Sexu­al­straf­ta­ten eines 94jährigen – und die Fra­ge der Schuld­fä­hig­keit

Zwar besteht nach der Recht­spre­chung nicht bei jedem Täter, der jen­seits einer bestimm­ten Alters­gren­ze erst­mals Sexu­al­straf­ta­ten begeht, Anlass, der Fra­ge einer erheb­lich ver­min­der­ten Schuld­fä­hig­keit oder gar einer Schuld­un­fä­hig­keit nach­zu­ge­hen 1.

Sexu­al­straf­ta­ten eines 94jährigen – und die Fra­ge der Schuld­fä­hig­keit

Jedoch sind die Prü­fung die­ser Fra­ge und ihre Erör­te­rung im Urteil jeden­falls dann ver­an­lasst, wenn neben der erst­ma­li­gen Sexu­al­de­lin­quenz in hohem Alter wei­te­re Beson­der­hei­ten in der Per­son des Täters bestehen, die geeig­net sind, auf die Mög­lich­keit einer durch Alters­ab­bau beding­ten Ent­hemmt­heit hin­zu­deu­ten 2.

So ver­hielt es sich in dem hier ent­schie­de­nen Fall: Nach den Fest­stel­lun­gen der Straf­kam­mer ist der zum Zeit­punkt der Taten 94jährige Ange­klag­te zuvor weder durch Sexu­al­straf­ta­ten noch sonst straf­recht­lich in Erschei­nung getre­ten. Hin­zu kam, dass der Ange­klag­te eine Viel­zahl auch alters­be­ding­ter gesund­heit­li­cher Lei­den hat. So lei­det er an Dia­be­tes, Herz­rhyth­mus­stö­run­gen, Osteo­chron­do­se und den Fol­gen eines Schlag­an­falls; auch kann er sich auf­grund alters­be­ding­ter Mobi­li­täts­ein­schrän­kun­gen nur noch mit Hil­fe eines Rol­la­tors oder eines Geh­stocks fort­be­we­gen; das Land­ge­richt beschreibt sei­nen Zustand ins­ge­samt als "hoch­be­tagt". Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te vor die­sem Hin­ter­grund nicht aus­schlie­ßen, dass die Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten bei Bege­hung der Taten infol­ge alters­be­ding­ter auch psy­chi­scher Ver­än­de­run­gen erheb­lich ver­min­dert gemäß § 21 StGB oder auf­ge­ho­ben im Sin­ne des § 20 StGB war.

Das Land­ge­richt hat­te dage­gen sei­nem Urteil ohne jeg­li­che Erör­te­rung die Annah­me unein­ge­schränk­ter Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten bei Bege­hung der Taten zugrun­de gelegt, ohne die Mög­lich­keit eines Aus­schlus­ses oder einer erheb­li­chen Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit im Sin­ne der §§ 20, 21 StGB zu prü­fen. Dies ist ein auf die Sach­rü­ge zu prü­fen­der sach­lich­recht­li­cher Man­gel, da sich die maß­geb­li­chen Umstän­de aus dem Urteil selbst erge­ben 3.

Die Sache bedarf daher neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung. Das neue Tat­ge­richt wird zu beden­ken haben, ob zur Beur­tei­lung der Fra­ge einer erheb­li­chen Ver­min­de­rung oder Auf­he­bung der Schuld­fä­hig­keit des Ange­klag­ten ein Sach­ver­stän­di­ger mit beson­de­rer Erfah­rung auf dem Gebiet des Alters­ab­baus in Anspruch zu neh­men sein wird 4. Soll­te auch das neue Tat­ge­richt die Ver­hän­gung einer Frei­heits­stra­fe für erfor­der­lich erach­ten, wird es bei der Ent­schei­dung über die Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung zu erwä­gen haben, ob anstel­le einer Bewäh­rungs­ver­sa­gung ande­re geeig­ne­te Maß­nah­men zur Ver­fü­gung ste­hen, um einer erneu­ten Straf­fäl­lig­keit des Ange­klag­ten ent­ge­gen zu wir­ken.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. August 2017 – 4 StR 190/​17

  1. vgl. BGH, Urteil vom 11.08.1998 – 1 StR 338/​98, NStZ 1999, 297 f.; Beschluss vom 11.01.2005 – 3 StR 450/​04, NStZ-RR 2005, 167 f.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 13.10.2005 – 5 StR 347/​05, NStZ-RR 2006, 38; Beschlüs­se vom 06.11.1992 – 2 StR 480/​92, aaO; vom 25.11.1988 – 4 StR 523/​88, BGHR StGB § 21 Sach­ver­stän­di­ger 5[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 12.07.1995 – 5 StR 297/​95, StV 1995, 633; vom 24.08.1993 – 4 StR 452/​93, StV 1994, 14; vom 06.11.1992 – 2 StR 480/​92, NStZ 1993, 332[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 13.10.2005 – 5 StR 347/​05, aaO; Beschlüs­se vom 11.01.2005 – 3 StR 450/​04, aaO; vom 25.11.1988 – 4 StR 523/​88, aaO; Krö­ber, NStZ 1999, 298 f.[]