Sexu­al­be­zo­ge­ne Hand­lun­gen – und Fra­ge ihrer Erheb­lich­keit

Als erheb­lich im Sin­ne des § 184h Nr. 1 StGB sind sol­che sexu­al­be­zo­ge­nen Hand­lun­gen zu wer­ten, die nach Art, Inten­si­tät und Dau­er eine sozi­al nicht mehr hin­nehm­ba­re Beein­träch­ti­gung des im jewei­li­gen Tat­be­stand geschütz­ten Rechts­guts besor­gen las­sen [1].

Sexu­al­be­zo­ge­ne Hand­lun­gen – und Fra­ge ihrer Erheb­lich­keit

Dazu bedarf es einer Gesamt­be­trach­tung aller Umstän­de im Hin­blick auf die Gefähr­lich­keit der Hand­lung für das jeweils betrof­fe­ne Rechts­gut; unter die­sem Gesichts­punkt belang­lo­se Hand­lun­gen schei­den aus [2].

Im hier ent­schie­de­nen Fall bestand die an der Geschä­dig­ten vor­ge­nom­me­ne Hand­lung nicht nur in einer flüch­ti­gen oder "zufäl­li­gen" Berüh­rung beklei­de­ter Kör­per­re­gio­nen, son­dern in einem sexu­ell moti­vier­ten Über­griff, bei dem der Täter eine Hand mit dem T‑Shirt unter den Büs­ten­hal­ter des Opfers schob und ihre Brust für eini­ge Augen­bli­cke fest­hielt. Einer Erör­te­rung der Über­schrei­tung der Erheb­lich­keits­schwel­le durch die Straf­kam­mer bedurf­te es bei die­ser Sach­la­ge nicht.

Die Geset­zes­än­de­run­gen durch das 50. Gesetz zur Ände­rung des Straf­ge­setz­bu­ches – Ver­bes­se­rung des Schut­zes der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung – vom 04.11.2016 [3] geben kei­nen Anlass zu einer für den Ange­klag­ten güns­ti­ge­ren Bewer­tung als mil­de­res Recht im Sin­ne von § 2 Abs. 3 StGB.

Die Ein­füh­rung eines Auf­fang­tat­be­stands für beläs­ti­gend wir­ken­de kör­per­li­che Berüh­run­gen in sexu­ell bestimm­ter Wei­se in § 184i Abs. 1 StGB wirkt sich nicht auf die Aus­le­gung des Begriffs der Erheb­lich­keit in § 184h Nr. 1 StGB aus [4]. Der Gesetz­ge­ber bezweck­te mit der Ein­füh­rung des § 184i StGB nicht, bis­her von § 184h Nr. 1 StGB aF erfass­te Ver­hal­tens­wei­sen aus dem Schutz­be­reich her­aus­zu­lö­sen und die­se nun­mehr nur noch unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen in § 184i StGB unter Stra­fe zu stel­len [5]. Ziel der Neu­re­ge­lung war es viel­mehr, bis­her straf­recht­lich nicht erfass­tes Ver­hal­ten auch unter­halb der Schwel­le des § 184h Nr. 1 StGB zu pöna­li­sie­ren [6].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. April 2017 – 2 StR 580/​16

  1. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 24.09.1980 – 3 StR 255/​80, BGHSt 29, 336, 338; vom 24.09.1991 – 5 StR 364/​91, NJW 1992, 324 f., inso­weit nicht abge­druckt in BGHSt 38, 68; vom 01.12 2011 – 5 StR 417/​11, NStZ 2012, 269, 270; BGH, Urteil vom 21.09.2016 – 2 StR 558/​15, NStZ-RR 2017, 43, 44[]
  2. BGH, Urtei­le vom 24.09.1980 – 3 StR 255/​80, BGHSt 29, 336, 338; BGH, Urteil vom 03.04.1991 – 2 StR 582/​90, BGHR StGB § 184c Nr. 1 Erheb­lich­keit 4; BGH, Urteil vom 24.09.1991 – 5 StR 364/​91, NJW 1992, 324, 325; BGH, Urteil vom 06.05.1992 – 2 StR 490/​91, BGHR § 184c Nr. 1 StGB; Erheb­lich­keit 6; BGH, Urteil vom 01.12 2011 – 5 StR 417/​11, NStZ 2012, 269, 270; BGH, Urteil vom 21.09.2016 – 2 StR 558/​15, NStZ-RR 2017, 43, 44; Lackner/​Kühl/​Heger, 28. Aufl., § 184g Rn. 5; Matt/​Renzikowski/​Eschelbach, StGB, § 184g Rn. 7; dif­fe­ren­zie­rend SSW-StGB/­Wol­ters, 2. Aufl., § 184g Rn. 9 f.[]
  3. BGBl. I S. 2460[]
  4. anders aber El-Gha­zi, ZIS 2017, 157, 160 f.; Lede­rer, AnwBl.2017, 514, 517 f.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 26.04.2017 – 2 StR 574/​16[]
  6. BT-Drs. 18/​9097 S. 30[]