Schuld­un­fä­hig­keit – und ihre Fest­stel­lung

Die Anord­nung der Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus (§ 63 StGB) bedarf beson­ders sorg­fäl­ti­ger Begrün­dung, weil es sich um eine schwer­wie­gen­de und gege­be­nen­falls lang­fris­tig in das Leben des Betrof­fe­nen ein­grei­fen­de Maß­nah­me han­delt.

Schuld­un­fä­hig­keit – und ihre Fest­stel­lung

Die rich­ter­li­che Ent­schei­dung, ob die Fähig­keit des Täters, das Unrecht der Tat ein­zu­se­hen oder nach die­ser Ein­sicht zu han­deln, aus einem der in § 20 StGB bezeich­ne­ten Grün­de bei Bege­hung der Tat erheb­lich ver­min­dert ist, erfor­dert prin­zi­pi­ell eine mehr­stu­fi­ge Prü­fung 1.

  1. Zunächst ist die Fest­stel­lung erfor­der­lich, dass bei der Ange­klag­ten eine psy­chi­sche Stö­rung vor­liegt, die ein sol­ches Aus­maß erreicht hat, dass sie unter eines der psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Ein­gangs­merk­ma­le des § 20 StGB zu sub­su­mie­ren ist.
  2. Sodann sind in einem wei­te­ren Schritt der Aus­prä­gungs­grad der Stö­rung und deren Ein­fluss auf die sozia­le Anpas­sungs­fä­hig­keit des Täters zu unter­su­chen. Durch die fest­ge­stell­ten psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Ver­hal­tens­mus­ter muss sei­ne psy­chi­sche Funk­ti­ons­fä­hig­keit bei der Tat­be­ge­hung beein­träch­tigt wor­den sein 2.

Zwar ist das Tat­ge­richt für die Tat­sa­chen­be­wer­tung auf die Hil­fe eines Sach­ver­stän­di­gen ange­wie­sen. Gleich­wohl han­delt es sich bei der Fra­ge des Vor­lie­gens eines der Ein­gangs­merk­ma­le des § 20 StGB bei gesi­cher­tem Vor­lie­gen eines psych­ia­tri­schen Befunds um eine Rechts­fra­ge.

Glei­ches gilt für die Prü­fung und Beant­wor­tung der wei­te­ren Fra­ge, ob die fest­ge­stell­te und einem der Ein­gangs­merk­ma­le des § 20 StGB zuzu­ord­nen­de Stö­rung sich bei Tat­be­ge­hung auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Täters in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on und damit auf sei­ne Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­wirkt hat 3.

Die Beur­tei­lung die­ser Rechts­fra­gen erfor­dert kon­kre­ti­sie­ren­de und wider­spruchs­freie Dar­le­gun­gen dazu, in wel­cher Wei­se sich die fest­ge­stell­te Stö­rung bei Bege­hung der Tat auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Täters in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on und damit auf sei­ne Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­wirkt hat 4.

Haben bei der Tat meh­re­re Fak­to­ren zusam­men­ge­wirkt und kom­men meh­re­re Ein­gangs­merk­ma­le in Betracht, so dür­fen die­se nicht iso­liert abge­han­delt, son­dern müs­sen einer Gesamt­be­trach­tung unter­zo­gen wer­den 5.

Auch die gesi­cher­te Dia­gno­se einer schwe­ren Per­sön­lich­keits­stö­rung lässt für sich genom­men eine Aus­sa­ge über die Fra­ge der Schuld­fä­hig­keit der Ange­klag­ten nicht zu und ist nicht gleich­be­deu­tend mit der Annah­me einer schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit im Sin­ne des § 20 StGB 6. Außer­dem ist die Beein­träch­ti­gung der Leis­tungs­fä­hig­keit durch die fest­ge­stell­ten patho­lo­gi­schen Ver­hal­tens­mus­ter im Ver­gleich mit jenen einer krank­haf­ten see­li­schen Stö­rung zu unter­su­chen 7.

Maß­geb­lich dafür, dass die bei der Ange­klag­ten bestehen­de Per­sön­lich­keits­stö­rung tat­säch­lich den Schwe­re­grad des Ein­gangs­merk­mals erreicht, ist inso­weit im All­ge­mei­nen, ob die Per­sön­lich­keits­stö­rung Sym­pto­me auf­weist, die in ihrer Gesamt­heit das Leben der Ange­klag­ten ver­gleich­bar schwer und mit ähn­li­chen – auch sozia­len – Fol­gen stö­ren, belas­ten oder ein­engen wie krank­haf­te see­li­sche Stö­run­gen 8. Inso­weit bedarf es an kon­kre­ti­sie­ren­den Dar­le­gun­gen zum Aus­prä­gungs­grad der Stö­rung sowie zu ihrem Ein­fluss auf die sozia­le Anpas­sungs­fä­hig­keit der Ange­klag­ten 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Juni 2018 – 2 StR 112/​18

  1. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urtei­le vom 06.07.2017 – 4 StR 65/​17, NStZ-RR 2017, 269; und vom 21.12 2016 – 1 StR 399/​16, NStZ-RR 2017, 170; BGH, Beschluss vom 01.06.2017 – 2 StR 57/​17 mwN; Urteil vom 01.07.2015 – 2 StR 137/​15, NJW 2015, 3319, 3320[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 06.07.2017 – 4 StR 65/​17, NStZ-RR 2017, 269 [Ls.][]
  3. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 30.03.2017 – 4 StR 463/​16, NStZ-RR 2017, 165, 166; Beschluss vom 28.01.2016 – 3 StR 521/​15, NStZ-RR 2016, 135 [Ls.][]
  4. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 21.12 2016 – 1 StR 399/​16, NStZ-RR 2017, 170, 171; Beschluss vom 28.01.2016 – 3 StR 521/​15, NStZ-RR 2016, 135 [Ls.][]
  5. BGH, Beschluss vom 21.06.2016 – 4 StR 161/​16, StV 2017, 588[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 12.10.2017 – 5 StR 364/​17, NStZ-RR 2018, 10 [Ls.]; Beschluss vom 06.02.1997 – 4 StR 672/​96, BGHSt 42, 385, 388[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 52[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 04.06.1991 – 5 StR 122/​91, BGHSt 37, 397, 401; Urteil vom 21.01.2004 – 1 StR 346/​03, BGHSt 49, 45, 52[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 01.07.2015 – 2 StR 137/​15, NJW 2015, 3319, 3320[]