Schuld­un­fä­hig­keit – und die selbst­ver­schul­de­te Trun­ken­heit

Der Umstand, dass die erheb­li­che Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Täters auf von die­sem zu ver­ant­wor­ten­der Trun­ken­heit beruht, recht­fer­tigt für sich allein die Ver­sa­gung einer Straf­rah­men­ver­schie­bung gemäß §§ 21, 49 Abs. 1 StGB nicht.

Schuld­un­fä­hig­keit – und die selbst­ver­schul­de­te Trun­ken­heit

Mit die­ser Auf­fas­sung tritt der 1. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs dem 3. Straf­se­nat ent­ge­gen, der zukünf­tig davon aus­ge­hen will, dass der Tatrich­ter sein Ermes­sen bei der Ent­schei­dung über die Straf­rah­men­ver­schie­bung nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB grund­sätz­lich nicht rechts­feh­ler­haft aus­übt, wenn er im Rah­men einer Gesamt­wür­di­gung der schuld­min­dern­den Umstän­de die Ver­sa­gung der Straf­mil­de­rung allein auf den Umstand stützt, dass die erheb­li­che Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Täters auf von die­sem ver­schul­de­ter Trun­ken­heit beruht, und der des­halb gemäß § 132 Abs. 3 Satz 1 GVG bei den übri­gen Straf­se­na­ten des Bun­des­ge­richts­hofs nach­ge­fragt hat­te, ob die­se an ihrer ent­ge­gen­ste­hen­den Recht­spre­chun­gen fest­hal­ten. 1.

Der 1. Straf­se­nat stimmt nun dem anfra­gen­den 3. Straf­se­nat dar­in zu, dass es in der Regel gegen eine Ver­schie­bung des Straf­rah­mens gemäß §§ 21, 49 Abs. 1 StGB spricht, wenn die erheb­lich ver­min­der­te Schuld­fä­hig­keit auf zu ver­ant­wor­ten­der Trun­ken­heit beruht. Dies setzt aller­dings vor­aus, dass sich dabei auf­grund der per­sön­li­chen oder situa­ti­ven Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls das Risi­ko der Bege­hung von Straf­ta­ten vor­her­seh­bar signi­fi­kant erhöht hat 2. Denn Umstän­de, die die Schuld erhö­hen, kön­nen dann zur Ver­sa­gung einer Straf­rah­men­ver­schie­bung nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB füh­ren, wenn sie die infol­ge der Her­ab­set­zung der Schuld­fä­hig­keit ver­min­der­te Tat­schuld auf­wie­gen 3. Über die fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­ver­schie­bung ent­schei­det der Tatrich­ter auf­grund einer Gesamt­ab­wä­gung aller schuld­re­le­van­ten Gesichts­punk­te. Einer revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung ist die Ent­schei­dung über die fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­ver­schie­bung nur ein­ge­schränkt zugäng­lich; inso­weit steht dem Tatrich­ter ein wei­ter Ermes­sens­spiel­raum zu 4.

Somit recht­fer­tigt nach der Recht­spre­chung des 1. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs der Umstand der selbst ver­schul­de­ten Trun­ken­heit des Täters eine Ver­sa­gung der Straf­rah­men­ver­schie­bung gemäß §§ 21, 49 Abs. 1 StGB nicht, wenn sich nicht zugleich auf­grund der per­sön­li­chen oder situa­ti­ven Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls das Risi­ko der Bege­hung von Straf­ta­ten vor­her­seh­bar signi­fi­kant infol­ge zu ver­ant­wor­ten­der Trun­ken­heit erhöht hat. Hier­für genügt etwa das Wis­sen des Täters, dass er unter Alko­hol­ein­fluss zu straf­ba­ren Ver­hal­tens­wei­sen neigt, aber trotz­dem Alko­hol trinkt 5. Ein­schlä­gi­ger Vor­ver­ur­tei­lun­gen bedarf es jedoch nicht 6.

An die­ser Recht­spre­chung, die an den Beschluss des 5. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 17.08.2004 7 anknüpft, hält der 1. Straf­se­nat fest.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Mai 2016 – 1 ARs 21/​15

  1. BGH, Beschluss vom 15.10.2015 – 3 StR 63/​15[]
  2. BGH, Urteil vom 19.10.2004 – 1 StR 254/​04, BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 37 unter Ver­wei­sung auf BGH, Beschluss vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04, BGHSt 49, 239; vgl. auch BGH, Beschluss vom 05.08.2003 – 1 StR 302/​03[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 23.04.2013 – 1 StR 105/​13[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 19.10.2004 – 1 StR 254/​04, BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 37[]
  5. vgl. Bun­des­ge­richts­hof, Beschlüs­se vom 23.04.2013 – 1 StR 105/​13; und vom 25.03.2014 – 1 StR 65/​14, NStZ-RR 2014, 238; vgl. auch BGH, Urtei­le vom 16.09.2004 – 1 StR 233/​04, BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 36; vom 29.04.1997 – 1 StR 511/​95, BGHSt 43, 66, 78; und vom 06.05.1993 – 1 StR 136/​93, BGHR StGB § 21 Vor­ver­schul­den 4; Beschluss vom 02.03.1993 – 1 StR 26/​93, StV 1993, 421; Urtei­le vom 06.10.1992 – 1 StR 574/​92; und vom 15.12 1987 – 1 StR 498/​87, BGHSt 35, 143[]
  6. BGH, Urteil vom 19.10.2004 – 1 StR 254/​04, BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 37[]
  7. BGH, Beschluss vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04, BGHSt 49, 239[]