Schuld­un­fä­hig­keit und Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on

Bei der Beur­tei­lung der Schuld­fä­hig­keit kommt der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on umso gerin­ge­re Bedeu­tung zu, je mehr sons­ti­ge aus­sa­ge­kräf­ti­ge psy­cho­dia­gnos­ti­sche Beweis­an­zei­chen zur Ver­fü­gung ste­hen 1.

Schuld­un­fä­hig­keit und Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on

Eine Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on in der errech­ne­ten Höhe von 3,03‰ im hier ent­schie­de­nen Fall gibt Anlass zur Prü­fung einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung durch einen aku­ten Alko­hol­rausch; die Mög­lich­keit von Schuld­un­fä­hig­keit oder erheb­lich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit ist dann grund­sätz­lich zu erör­tern.

Dar­über hin­aus war in älte­rer Recht­spre­chung die Auf­fas­sung ver­tre­ten wor­den, bei Über­schrei­ten bestimm­ter Grenz­wer­te sei die Steue­rungs­fä­hig­keit mit einem kaum wider­leg­ba­ren Grad an Wahr­schein­lich­keit „in aller Regel“ erheb­lich ver­min­dert 2. Dies war aus juris­ti­scher Sicht wegen des zu gerin­gen Gewichts der Ein­zel­fall­ge­rech­tig­keit 3 nie unum­strit­ten, eben­so des­halb, weil Schuld­fä­hig­keit „ein nor­ma­ti­ves Pos­tu­lat, aber kei­ne mess­ba­re Grö­ße“ ist 4. In der foren­sisch­psych­ia­tri­schen Wis­sen­schaft war die­se sche­ma­ti­sie­ren­de Auf­fas­sung nahe­zu ein­hel­lig abge­lehnt wor­den, weil die Wir­kung von Alko­hol auf jeden Men­schen unter­schied­lich sei 5.

Die­se Recht­spre­chung wur­de des­we­gen auf­ge­ge­ben, nach­dem sämt­li­che Straf­se­na­te des Bun­des­ge­richts­hofs auf Anfra­ge des 1. Straf­se­nats (§ 132 Abs. 2 GVG) 6 zuvor erklärt hat­ten, eine gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung nicht (mehr) zu ver­tre­ten 7.

Seit­her ist gefes­tig­te Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass es kei­nen Rechts- oder Erfah­rungs­satz gibt, der es gebie­tet, ohne Rück­sicht auf die im kon­kre­ten Fall fest­stell­ba­ren psy­cho­dia­gnos­ti­schen Kri­te­ri­en ab einer bestimm­ten Höhe der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on regel­mä­ßig von zumin­dest „bei Bege­hung der Tat“ erheb­lich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit aus­zu­ge­hen 8.

Aller­dings wird in neue­ren Ent­schei­dun­gen 9 ver­ein­zelt unter Hin­weis auch auf älte­re (auf­ge­ge­be­ne) Recht­spre­chung der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on wie­der stär­ke­re indi­zi­el­le Bedeu­tung bei­gemes­sen. Hier­durch soll­te offen­kun­dig (vgl. § 132 Abs. 2 GVG) den Beson­der­hei­ten der zu ent­schei­den­den Ein­zel­fäl­le (z.B. Mög­lich­keit einer schock­ar­ti­gen Ernüch­te­rung nach Taten­de) Rech­nung getra­gen, kei­nes­wegs aber die auf­ge­zeig­te Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs in Fra­ge gestellt wer­den. Hier­zu bestün­de ange­sichts der ihr zugrun­de­lie­gen­den und seit­her auch nicht ange­zwei­fel­ten medi­zi­ni­schen Erfah­rungs­sät­ze auch kei­ne Ver­an­las­sung.

Es ist prin­zi­pi­ell unmög­lich, „einer bestimm­ten Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on für jeden Ein­zel­fall gül­ti­ge psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche, neu­ro­lo­gisch­kör­per­li­che Sym­pto­me oder Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten zuzu­ord­nen. Es exis­tiert kei­ne linea­re Abhän­gig­keit der Sym­pto­ma­tik von der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on. Aus die­sen Grün­den ist es prin­zi­pi­ell unmög­lich, allein aus der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on das Aus­maß einer alko­ho­li­sie­rungs­be­ding­ten Beein­träch­ti­gung ablei­ten zu wol­len“ 10. Es wäre daher auch ver­fehlt, einem psy­cho­dia­gnos­ti­schen Beweis­an­zei­chen – etwa dem Leis­tungs­ver­hal­ten vor, bei oder nach Tat­be­ge­hung – von vorn­her­ein mit Blick auf eine bestimm­te Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on oder mit Blick auf eine zum Errei­chen höhe­rer Blut­al­ko­hol­wer­te not­wen­di­ger­wei­se bestehen­de Alko­hol­ge­wöh­nung eine Aus­sa­ge­kraft zur Beur­tei­lung der Schuld­fä­hig­keit i.S.d. §§ 20, 21 StGB abzu­spre­chen. Zur Pro­ble­ma­tik der Fest­stel­lung einer Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on anhand von Trink­men­gen­an­ga­ben eines Ange­klag­ten ver­weist der Bun­des­ge­richts­hof über­dies auf die zutref­fen­den Aus­füh­run­gen von Wendt und Krö­ber 11.

Für die Beur­tei­lung der Schuld­fä­hig­keit maß­geb­lich ist dem­nach eine Gesamt­schau aller wesent­li­chen objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de, die sich auf das Erschei­nungs­bild des Täters vor, wäh­rend und nach der Tat bezie­hen 12. Dabei kann die – regel­mä­ßig des­halb zu bestim­men­de 13 – Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on ein je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls sogar gewich­ti­ges, aber kei­nes­falls allein maß­geb­li­ches Beweis­an­zei­chen 14 sein 15.

Wel­cher Beweis­wert der Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on (die weni­ger zur Aus­wir­kung des Alko­hols als ledig­lich zu des­sen wirk­sam auf­ge­nom­me­ner Men­ge aus­sagt) im Ver­hält­nis zu ande­ren psy­cho­dia­gnos­ti­schen Beweis­an­zei­chen bei­zu­mes­sen ist, lässt sich nicht sche­ma­tisch beant­wor­ten. Er ist umso gerin­ger, je mehr sons­ti­ge aus­sa­ge­kräf­ti­ge psy­cho­dia­gnos­ti­sche Kri­te­ri­en 16 zur Ver­fü­gung ste­hen. So kön­nen die kon­kre­ten Umstän­de des jewei­li­gen Ein­zel­falls eine erheb­lich ver­min­der­te Steue­rungs­fä­hig­keit bei Tat­be­ge­hung auch bei einer Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on schon von unter 2 ‰ begrün­den 17, umge­kehrt eine sol­che selbst bei errech­ne­ten Maxi­mal­wer­ten von über 3 ‰ auch aus­schlie­ßen 18.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Mai 2012 – 1 StR 59/​12

  1. Bestä­ti­gung und Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 29.004.1997 – 1 StR 511/​95, BGHSt 43, 66[]
  2. vgl. nur BGH, Urteil vom 22.11.1990 – 4 StR 117/​90, BGHSt 37, 233 ff.[]
  3. vgl. Nach­wei­se bei BGH, Beschluss vom 09.07.1996 – 1 StR 511/​95, NStZ 1996, 592; zusam­men­fas­send auch Schild in Kindhäuser/​Neumann/​Päffgen, StGB, 3. Aufl., § 20 Rn. 81 f.[]
  4. zusam­men­fas­send Maatz/​Wahl, FS 50 Jah­re BGH, 2000, S. 531, 533[]
  5. z.B. Krö­ber NStZ 1996, 569; Joa­chim NStZ 1996, 593[]
  6. BGH, Beschluss vom 09.07.1996 – 1 StR 511/​95[]
  7. BGH, Beschluss vom 06.11.1996 – 2 ARs 357/​96; BGH, Beschluss vom 30.10.1996 – 3 ARs 17/​96; BGH, Beschluss vom 03.12.1996 – 4 ARs 6/​95; BGH, Beschluss vom 06.11.1996 – 5 ARs 59/​96[]
  8. grund­le­gend: BGH, Urteil vom 29.04.1997 – 1 StR 511/​95, BGHSt 43, 66 ff.; vgl. wei­ter u.a. auch Beschlüs­se vom 29.11.2005 – 5 StR 358/​05; vom 03.12.2002 – 1 StR 378/​02; vom 05.04.2000 – 3 StR 114/​00; und vom 03.12.1999 – 3 StR 481/​99; Urtei­le vom 22.10.2004 – 1 StR 248/​04; und vom 16.09.2004 – 1 StR 233/​04[]
  9. Nach­wei­se bei Pfis­ter NStZ-RR 2012, 161, 162 ff.[]
  10. Foers­ter in Venzlaff/​Foerster, Psych­ia­tri­sche Begut­ach­tung, 5. Aufl.2009, S. 246; eben­so Nedo­pil, Foren­si­sche Psych­ia­trie, 3. Aufl.2007, S. 124 ff.; vgl. auch Schöch in Kröber/​Dölling/​Leygraf/​Sass, Hand­buch der Foren­si­schen Psych­ia­trie, Band 1 S. 111 f.[]
  11. in Kröber/​Dölling/​Leygraf/​Sass, Hand­buch der Foren­si­schen Psych­ia­trie, Band 2 S. 245[]
  12. grund­le­gend: BGH, Urteil vom 29.04.1997 – 1 StR 511/​95, BGHSt 43, 66 ff.; auch BGH, Beschluss vom 05.04.2000 – 3 StR 114/​00; Urteil vom 22.01.1997 – 3 StR 516/​96[]
  13. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 28.03.2012 – 5 StR 49/​12; und vom 08.10.1997 – 2 StR 478/​97[]
  14. Indiz[]
  15. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.10.2004 – 1 StR 248/​04; vom 06.06.2002 – 1 StR 14/​02; und vom 03.12.2002 – 1 StR 378/​02; vgl. auch BGH, Urtei­le vom 11.09.2003 – 4 StR 139/​03; und vom 22.04.1998 – 3 StR 15/​98[]
  16. Über­blick hier­zu z.B.: Pla­te, Psy­che, Unrecht und Schuld, 2002, S.194 ff.; Det­ter, Straf­zu­mes­sung, 2009, II. Teil Rn. 83[]
  17. BGH, Beschluss vom 03.12.1999 – 3 StR 481/​99[]
  18. BGH, Urteil vom 06.06.2002 – 1 StR 14/​02: 3,54 ‰; vgl. auch Foers­ter in Venzlaff/​Foerster, aaO[]