Schuld­fä­hig­keit – und ihre Prü­fung

Blei­ben nach abge­schlos­se­ner Beweis­wür­di­gung nicht beheb­ba­re tat­säch­li­che Zwei­fel bestehen, die sich auf die Art und den Grad des psy­chi­schen Aus­nah­me­zu­stan­des bezie­hen, ist zuguns­ten des Täters zu ent­schei­den 1.

Schuld­fä­hig­keit – und ihre Prü­fung

Sol­che Zwei­fel wur­den in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall in der Beweis­wür­di­gung des Land­ge­richts zur Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten ange­deu­tet:

Zwar schloss der Sach­ver­stän­di­ge Dr. W., des­sen Aus­füh­run­gen sich die Straf­kam­mer ohne Ein­schrän­kun­gen ange­schlos­sen hat, aus, dass von einer Auf­he­bung der Steue­rungs­fä­hig­keit bzw. Ein­sichts­fä­hig­keit "aus­ge­gan­gen wer­den müss­te". Auf Nach­fra­ge der Straf­kam­mer gab der Sach­ver­stän­di­ge jedoch an, dass er die kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen der psych­ia­tri­schen Grund­er­kran­kung auf die ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Taten nicht bestim­men kön­ne. Es sei zwar in Fol­ge der nicht aus­rei­chen­den medi­ka­men­tö­sen Behand­lung in den letz­ten Tagen vor der Tat vom 10.07.2014 wahr­schein­lich, dass Sym­pto­me der Krank­heit auf­ge­tre­ten sei­en. Man­gels kon­kre­ter Aus­sa­gen des Ange­klag­ten zu sei­nem Innen­le­ben kön­ne er dies jedoch nicht sicher fest­stel­len. Auch "hät­ten sich weder direkt noch indi­rekt ein­deu­ti­ge Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen schwe­rer, die Tat­mo­ti­va­ti­on rele­vant mit­be­güns­ti­gen­der psy­cho­ti­scher Sym­pto­me fest­stel­len" las­sen. Die­se Wen­dung deu­tet dar­auf hin, dass durch­aus Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen eines Sach­ver­halts gege­ben waren, der zu einer voll­stän­di­gen Auf­he­bung der Steue­rungs­fä­hig­keit geführt haben kann, das Land­ge­richt aber eine Schuld­un­fä­hig­keit des Ange­klag­ten schon des­halb für aus­ge­schlos­sen erach­tet hat, weil dafür kein ein­deu­ti­ger Nach­weis erbracht wer­den konn­te 2.

Die Aus­füh­run­gen, mit denen das Land­ge­richt die Annah­me einer ledig­lich erheb­lich ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit begrün­det hat, wei­sen auch nicht die für eine revi­si­ons­ge­richt­li­che Nach­prü­fung erfor­der­li­che Begrün­dungs­tie­fe auf.

Das Land­ge­richt beschränkt sich im Wesent­li­chen dar­auf, die Wer­tung des Sach­ver­stän­di­gen zu über­neh­men, es kön­ne sicher aus­ge­schlos­sen wer­den, dass von einer Auf­he­bung der Steue­rungs­fä­hig­keit bzw. Ein­sichts­fä­hig­keit aus­ge­gan­gen wer­den müss­te. Ergän­zend wies die Straf­kam­mer dar­auf hin, dass auch die Zeu­gen von Aus­fall­erschei­nun­gen des Ange­klag­ten bzw. Auf­fäl­lig­kei­ten in Bezug auf eine psy­cho­ti­sche Sym­pto­ma­tik nicht berich­ten konn­ten und sich der Ange­klag­te gegen­über den her­bei­ge­ru­fe­nen Poli­zei­be­am­ten unauf­fäl­lig ver­hielt. Auch habe der Ange­klag­te ange­ge­ben, dass er schon lan­ge kei­ne impe­ra­ti­ven Stim­men mehr gehört habe. Dies genügt indes nicht, um eine Auf­he­bung der Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten sicher aus­schlie­ßen zu kön­nen. Hier­für hät­te das Land­ge­richt in den Urteils­grün­den näher dar­le­gen müs­sen, wel­chen Ein­fluss die psych­ia­tri­sche Grund­er­kran­kung im Zusam­men­hang mit dem Alko­hol­kon­sum auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Ange­klag­ten in den kon­kre­ten Tat­si­tua­tio­nen haben konn­te und wel­che Aus­sa­ge­kraft das Feh­len erkenn­ba­rer Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten für die Fra­ge der siche­ren Ver­nei­nung einer mög­li­chen Schuld­un­fä­hig­keit hat­te.

Da in Betracht kommt, dass der Ange­klag­te bei Bege­hung der Taten schuld­un­fä­hig war, bedarf die Sache neu­er tatrich­ter­li­cher Prü­fung und Ent­schei­dung. Die Fest­stel­lun­gen zu den rechts­wid­ri­gen Taten blei­ben hier­von unbe­rührt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Febru­ar 2016 – 1 StR 659/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 19.11.2014 – 4 StR 497/​14, NStZ-RR 2015, 71 mwN[]
  2. vgl. BGH aaO[]