Sexu­el­ler Miss­brauch wider­stands­un­fä­hi­ger Per­so­nen

Die durch das Fünf­zigs­te Gesetz zur Ände­rung des Straf­ge­setz­bu­ches – Ver­bes­se­rung des Schut­zes der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung vom 04.11.2016 1 neu gestal­te­te Vor­schrift des § 177 StGB ist bei der gebo­te­nen kon­kre­ten Betrach­tungs­wei­se gemäß § 2 Abs. 3 StGB gegen­über der Straf­vor­schrift des schwe­ren sexu­el­len Miss­brauchs wider­stands­un­fä­hi­ger Per­so­nen nach § 179 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 5 Nr. 1 StGB als mil­des­tes Gesetz anzu­wen­den.

Sexu­el­ler Miss­brauch wider­stands­un­fä­hi­ger Per­so­nen

Nach § 179 Abs. 1 StGB in der bis zum 9.11.2016 gel­ten­den Fas­sung mach­te sich straf­bar, wer eine Per­son, die zum Wider­stand unfä­hig ist, dadurch miss­braucht, dass er unter Aus­nut­zung der Wider­stands­un­fä­hig­keit sexu­el­le Hand­lun­gen an ihr vor­nimmt oder an sich von ihr vor­neh­men lässt. Wider­stands­un­fä­hig­keit im Sin­ne die­ser Vor­schrift setzt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs vor­aus, dass das Opfer – zumin­dest vor­über­ge­hend – unfä­hig ist, einen zur Abwehr aus­rei­chen­den Wider­stands­wil­len gegen das sexu­el­le Ansin­nen des Täters zu bil­den, zu äußern oder durch­zu­set­zen.

Die Fest­stel­lung der Wider­stands­un­fä­hig­keit erfor­dert eine nor­ma­ti­ve Ent­schei­dung, die der Tatrich­ter auf der Grund­la­ge einer Gesamt­be­trach­tung zu tref­fen hat, in die auch das aktu­el­le Tat­ge­sche­hen und etwai­ge Beein­träch­ti­gun­gen des Tat­op­fers durch die Tat­si­tua­ti­on infol­ge Über­ra­schung, Schreck oder Schock ein­zu­be­zie­hen sind 2.

Mit dem am 10.11.2016 in Kraft getre­te­nen Fünf­zigs­ten Gesetz zur Ände­rung des Straf­ge­setz­bu­ches – Ver­bes­se­rung des Schut­zes der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung vom 04.11.2016 hat der Gesetz­ge­ber die Vor­schrift des § 179 StGB aF auf­ge­ho­ben und mit dem neu gefass­ten § 177 StGB nF eine ein­heit­li­che Norm zur Erfas­sung sexu­el­ler Über­grif­fe auf Men­schen mit und ohne Behin­de­rung geschaf­fen 3. Die neu gefass­te Vor­schrift des § 177 StGB nF ent­hält in den Absät­zen 1, 2 Nrn. 1 und 2 sowie in Absatz 4 Nach­fol­ge­re­ge­lun­gen zu § 179 StGB aF, die hin­sicht­lich des geschütz­ten Rechts­guts und der unter Stra­fe ste­hen­den Angriffs­rich­tung unver­än­dert geblie­ben sind und damit grund­sätz­lich einen iden­ti­schen Unrechts­kern auf­wei­sen 4.

Da die Tat­be­stän­de des § 177 Abs. 2 Nrn. 1 und 2 StGB nF sowie die Qua­li­fi­ka­ti­ons­vor­schrift des § 177 Abs. 4 StGB nF aus­schließ­lich an die Fähig­keit zur Bil­dung und Äuße­rung eines ent­ge­gen­ste­hen­den Wil­lens anknüp­fen, wird die nach altem Recht unter den Begriff der Wider­stands­un­fä­hig­keit sub­su­mier­te Unfä­hig­keit, einen Abwehr­wil­len gegen­über dem Täter durch­zu­set­zen, von die­sen Nor­men des neu­en Rechts aber nicht erfasst. Das Hin­weg­set­zen über den arti­ku­lier­ten ent­ge­gen­ste­hen­den Wil­len des Tat­op­fers unter­fällt viel­mehr unab­hän­gig von einer zustands­be­ding­ten habi­tu­el­len Unfä­hig­keit zur Durch­set­zung des Wil­lens ledig­lich dem Grund­tat­be­stand des sexu­el­len Über­griffs nach § 177 Abs. 1 StGB nF 5. Der Straf­rah­men des neu­en Grund­tat­be­stands des § 177 Abs. 1 StGB nF, der Frei­heits­stra­fe von sechs Mona­ten bis zu fünf Jah­ren vor­sieht, ent­hält damit eine deut­lich nied­ri­ge­re Straf­an­dro­hung als sämt­li­che Straf­rah­men der Alt­vor­schrift des § 179 StGB aF.

Das mil­des­te Geset­zes ist in sei­ner Gesamt­heit anzu­wen­den 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Novem­ber 2017 – 2 StR 111/​17

  1. BGBl. I 2460[]
  2. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 15.03.1989 – 2 StR 662/​88, BGHSt 36, 145, 147; BGH, Beschluss vom 23.09.1997 – 4 StR 433/​97, NStZ 1998, 83; Beschluss vom 10.08.2011 – 4 StR 338/​11, NStZ 2012, 150; Urteil vom 05.11.2014 – 1 StR 394/​14, NStZ-RR 2015, 44, 45; Beschluss vom 09.05.2017 – 4 StR 366/​16, NStZ-RR 2017, 240, 241[]
  3. vgl. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Aus­schus­ses für Recht und Ver­brau­cher­schutz, BT-Drs. 18/​9097, S. 2 und S. 21[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 07.03.2017 – 1 StR 52/​17, NStZ 2017, 407; Beschluss vom 09.05.2017 – 4 StR 366/​16, NStZ-RR 2017, 240, 241[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 09.05.2017 – 4 StR 366/​16, NStZ-RR 2017, 240, 241; Beschluss vom 30.08.2017 – 4 StR 345/​17, juris; Fischer, StGB, 65. Aufl., § 177 Rn.20; Münch­Komm-StG­B/­Ren­zi­kow­ski, 3. Aufl., § 177 nF Rn. 60, 69[]
  6. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 24.07.2014 – 3 StR 314/​13, BGHSt 59, 271, 275; Beschluss vom 14.10.2014 – 3 StR 167/​14, wis­tra 2015, 148, 150[]
  7. BGBl.2016 I, 2460[]