Schleu­sung von Kin­dern und Jugend­li­chen – und die Teil­nah­me­hand­lun­gen

Mit der (gewerbs­mä­ßi­gen) Schleu­sung von aus­län­di­schen Kin­dern und Jugend­li­chen hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Schleu­sung von Kin­dern und Jugend­li­chen – und die Teil­nah­me­hand­lun­gen

Durch die Straf­vor­schrift des § 96 Abs. 1 Auf­en­thG wer­den nach den all­ge­mei­nen Regeln (§§ 26, 27 StGB) straf­ba­re Teil­nah­me­hand­lun­gen an den in § 96 Abs. 1 Auf­en­thG in Bezug genom­me­nen Taten nach § 95 Auf­en­thG zu selb­stän­di­gen, in Täter­schaft (§ 25 StGB) began­ge­nen Straf­ta­ten her­auf­ge­stuft, wenn der Teil­neh­mer zugleich eines der in § 96 Abs. 1 Auf­en­thG gere­gel­ten Schleu­ser­merk­ma­le erfüllt 1. Trotz die­ser tat­be­stand­li­chen Ver­selb­stän­di­gung zur Täter­schaft gel­ten für die Tat­hand­lun­gen des § 96 Abs. 1 Auf­en­thG die all­ge­mei­nen Regeln der Teil­nah­me ein­schließ­lich des Grund­sat­zes der limi­tier­ten Akzess­orie­tät 2. Die Straf­bar­keit wegen voll­ende­ten Ein­schleu­sens von Aus­län­dern setzt daher das Vor­lie­gen einer vor­sätz­li­chen und rechts­wid­ri­gen Haupt­tat des Geschleus­ten vor­aus.

Das jugend­li­che und erst recht ein gerin­ge­res Alter und die Unrei­fe des Haupt­tä­ters kön­nen gegen eine Vor­satz­tat spre­chen 3. Auch die Wer­tun­gen von § 3 JGG, § 19 StGB spre­chen dafür, den Tat­vor­satz von Jugend­li­chen und erst recht von Kin­dern kri­tisch zu prü­fen. Die pau­scha­le Beweis­wür­di­gung des Land­ge­richts, die allein auf der Kennt­nis erwach­se­ner Zeu­gen von feh­len­den Päs­sen und Geneh­mi­gun­gen für die Ein­rei­se nach Deutsch­land und auf den inak­zep­ta­blen Trans­port­be­din­gun­gen grün­det, genügt daher für die min­der­jäh­ri­gen Geschleus­ten den recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht. Bei Jugend­li­chen (§ 1 Abs. 2 JGG) liegt es zwar kei­nes­wegs fern, dass der sub­jek­ti­ve Tat­be­stand der uner­laub­ten Ein­rei­se zu beja­hen ist 4. Der Tatrich­ter muss aber zumin­dest was hier nicht gesche­hen ist begrün­den, wes­halb auch das jugend­li­che Alter der ihm oblie­gen­den Über­zeu­gungs­bil­dung nicht ent­ge­gen­steht.

Wei­ter­ge­hen­de Anfor­de­run­gen an die Beweis­wür­di­gung sind bei den geschleus­ten Kin­dern zu stel­len. Dass etwa sie­beno­der acht­jäh­ri­ge syri­sche und ira­ki­sche Kin­der, wie sie sich nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts in den Fäl­len 1, 2 und 4 bis 6 der Urteils­grün­de in den Trans­port­fahr­zeu­gen befan­den, den Tat­be­stand der uner­laub­ten Ein­rei­se nach § 95 Abs. 1 Nr. 3 Auf­en­thG vor­sätz­lich ver­wirk­li­chen, bedarf nähe­rer und indi­vi­du­el­ler Begrün­dung. Denn auf­grund ihres diver­gie­ren­den Ent­wick­lungs­stands ist zwei­fel­haft, ob den Kin­dern schon das Pas­sie­ren der Staats­gren­ze der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, jeden­falls aber der Umstand einer Schleu­sung bewusst war. Die vom Land­ge­richt gezo­ge­nen Schluss­fol­ge­run­gen gehen daher für den sub­jek­ti­ven Tat­be­stand der von ihm als Haupt­tä­ter ange­se­he­nen Kin­der nicht über eine rei­ne Ver­mu­tung hin­aus.

Das Pro­blem der schwer zu bele­gen­den Vor­satz­er­for­der­nis­se bei den Geschleus­ten (ins­be­son­de­re min­der­jäh­ri­gen Per­so­nen) ist Fol­ge des gesetz­ge­be­ri­schen Kon­zepts der sog. limi­tier­ten Akzes­so­ri­tät, auch im Rah­men von § 96 Abs. 2 Satz 2 nF Auf­en­thG 5. Es lie­ße sich durch die Schaf­fung eines eigen­stän­di­gen Tat­be­stands sach­ge­recht ver­mei­den. Denn der Schuld­um­fang des Ein­schleu­sens von Aus­län­dern wird maß­geb­lich von der geför­der­ten Zahl der Haupt­ta­ten mit­be­stimmt. Soweit wie hier bei den min­des­tens sie­ben­jäh­ri­gen Kin­dern eine (zurück­tre­ten­de) Ver­suchs­straf­bar­keit des Ange­klag­ten nach § 96 Abs. 3 Auf­en­thG in Betracht kommt, ist eine sol­che von gemin­der­tem Erfolgs­un­wert. Das­sel­be wür­de gel­ten, soll­te was der Geset­zes­sys­te­ma­tik aller­dings fremd wäre die Hil­fe "zuguns­ten meh­re­rer Aus­län­der" nur einen Haupt­tä­ter erfor­dern und zugleich auch ande­re Per­so­nen erfas­sen 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Okto­ber 2018 – 1 StR 212/​18

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 06.06.2012 4 StR 144/​12, NStZ 2013, 483; und vom 30.05.2013 5 StR 130/​13, BGHSt 58, 262, 265 f. Rn. 9; Urteil vom 11.07.2003 2 StR 31/​03, NStZ 2004, 45; vgl. Münch­Komm-StG­B/Ge­ri­cke, 3. Aufl., § 96 Auf­en­thG Rn. 2[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 08.03.2017 5 StR 333/​16, BGHSt 62, 85, 89 f. Rn. 18; Beschluss vom 13.01.2015 4 StR 378/​14, NStZ 2015, 399, 400; Münch­Komm-StG­B/Ge­ri­cke, 3. Aufl., § 96 Auf­en­thG Rn. 3; Sen­ge in Erbs/​Kohlhaas, Straf­recht­li­che Neben­ge­set­ze [Stand: Juli 2014], § 96 Auf­en­thG Rn. 3; Schott, Ein­schleu­sen von Aus­län­dern, 2. Aufl., S. 106[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.01.2005 4 StR 469/​04 22; und vom 03.02.2005 4 StR 492/​04, ZJJ 2005, 205; Brunner/​Dölling, JGG, 13. Aufl., § 3 Rn.19; Eisen­berg, JGG, 20. Aufl., § 3 Rn. 31[]
  4. vgl. auch BayO­bLG, Beschluss vom 31.03.2003 4 St RR 18/​2003, NStZ-RR 2003, 275, 276[]
  5. vgl. dazu BT-Drs.19/2438, S. 26[]
  6. vgl. dazu Münch­Komm-StG­B/Ge­ri­cke, 3. Aufl., § 96 Auf­en­thG Rn.19; aA Mos­ba­cher in Kluth/​Hund/​Maaßen, Zuwan­de­rungs­recht, 2. Aufl., § 10 Rn. 37; Aurn­ham­mer, Spe­zi­el­les Aus­län­der­straf­recht, S. 158 f.[]