Sexualbezogene Handlungen – und Frage ihrer Erheblichkeit

19. Juli 2017 | Strafrecht
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Als erheblich im Sinne des § 184h Nr. 1 StGB sind solche sexualbezogenen Handlungen zu werten, die nach Art, Intensität und Dauer eine sozial nicht mehr hinnehmbare Beeinträchtigung des im jeweiligen Tatbestand geschützten Rechtsguts besorgen lassen1.

Dazu bedarf es einer Gesamtbetrachtung aller Umstände im Hinblick auf die Gefährlichkeit der Handlung für das jeweils betroffene Rechtsgut; unter diesem Gesichtspunkt belanglose Handlungen scheiden aus2.

Im hier entschiedenen Fall bestand die an der Geschädigten vorgenommene Handlung nicht nur in einer flüchtigen oder “zufälligen” Berührung bekleideter Körperregionen, sondern in einem sexuell motivierten Übergriff, bei dem der Täter eine Hand mit dem T-Shirt unter den Büstenhalter des Opfers schob und ihre Brust für einige Augenblicke festhielt. Einer Erörterung der Überschreitung der Erheblichkeitsschwelle durch die Strafkammer bedurfte es bei dieser Sachlage nicht.

Die Gesetzesänderungen durch das 50. Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches – Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung – vom 04.11.20163 geben keinen Anlass zu einer für den Angeklagten günstigeren Bewertung als milderes Recht im Sinne von § 2 Abs. 3 StGB.

Die Einführung eines Auffangtatbestands für belästigend wirkende körperliche Berührungen in sexuell bestimmter Weise in § 184i Abs. 1 StGB wirkt sich nicht auf die Auslegung des Begriffs der Erheblichkeit in § 184h Nr. 1 StGB aus4. Der Gesetzgeber bezweckte mit der Einführung des § 184i StGB nicht, bisher von § 184h Nr. 1 StGB aF erfasste Verhaltensweisen aus dem Schutzbereich herauszulösen und diese nunmehr nur noch unter den dort genannten Voraussetzungen in § 184i StGB unter Strafe zu stellen5. Ziel der Neuregelung war es vielmehr, bisher strafrechtlich nicht erfasstes Verhalten auch unterhalb der Schwelle des § 184h Nr. 1 StGB zu pönalisieren6.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 26. April 2017 – 2 StR 580/16

  1. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urteile vom 24.09.1980 – 3 StR 255/80, BGHSt 29, 336, 338; vom 24.09.1991 – 5 StR 364/91, NJW 1992, 324 f., insoweit nicht abgedruckt in BGHSt 38, 68; vom 01.12 2011 – 5 StR 417/11, NStZ 2012, 269, 270; BGH, Urteil vom 21.09.2016 – 2 StR 558/15, NStZ-RR 2017, 43, 44
  2. BGH, Urteile vom 24.09.1980 – 3 StR 255/80, BGHSt 29, 336, 338; BGH, Urteil vom 03.04.1991 – 2 StR 582/90, BGHR StGB § 184c Nr. 1 Erheblichkeit 4; BGH, Urteil vom 24.09.1991 – 5 StR 364/91, NJW 1992, 324, 325; BGH, Urteil vom 06.05.1992 – 2 StR 490/91, BGHR § 184c Nr. 1 StGB; Erheblichkeit 6; BGH, Urteil vom 01.12 2011 – 5 StR 417/11, NStZ 2012, 269, 270; BGH, Urteil vom 21.09.2016 – 2 StR 558/15, NStZ-RR 2017, 43, 44; Lackner/Kühl/Heger, 28. Aufl., § 184g Rn. 5; Matt/Renzikowski/Eschelbach, StGB, § 184g Rn. 7; differenzierend SSW-StGB/Wolters, 2. Aufl., § 184g Rn. 9 f.
  3. BGBl. I S. 2460
  4. anders aber El-Ghazi, ZIS 2017, 157, 160 f.; Lederer, AnwBl.2017, 514, 517 f.
  5. vgl. BGH, Urteil vom 26.04.2017 – 2 StR 574/16
  6. BT-Drs. 18/9097 S. 30

 
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