Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten – und das bes­se­re Fach­wis­sen des Gerichts

Zwar ist das Tat­ge­richt nicht gehal­ten, einem Sach­ver­stän­di­gen zu fol­gen. Kommt es aber zu einem ande­ren Ergeb­nis, so muss es sich kon­kret mit den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen aus­ein­an­der set­zen, um zu bele­gen, dass es über das bes­se­re Fach­wis­sen ver­fügt 1.

Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten – und das bes­se­re Fach­wis­sen des Gerichts

Es muss ins­be­son­de­re auch des­sen Stel­lung­nah­me zu den Gerichts­punk­ten wie­der­ge­ben, auf die es sei­ne abwei­chen­de Auf­fas­sung stützt 2 und unter Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen sei­ne Gegen­an­sicht begrün­den, damit dem Revi­si­ons­ge­richt eine Nach­prü­fung mög­lich ist 3.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das ange­foch­te­ne land­ge­richt­li­che Urteil nicht gerecht: Das Land­ge­richt teilt zwar die Ein­schät­zung des Sach­ver­stän­di­gen mit, der bei einem Ver­gleich von Bil­dern des Ange­klag­ten mit Auf­nah­men einer Über­wa­chungs­ka­me­ra von der Tat­be­ge­hung kei­ne erheb­li­chen Abwei­chun­gen fest­ge­stellt, zudem diver­se Merk­mals­ähn­lich­kei­ten erkannt und es inso­weit als "wahr­schein­lich" ange­se­hen hat, dass der Ange­klag­te mit dem Täter auf dem Über­wa­chungs­vi­deo iden­tisch sei. Die Straf­kam­mer legt auch noch dar, dass sie "dem nicht in vol­lem Umfang aus eige­ner Über­zeu­gung zu fol­gen ver­moch­te", da die von dem Sach­ver­stän­di­gen aus dem Video­ma­te­ri­al gewon­ne­nen und für einen Ver­gleich her­an­ge­zo­ge­nen Licht­bil­der teil­wei­se so unscharf gewe­sen sei­en, dass die Kam­mer die Kon­tu­ren nicht mit der glei­chen Sicher­heit wie der Sach­ver­stän­di­ge als die­je­ni­gen des Ange­klag­ten iden­ti­fi­zie­ren konn­te. Sie ver­säumt es aber, der eige­nen Ein­schät­zung von der man­geln­den Qua­li­tät der Tat­ort­bil­der die Stel­lung­nah­me des Gut­ach­ters gegen­über zu stel­len und zu erläu­tern, war­um die­ser in den Bil­dern (noch) eine hin­rei­chen­de Grund­la­ge für die Fer­ti­gung eines anthro­po­lo­gi­schen Gut­ach­tens sieht und aus wel­chem Grund sie sich dem gleich­wohl nicht anzu­schlie­ßen ver­mag. Ohne nähe­re Kennt­nis die­ser Umstän­de ist es dem Bun­des­ge­richts­hof – trotz eini­ger in Bezug genom­me­ner Licht­bil­der, die die Straf­kam­mer durch­aus nach­voll­zieh­bar als "so ver­schwom­men" bezeich­net hat, dass sie hier­auf ver­läss­lich einen Ver­gleich nicht stüt­zen konn­te – nicht mög­lich nach­zu­prü­fen, ob der Ein­schät­zung der Straf­kam­mer die hier­für erfor­der­li­che Sach­kun­de zugrun­de liegt.

Die­ser Dar­le­gungs­man­gel führt zur Auf­he­bung der land­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung. Der Bun­des­ge­richts­hof kann nicht aus­schlie­ßen, dass der Tatrich­ter bei der gebo­te­nen Wür­di­gung des anthro­po­lo­gi­schen Gut­ach­tens zu einer ande­ren Ein­schät­zung gelangt und dar­aus die Über­zeu­gung von der Täter­schaft des Ange­klag­ten gewon­nen hät­te. Die Sache bedarf, zweck­mä­ßi­ger­wei­se unter Her­an­zie­hung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen, neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Janu­ar 2017 – 2 StR 323/​16

  1. vgl. BGH NStZ 2013, 55, 56[]
  2. vgl. BGH NStZ 2000, 550[]
  3. vgl. BGH NStZ 1994, 503[]