Schwe­rer sexu­el­ler Miß­brauch eines Kin­des – mit einem Zäpf­chen

Das sexu­ell moti­vier­te Ein­füh­ren eines Ther­mo­me­ters, von Zäpf­chen und des Dau­mens in den Anus stellt jeweils ein "Ein­drin­gen in den Kör­per" im Sin­ne des § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB dar.

Schwe­rer sexu­el­ler Miß­brauch eines Kin­des – mit einem Zäpf­chen

Eine sexu­el­le Hand­lung liegt grund­sätz­lich vor, wenn die Hand­lung objek­tiv, also allein gemes­sen an ihrem äuße­ren Erschei­nungs­bild, einen ein­deu­ti­gen Sexu­al­be­zug auf­weist 1.

Dies ist bei den hier fest­ge­stell­ten Hand­lun­gen – Ein­cre­men des Geni­tal­be­reichs, Ein­füh­ren eines Ther­mo­me­ters und von Zäpf­chen mit­tels des Dau­mens in den Anus eines acht­jäh­ri­gen Jun­gen – nicht der Fall.

Bei äußer­lich ambi­va­len­ten Hand­lun­gen, die – wie hier – für sich betrach­tet nicht ohne wei­te­res einen sexu­el­len Bezug auf­wei­sen, ist auf das Urteil eines objek­ti­ven Betrach­ters abzu­stel­len, der alle Umstän­de des Ein­zel­falls, also auch die Ziel­rich­tung des Täters, kennt 2.

Selbst wenn man inso­weit eine sexu­el­le Absicht des Täters ver­lan­gen wür­de 3, läge die­se nach den Fest­stel­lun­gen hier vor, wobei dahin­ste­hen kann, ob bereits das Ein­cre­men des Geni­tal­be­reichs und das Ein­drin­gen mit Ther­mo­me­ter, Zäpf­chen und Dau­men in den Kör­per des Kin­des als sol­ches oder erst das spä­te­re Anle­gen der Win­del zu einer sexu­el­len Sti­mu­la­ti­on geführt hat. Das Land­ge­richt hat in einer feh­ler­frei­en Beweis­wür­di­gung eine medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on für die­se Hand­lun­gen aus­ge­schlos­sen und als Motiv hier­für allein den Wunsch des Ange­klag­ten, Kin­der mit Win­deln zu erle­ben, um sich sexu­ell zu erre­gen, fest­ge­stellt.

Die Hand­lun­gen waren auch erheb­lich im Sin­ne von § 184h Nr. 1 StGB, denn sie las­sen sowohl nach ihrer Bedeu­tung als auch nach ihrer Inten­si­tät und Dau­er eine sozi­al nicht mehr hin­nehm­ba­re Beein­träch­ti­gung des durch die §§ 174 ff. StGB geschütz­ten Rechts­guts besor­gen 4. Das Gesche­hen war nach all­ge­mei­nem Emp­fin­den weit ent­fernt von einem baga­tell­haf­ten Über­griff.

Im vorl­lie­gen­den Fall bejah­te der Bun­des­ge­richts­hof dar­über hin­aus auch den sexu­el­len Miss­brauch eines Kin­des (§ 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB):

Nach § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB wird der sexu­el­le Miss­brauch von Kin­dern in den Fäl­len des § 176 Abs. 1 und 2 StGB mit Frei­heits­stra­fe nicht unter zwei Jah­ren bestraft, wenn eine Per­son über acht­zehn Jah­ren mit dem Kind den Bei­schlaf voll­zieht oder ähn­li­che sexu­el­le Hand­lun­gen an ihm vor­nimmt oder an sich von ihm vor­neh­men lässt, die mit einem Ein­drin­gen in den Kör­per ver­bun­den sind. Die Straf­vor­schrift des § 176 StGB schützt die unge­stör­te sexu­el­le Ent­wick­lung von Kin­dern. Der Begriff "Ein­drin­gen in den Kör­per" in § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB umschreibt beson­ders nach­hal­ti­ge Bege­hungs­wei­sen und stellt sie unter erhöh­te Straf­dro­hung 5. Erfor­der­lich ist, dass die sexu­el­le Hand­lung mit Blick auf das geschütz­te Rechts­gut, näm­lich die unge­stör­te sexu­el­le Ent­wick­lung von Kin­dern 6, ähn­lich schwer wiegt wie eine Voll­zie­hung des Bei­schlafs. Auf eine beson­de­re Ernied­ri­gung des Opfers stellt § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB daher nicht ab, son­dern allein auf das Ein­drin­gen in den Kör­per, wel­ches als schwer­wie­gen­de Beein­träch­ti­gung der kör­per­li­chen Inte­gri­tät anzu­se­hen ist 7. Eine sol­che ist bei einem Ein­drin­gen mit dem Fin­ger oder mit Gegen­stän­den in Schei­de oder After eines Kin­des grund­sätz­lich anzu­neh­men 8.

Das sexu­ell moti­vier­te Ein­füh­ren eines Ther­mo­me­ters, von Zäpf­chen und des Dau­mens in den Anus – wie hier – stellt danach jeweils ein "Ein­drin­gen in den Kör­per" im Sin­ne des § 176a Abs. 2 Nr. 1 StGB dar. Als sexu­el­le Hand­lun­gen wie­gen die­se Tätig­kei­ten im Hin­blick auf die Inten­si­tät des Ein­griffs in die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung und in die unge­stör­te sexu­el­le Ent­wick­lung eines Kin­des ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts so schwer, dass sie einem Bei­schlaf ähn­lich sind. Auf eine mög­li­cher­wei­se feh­len­de kon­kre­te Beein­träch­ti­gung der sexu­el­len Ent­wick­lung des Tat­op­fers durch die sexu­el­le Hand­lung kommt es hin­ge­gen für die Beur­tei­lung des Schwe­re­gra­des und damit der Bei­schla­f­ähn­lich­keit der Hand­lung nicht an.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Dezem­ber 2016 – 4 StR 389/​16

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.12 2007 – 4 StR 459/​07, BGHR StGB § 184f Sexu­el­le Hand­lung 2; vom 14.03.2012 – 2 StR 561/​11, NStZ-RR 2013, 10, 12 jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 06.02.2002 – 1 StR 506/​01, NStZ 2002, 431, 432; Beschluss vom 23.08.1991 – 3 StR 292/​91, BGHR StGB § 184c Nr. 1 Erheb­lich­keit 5[]
  3. BGH, Urtei­le vom 20.12 2007; und vom 14.03.2012 aaO[]
  4. zu den all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen vgl. BGH, Urteil vom 01.12 2011 – 5 StR 417/​11, NStZ 2012, 269, 270; Urteil vom 24.09.1980 – 3 StR 255/​80, BGHSt 29, 336, 338; Beschluss vom 12.09.2012 – 2 StR 219/​12, NStZ 2013, 280 mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 16.06.1999 – 2 StR 28/​99, BGHSt 45, 131, 132; Beschluss vom 19.12 2008 – 2 StR 383/​08, BGHSt 53, 118, 119[]
  6. BGH, Beschluss vom 19.12 2008 aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 18.11.1999 – 4 StR 389/​99, NJW 2000, 672 f. mit Anm. Ren­zi­kow­ski, NStZ 2000, 367 f.; und Beschluss vom 19.12 2008 – 2 StR 383/​08 aaO[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 14.04.2011 – 2 StR 65/​11, BGHSt 56, 223, 224; LK/​Hörnle, StGB, 12. Aufl., § 176a Rn. 27; SK/​Wolters, StGB, 135. Lfg.2012 § 176a Rn. 16; aA Fol­kers, JR 2007, 11, 14 f.[]