Schuld­an­ge­mes­se­ne Stra­fe – und die Straf­mil­de­rung aus indi­vi­du­al­prä­ven­ti­ven Grün­den

Aus dem Grund­satz "Kei­ne Stra­fe ohne Schuld" folgt für die Straf­ge­rich­te das in § 46 Abs. 1 Satz 1 StGB ver­an­ker­te Gebot schuld­an­ge­mes­se­nen Stra­fens im Ein­zel­fall 1.

Schuld­an­ge­mes­se­ne Stra­fe – und die Straf­mil­de­rung aus indi­vi­du­al­prä­ven­ti­ven Grün­den

Wäh­rend somit die Stra­fe dem Schuld­aus­gleich dient und sich das Straf­maß in jedem ein­zel­nen Fall am Maß­stab des Schuld­prin­zips mes­sen las­sen muss, die­nen die in § 61 Nr. 1 bis 6 StGB auf­ge­zähl­ten Maß­re­geln jeweils der Bes­se­rung und Siche­rung des Ange­klag­ten.

Sie über­neh­men damit die­je­ni­gen ins­be­son­de­re indi­vi­du­al­prä­ven­ti­ven Funk­tio­nen, die die Stra­fe wegen ihrer Bin­dung an die Schuld des Täters gera­de nicht über­neh­men kann 2.

Hier­aus folgt, dass – nicht anders als hin­sicht­lich einer Straf­schär­fung aus gene­ral­prä­ven­ti­ven Erwä­gun­gen 3 – eine Straf­mil­de­rung aus indi­vi­du­al­prä­ven­ti­ven Grün­den nur im Rah­men der schuld­an­ge­mes­se­nen Stra­fe in Betracht kom­men kann 4.

Im hier ent­schie­de­nen Fall sind die Aus­füh­run­gen der Straf­kam­mer zum gesam­ten Rechts­fol­gen­aus­spruch davon geprägt, "spe­zi­al­prä­ven­ti­ven Gesichts­punk­ten … abso­lu­ten Vor­rang" ein­zu­räu­men und sowohl die Ein­zel­stra­fe wegen uner­laub­ten Han­del­trei­bens mit Betäu­bungs­mit­teln in nicht gerin­ger Men­ge als auch die Gesamt­stra­fe "unter dem Gesichts­punkt der Spe­zi­al­prä­ven­ti­on" so zu bemes­sen, dass sie "unter Berück­sich­ti­gung der anzu­rech­nen­den Unter­su­chungs­haft sich noch in einer Grö­ßen­ord­nung … (hal­ten), deren Voll­stre­ckung im Fall eines erfolg­rei­chen Abschlus­ses der der­zeit voll­zo­ge­nen Maß­re­gel und bei Vor­lie­gen der wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen gemäß § 35 Abs. 3 Ziff. 2 BtMG zurück­ge­stellt wer­den könn­te".

Die­se Aus­füh­run­gen las­sen besor­gen, dass die Straf­kam­mer die von ihr fest­ge­setz­ten Stra­fen rechts­feh­ler­haft nicht nach der Schuld, son­dern unter Zugrun­de­le­gung der indi­vi­du­al­prä­ven­ti­ven Wir­kung einer nicht von ihr ver­häng­ten Rechts­fol­ge bemes­sen hat, und dass sie dabei auch Fra­gen der Straf­voll­stre­ckung unzu­läs­sig mit den­je­ni­gen der Straf­zu­mes­sung ver­mengt hat 5. Anders als in dem der Ent­schei­dung des 1. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 03.05.2011 6 zugrun­de lie­gen­den Fall hat das Land­ge­richt mit sei­nen Erwä­gun­gen daher nicht nur die gemäß § 46 Abs. 1 Satz 2 StGB zu berück­sich­ti­gen­den "Wir­kun­gen der Stra­fe" für das künf­ti­ge Leben des Ange­klag­ten in der Gesell­schaft (mit)berücksichtigt, son­dern sei­ne Schuld und die sich ins­be­son­de­re aus § 46 Abs. 2 Satz 2 sowie § 54 Abs. 1 Satz 3 StGB erge­ben­den wei­te­ren Straf­zu­mes­sungs­kri­te­ri­en die­sen indi­vi­du­al­prä­ven­ti­ven Erwä­gun­gen in rechts­feh­ler­haf­ter Wei­se nach- und unter­ge­ord­net.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. März 2016 – 4 StR 497/​15

  1. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 24.10.1996 – 2 BvR 1851/​94 u.a., BVerfGE 95, 96, 140; vom 27.12 2006 – 2 BvR 1895/​05, Stra­Fo 2007, 369; vom 23.09.2014 – 2 BvR 2545/​12 9 f.; vgl. fer­ner BVerfG, Beschlüs­se vom 01.08.2008 – 2 BvR 1001/​08 3; vom 15.03.2012 – 2 BvL 8/​11 u.a. Rn. 45 mwN[]
  2. BVerfG, Urteil vom 05.02.2004 – 2 BvR 2029/​01, BVerfGE 109, 133, 173 f.; Beschluss vom 01.08.2008 – 2 BvR 1001/​08 3 mwN; vgl. zum "zwei­spu­ri­gen Sank­tio­nen­sys­tem" auch BGH, Urteil vom 24.10.2013 – 4 StR 124/​13, BGHSt 59, 56, 61 ff.[]
  3. vgl. dazu etwa BGH, Urteil vom 04.04.2002 – 3 StR 405/​01; Beschlüs­se vom 01.07.2005 – 5 StR 192/​05; vom 23.11.2010 – 3 StR 393/​10[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 04.08.1965 – 2 StR 282/​65, BGHSt 20, 264, 267; zu § 35 BtMG auch BGH, Urteil vom 03.05.2011 – 1 StR 100/​11, NStZ-RR 2012, 183, 184; vgl. fer­ner BGH, Urteil vom 17.09.1980 – 2 StR 355/​80, BGHSt 29, 319, 321; sowie BVerfG, Urteil vom 05.02.2004 – 2 BvR 2029/​01, BVerfGE 109, 133, 179; Frisch, NStZ 2013, 249, 251 mwN[]
  5. vgl. dazu auch BGH, Beschluss vom 04.03.2009 – 2 StR 37/​09, NStZ 2009, 441[]
  6. BGH, Beschluss vom 03.05.2011 – 1 StR 100/​11, NStZ-RR 2012, 183, 184[]
  7. BGH, Beschluss vom 29.10.2015 – 3 StR 342/​15, NStZ 2016, 227 f.[]