Sexu­el­ler Miss­brauch eines Kin­des – und der zeit­li­che Abstand zwi­schen Tat und Urteil

Die Über­le­gung, dass dem lan­gen zeit­li­chen Abstand zwi­schen Tat und Urteil bei Fäl­len sexu­el­len Kin­des­miss­brauchs nicht die gleich hohe Bedeu­tung zu wie in ande­ren Fäl­len zukom­me 1, trifft in die­ser All­ge­mein­heit nicht mehr zu.

Sexu­el­ler Miss­brauch eines Kin­des – und der zeit­li­che Abstand zwi­schen Tat und Urteil

Der Gro­ße Senat für Straf­sa­chen des Bun­des­ge­richts­hofs hat am 12.06.2017 2 beschlos­sen: "Dem zeit­li­chen Abstand zwi­schen Tat und Urteil kommt im Rah­men der Straf­zu­mes­sung bei Taten, die den sexu­el­len Miss­brauch von Kin­dern zum Gegen­stand haben, die glei­che Bedeu­tung zu wie bei ande­ren Straf­ta­ten." Danach kann ent­ge­gen der frü­he­ren Ent­schei­dung des 1. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs nicht mehr gene­rell davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Zeit­ab­lauf zwi­schen Tat und Urteil in Fäl­len sexu­el­len Miss­brauchs von Kin­dern eine ande­re Bedeu­tung für die Straf­zu­mes­sung habe, als sie bei ande­ren Delik­ten anzu­neh­men ist.

Dar­an ändert nach Ansicht des Gro­ßen Senats für Straf­sa­chen die Rege­lung des § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB nichts, wonach die Ver­jäh­rung der Straf­ver­fol­gung bis zur Voll­endung des 30. Lebens­jah­res des Opfers bei Straf­ta­ten nach den §§ 174 bis 174c, 176 bis 178, 180 Abs. 3, §§ 182, 225, 226a und 237 StGB ruht. Mit die­ser ver­jäh­rungs­recht­li­chen Rege­lung soll der beson­de­ren Bedeu­tung des Anzei­ge- und Aus­sa­ge­ver­hal­tens von Opfern des sexu­el­len Miss­brauchs im Kin­des- oder Jugend­al­ter Rech­nung getra­gen wer­den, die sich bei der Tat­be­ge­hung im sozia­len Nah­be­reich in einer Abhän­gig­keit vom Täter befin­den und dadurch in ihrer Bereit­schaft zur Straf­an­zei­ge und zur Aus­sa­ge gegen den Beschul­dig­ten gehemmt sein kön­nen. Jedoch wirkt sich die ver­jäh­rungs­recht­li­che Rege­lung nicht ohne wei­te­res auf die Bewer­tung des Zeit­ab­laufs zwi­schen Tat und Urteil im Rah­men der Straf­zu­mes­sung aus. Die Umstän­de, die das gesetz­ge­be­ri­sche Motiv für die beson­de­re Rege­lung des Ruhens der Ver­jäh­rung der Straf­ver­fol­gung bil­den, kön­nen zwar auch den Straf­zu­mes­sungs­as­pekt des lan­gen Zeit­ab­laufs zwi­schen Tat und Urteil beein­flus­sen. Dies bedarf aber einer Prü­fung des Tat­ge­richts im Ein­zel­fall. Es recht­fer­tigt nicht die gene­rel­le Annah­me, dem Zeit­ab­lauf kom­me bei der Straf­zu­mes­sung in Fäl­len des sexu­el­len Miss­brauchs nicht die glei­che Bedeu­tung zu, wie bei ande­ren Delik­ten. Danach ist der zeit­li­che Abstand zwi­schen Tat und Urteil im Rah­men der Straf­zu­mes­sung nicht mehr delikts­grup­pen­spe­zi­fisch, son­dern ein­zel­fall­be­zo­gen zu wür­di­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Okto­ber 2017 – 2 StR 219/​15

  1. vgl. BGH NStZ 2006, 393[]
  2. BGH, Beschluss vom 12.06.2017 – GSSt 2/​17[]