Scha­dens­er­satz wegen nach­träg­lich ver­län­ger­ter Siche­rungs­ver­wah­rung

Straf­tä­tern, deren Siche­rungs­ver­wah­rung über die ursprüng­lich zuläs­si­gen 10 Jah­re hin­aus nach­träg­lich ver­län­gert wur­de, steht des­we­gen ein Anspruch auf imma­te­ri­el­len Scha­dens­er­satz gegen das jewei­li­ge Bun­des­land zu.

Scha­dens­er­satz wegen nach­träg­lich ver­län­ger­ter Siche­rungs­ver­wah­rung

Dies ent­schied der Bun­des­ge­richts­hof jetzt in vier Fäl­len aus Baden-Würt­tem­berg und setzt damit die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te, nach der die nach­träg­lich ver­län­ger­te Siche­rungs­ver­wah­rung gegen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­stößt, sowie die in der Fol­ge hier­zu ergan­ge­ne Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Geset­zes­än­de­run­gen zur Siche­rungs­ver­wah­rung in Alt­fäl­len ( § 67d StGB) nun auch im Bereich der Amts­haf­tung zuguns­ten der von der unzu­läs­sig ver­län­ger­ten Siche­rungs­ver­wah­rung Betrof­fe­nen um.

In den vier hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len waren die Klä­ger zwi­schen 1977 und 1986 durch Urtei­le baden-würt­tem­ber­gi­scher Land­ge­rich­te zu lang­jäh­ri­gen Frei­heits­stra­fen zwi­schen fünf und fünf­zehn Jah­ren ver­ur­teilt wor­den. Die­se­en Ver­ur­tei­lun­gen lagen jeweils schwe­re Straf­ta­ten zugrun­de, ins­be­son­de­re sol­che gegen die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung. In allen vier Fäl­len hat­te das Gericht anschlie­ßen­de Siche­rungs­ver­wah­rung ange­ord­net. Die­se wur­de nach Ver­bü­ßung der Straf­haft in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Frei­burg voll­zo­gen.

Nach der im Zeit­punkt der Ver­ur­tei­lung der Klä­ger gel­ten­den Fas­sung des § 67d Abs. 1, Abs. 3 StGB durf­te die Dau­er der erst­ma­li­gen Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung zehn Jah­re nicht über­stei­gen; nach Ablauf die­ser Höchst­frist war der Unter­ge­brach­te zu ent­las­sen. Durch das Gesetz zur Bekämp­fung von Sexu­al­de­lik­ten und ande­ren gefähr­li­chen Straf­ta­ten vom 26. Janu­ar 1998 1 wur­de die­se Rege­lung geän­dert. Die Höchst­frist von zehn Jah­ren ent­fiel; § 67d Abs. 3 StGB bestimm­te nun­mehr, dass nach Ablauf von zehn Jah­ren das Gericht die Siche­rungs­ver­wah­rung für erle­digt erklärt, "wenn nicht die Gefahr besteht, dass der Unter­ge­brach­te infol­ge sei­nes Han­ges erheb­li­che Straf­ta­ten bege­hen wird, durch wel­che die Opfer see­lisch oder kör­per­lich schwer geschä­digt wer­den". Die­se Bestim­mung galt auch für Alt­fäl­le, d.h. für Straf­tä­ter, die ihre Tat vor Ver­kün­dung und Inkraft­tre­ten des Geset­zes began­gen hat­ten und vor die­sem Zeit­punkt ver­ur­teilt wor­den waren.

Auf­grund der Geset­zes­än­de­rung wur­den die Klä­ger nicht nach Ablauf der Zehn-Jah­res­frist aus der Siche­rungs­ver­wah­rung ent­las­sen. Viel­mehr ord­ne­te das Land­ge­richt Frei­burg (Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer) – jeweils auf der Grund­la­ge ein­ge­hol­ter Gut­ach­ten von Sach­ver­stän­di­gen – in Abstän­den von zwei Jah­ren, zuletzt mit Beschlüs­sen im Dezem­ber 2009 und August 2010 an, dass die Siche­rungs­ver­wah­rung fort­zu­dau­ern habe, da von den Klä­gern wei­ter­hin ein Risi­ko aus­ge­he.

Auf die jewei­li­gen sofor­ti­gen Beschwer­den der Klä­ger hob das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he im Juli, Sep­tem­ber bzw. Okto­ber 2010 die ange­foch­te­nen Ent­schei­dun­gen auf und stell­te die Erle­di­gung der Siche­rungs­ver­wah­rung fest. Die Klä­ger wur­den jeweils noch am glei­chen Tag aus der Siche­rungs­ver­wah­rung ent­las­sen. Das Ober­lan­des­ge­richt stütz­te sei­ne Ent­schei­dun­gen maß­geb­lich auf das im Rah­men eines Indi­vi­du­al­be­schwer­de­ver­fah­rens eines ande­ren siche­rungs­ver­wahr­ten Straf­tä­ters ergan­ge­ne Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te – V. Sek­ti­on – vom 17. Dezem­ber 2009 2, wonach die Ände­rung des § 67d Abs. 3 StGB mit Art. 5 Abs. 1 und Art. 7 Abs. 1 EMRK nicht ver­ein­bar sei. Die­se Ent­schei­dung ist seit dem 10. Mai 2010 end­gül­tig, nach­dem ein Aus­schuss der Gro­ßen Kam­mer den Antrag der Bun­des­re­gie­rung auf Ver­wei­sung an die Gro­ße Kam­mer nach Art. 43 Abs. 2 EMRK abge­lehnt hat (Art. 44 Abs. 2 Buchst. c EMRK).

Mit Urteil vom 4. Mai 2011 3 erklär­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die gesetz­li­chen Rege­lun­gen zur nach­träg­li­chen Ver­län­ge­rung der Siche­rungs­ver­wah­rung für ver­fas­sungs­wid­rig.

Die Klä­ger haben das beklag­te Land auf Ersatz ihres imma­te­ri­el­len Scha­dens für die auch nach Ablauf der Zehn-Jah­res­frist wei­ter voll­zo­ge­ne Siche­rungs­ver­wah­rung in Anspruch genom­men. Das Land­ge­richt Karls­ru­he hat den Klä­gern – unter Abwei­sung der wei­ter gehen­den Kla­gen – ent­spre­chend der jewei­li­gen Dau­er der nach­träg­lich ver­län­ger­ten Siche­rungs­ver­wah­rung Ent­schä­di­gun­gen in Höhe zwi­schen 49.000 € und 73.000 € nach Art. 5 Abs. 5 EMRK zuer­kannt 4. Die Beru­fung des beklag­ten Lan­des Baden-Würt­tem­berg ist in allen Fäl­len vor dem Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ohne Erfolg geblie­ben 5. Der Bun­des­ge­richts­hof hat jetzt die Beru­fungs­ur­tei­le bestä­tigt.

Nach Maß­ga­be der in den Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 17. Dezem­ber 2009 und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Mai 2011 auf­ge­stell­ten Rechts­grund­sät­ze war die nach­träg­li­che Ver­län­ge­rung der Siche­rungs­ver­wah­rung auch im Fall der Klä­ger rechts­wid­rig, so dass die­sen ein Anspruch auf Scha­dens­er­satz zusteht. Denn Art. 5 Abs. 5 EMRK gewährt dem Betrof­fe­nen einen unmit­tel­ba­ren Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen rechts­wid­ri­ger Frei­heits­be­schrän­kun­gen durch die öffent­li­che Hand, der vom Ver­schul­den der han­deln­den Amts­trä­ger unab­hän­gig ist und auch den Ersatz imma­te­ri­el­len Scha­dens umfasst. Des­halb spiel­te es kei­ne Rol­le, dass die mit der Ver­län­ge­rung der Siche­rungs­ver­wah­rung befass­ten Amts­trä­ger kei­ner­lei Schuld­vor­wurf trifft, da sie ent­spre­chend dem kla­ren und ein­deu­ti­gen Wort­laut der maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten des Straf­ge­setz­buchs und im Ein­klang mit der vor­ma­li­gen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung – das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te die Anwen­dung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Rege­lun­gen mit Urteil vom 5. Febru­ar 2004 in Über­ein­stim­mung mit der fach­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zunächst als recht­mä­ßig beur­teilt – gehan­delt haben.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist der Argu­men­ta­ti­on des beklag­ten Lan­des Baden-Würt­tem­berg nicht gefolgt, eine etwai­ge nach Art. 5 Abs. 5 EMRK zu leis­ten­de Ent­schä­di­gung sei (nur) von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, aber nicht vom Land Baden-Würt­tem­berg geschul­det, da die Straf­ge­rich­te des Lan­des auf­grund der objek­ti­ven, vom Bun­des­ge­setz­ge­ber durch das Gesetz vom 26. Janu­ar 1998 geschaf­fe­nen Nor­men­la­ge gar kei­ne ande­re Wahl gehabt hät­ten, als die Fort­set­zung der Siche­rungs­ver­wah­rung auch nach Ablauf der frü­he­ren Höchst­frist anzu­ord­nen. Denn im Rah­men der inner­staat­li­chen Gel­tend­ma­chung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs nach Art. 5 Abs. 5 EMRK ist der Hoheits­trä­ger ver­ant­wort­lich, des­sen Hoheits­ge­walt bei der rechts­wid­ri­gen Frei­heits­ent­zie­hung aus­ge­übt wur­de. Der unmit­tel­ba­re Ein­griff in das Frei­heits­recht der Klä­ger ist hier jedoch durch die Beschlüs­se der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Frei­burg und deren anschlie­ßen­den Voll­zug in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Frei­burg erfolgt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 19. Sep­tem­ber 2013 – III ZR 405 bis 408/​12

  1. BGBl. I S. 160[]
  2. EGMR, Beschwer­de-Nr. 19359/​04, NJW 2010, 2495, EuGRZ 2010, 25[]
  3. BVerfGE 128, 326[]
  4. LG Karls­ru­he, Urtei­le vom 24.04.2012 – 2 O 330/​11, 2 O 278/​11, 2 O 316/​11, 2 O 279/​11[]
  5. OLG Karls­ru­he, Urtei­le vom 29.112012 – 12 U 62/​12, 12 U 60/​12, 12 U 63/​12, 12 U 61/​12[]