ten Mord und von der Erfolgs­qua­li­fi­ka­ti­on des § 251 StGB lässt die Straf­bar­keit wegen ver­such­ter beson­ders schwe­rer räu­be­ri­scher Erpres­sung unbe­rührt, weil der Ange­klag­te hier­von nicht zurück­ge­tre­ten ist.

Mit sei­nem Hin­weis auf die in Lebens­mit­te­lund Dro­ge­rie­märk­ten in F. befind­li­chen fünf Glä­ser mit ver­gif­te­ter Baby­nah­rung hat der Ange­klag­te zwar inso­weit eine Tötung von Klein­kin­dern ver­hin­dert. Sein Ver­hal­ten erfüllt aber den Tat­be­stand der ver­such­ten räu­be­ri­schen Erpres­sung (§§ 255, 253, 22, 23 StGB), weil der Ange­klag­te zur Durch­set­zung sei­ner unbe­rech­tig­ten Geld­for­de­rung gegen die Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men mit der wei­te­ren Ver­brei­tung ver­gif­te­ter Baby­nah­rung "in natio­na­len und inter­na­tio­na­len" Filia­len der Unter­neh­men gedroht hat.

Der Ange­klag­te hat das Qua­li­fi­ka­ti­ons­merk­mal des § 250 Abs. 2 Nr. 1 StGB (Ver­wen­den eines gefähr­li­chen Werk­zeugs) ver­wirk­licht, indem er als Droh­mit­tel am 16.09.2017 fünf Glä­ser mit ver­gif­te­ter Baby­nah­rung in die Ver­kaufs­re­ga­le von Ein­zel­han­dels­ge­schäf­ten stell­te. Ein Rück­tritt von die­ser Qua­li­fi­ka­ti­on schei­det aus, weil der Ange­klag­te durch die Ver­wen­dung des Droh­mit­tels die Qua­li­fi­ka­ti­on bereits voll­endet hat­te und die qua­li­fi­ka­ti­ons­be­grün­den­de erhöh­te Gefahr schon ein­ge­tre­ten war 11. Durch die Ver­hin­de­rung des Ver­zehrs der von ihm aus­ge­brach­ten fünf Glä­ser mit ver­gif­te­ter Baby­nah­rung infol­ge sei­ner EMail ist der Ange­klag­te daher von die­ser Qua­li­fi­ka­ti­on nicht wirk­sam zurück­ge­tre­ten. Hier­für hät­te er sei­nen Tatent­schluss im Gan­zen auf­ge­ben müs­sen 12. Der Erpres­sungs­vor­satz des Ange­klag­ten bestand jedoch bis zu sei­ner Fest­nah­me durch­ge­hend fort.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Juni 2019 – 1 StR 34/​19

  1. LG Ravens­burg, Urteil vom 22.10.2018 31 Js 20283/​17[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 29.03.2001 – 3 StR 46/​01, BGHR StGB § 251 Ver­such 1; und vom 10.05.2001 – 3 StR 99/​01, BGHR StGB § 251 Ver­such 2; vgl. auch Vogel in LKStGB, 12. Aufl., § 18 Rn. 82[]
  3. vgl. zum Begriff des gefähr­li­chen Werk­zeugs BGH, Beschlüs­se vom 27.01.2009 – 4 StR 473/​08, BGHR StGB § 250 Abs. 2 Nr. 1 Gefähr­li­ches Werk­zeug 1; vom 06.03.2018 – 2 StR 65/​18 Rn. 4; und vom 09.10.2018 – 1 StR 418/​18 Rn. 4[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 27.08.1998 – 4 StR 332/​98 Rn.20[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 05.07.2018 – 1 StR 201/​18, BGHR StGB § 24 Abs. 1 Satz 1 Ver­hin­de­rung 2 Rn. 8[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 20.12 2002 – 2 StR 251/​02, BGHSt 48, 147, 149 ff.; und vom 05.07.2018 – 1 StR 201/​18, BGHR StGB § 24 Abs. 1 Satz 1 Ver­hin­de­rung 2 Rn. 8[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.08.1985 – 4 StR 326/​85, BGHSt 33, 295, 301; vom 13.03.2008 – 4 StR 610/​07, BGHR StGB § 24 Abs. 1 Satz 2 Bemü­hen 7; und vom 20.05.2010 – 3 StR 78/​10 Rn. 8[]
  8. vgl. BGH aaO, BGHSt 33, 295, 301 mwN; BGH, Beschluss vom 05.07.2018 – 1 StR 201/​18, BGHR StGB § 24 Abs. 1 Satz 1 Ver­hin­de­rung 2 Rn. 8[]
  9. Fischer, StGB, 66. Aufl., § 24 Rn. 30, 35[]
  10. vgl. Vogel in LKStGB, 12. Aufl., § 18 Rn. 84; San­der in MükoStGB, 3. Aufl., § 251 Rn. 14; Fischer, StGB, 66. Aufl., § 18 Rn. 10; vgl. zum "Teil­rück­tritt" von der Qua­li­fi­ka­ti­on auch BGH, Urteil vom 04.04.2007 – 2 StR 34/​07, BGHSt 51, 276 Rn. 9[]
  11. vgl. BGH, Urtei­le vom 04.04.2007 – 2 StR 34/​07, BGHSt 51, 276 Rn. 9; und vom 23.08.1983 – 5 StR 408/​83[]
  12. vgl. Fischer, StGB, 66. Aufl., § 24 Rn. 27[]