Sexu­el­ler Miss­brauch von Jugend­li­chen – und die feh­len­de Fähig­keit zur Selbst­be­stim­mung

Nach § 182 Abs. 3 Nr. 1 StGB wird bestraft, wer – als Per­son über 21 Jah­ren – eine Per­son unter 16 Jah­ren dadurch miss­braucht, dass er sexu­el­le Hand­lun­gen an ihr vor­nimmt oder von ihr an sich vor­neh­men lässt und dabei die ihm gegen­über feh­len­de Fähig­keit des Opfers zur sexu­el­len Selbst­be­stim­mung aus­nutzt.

Sexu­el­ler Miss­brauch von Jugend­li­chen – und die feh­len­de Fähig­keit zur Selbst­be­stim­mung

Das vom Tat­be­stand vor­aus­ge­setz­te Feh­len der Fähig­keit zur sexu­el­len Selbst­be­stim­mung dem Täter gegen­über ergibt sich nicht schon aus dem Umstand allein, dass die betrof­fe­ne jugend­li­che Per­son unter 16 Jah­re alt ist. Ein­schrän­kun­gen der Selbst­be­stim­mungs­fä­hig­keit sind in die­ser Alters­stu­fe zwar mög­lich, wer­den aber, anders als bei Kin­dern unter 14 Jah­ren; vom Gesetz nicht als zwin­gend gege­ben vor­aus­ge­setzt [1].

Inso­weit bedarf es dazu kon­kre­ter Fest­stel­lun­gen [2], die etwa nicht allein dar­auf gestützt wer­den kön­nen, dass die Neben­klä­ge­rin bis zu dem ers­ten Vor­fall noch kei­ne sexu­el­len Erfah­run­gen hat­te [1].

Die Beur­tei­lung, ob der Jugend­li­che nach sei­ner geis­ti­gen und see­li­schen Ent­wick­lung reif genug war, die Bedeu­tung und Trag­wei­te der kon­kre­ten sexu­el­len Hand­lung für sei­ne Per­son ange­mes­sen zu erfas­sen und sein Han­deln danach aus­zu­rich­ten, hängt damit vor allem davon ab, ob eine Bezie­hung auf sexu­el­le Beherr­schung des jugend­li­chen Opfers ange­legt ist oder der Täter sich – etwa durch domi­nan­tes oder mani­pu­la­ti­ves Auf­tre­ten – unlau­te­rer Mit­tel der Wil­lens­be­ein­flus­sung bedient [3].

Ein ers­tes Indiz für das Bestehen eines sol­chen „Macht­ge­fäl­les“ ist dabei ein erheb­li­cher Alters­un­ter­schied zwi­schen Täter und Opfer [4].

Da für Jugend­li­che zwi­schen 14 und 16 Jah­ren ein noch nicht abge­schlos­se­ner Pro­zess der Ent­wick­lung sexu­el­ler Rei­fe typisch ist, liegt der Schwer­punkt des Tat­be­stan­des – neben dem Alters­un­ter­schied – auf dem Merk­mal des „Aus­nut­zens“, d.h. der Täter muss sich die Unrei­fe des jugend­li­chen Opfers mit sei­nem unlau­te­ren Ver­hal­ten bewusst zu Nut­ze machen, so dass das Opfer einen ent­ge­gen­ste­hen­den Wil­len nicht ent­wi­ckeln oder ver­wirk­li­chen kann. Ech­te, auf gegen­sei­ti­ger Zunei­gung beru­hen­de Lie­bes­be­zie­hun­gen wer­den daher vom Tat­be­stand nicht erfasst [4].

Obgleich der Tat­be­stand kon­kre­te Fest­stel­lun­gen dazu erfor­dert, inwie­weit die Neben­klä­ge­rin nach ihrer geis­ti­gen und see­li­schen Ent­wick­lung zur sexu­el­len Selbst­be­stim­mung in der Lage war und der im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall fast 20 Jah­re älte­re Ange­klag­te deren Feh­len aus­ge­nutzt hat, ver­hält sich das land­ge­richt­li­che Urteil [5] inso­weit nur zum kon­kre­ten Ablauf der vier ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen sexu­el­len Hand­lun­gen durch den Ange­klag­ten, ohne die kon­kre­ten Umstän­de der Kon­takt­auf­nah­me und das Gesamt­ver­hal­ten des Ange­klag­ten sowie das Ver­hält­nis zur Neben­klä­ge­rin – unab­hän­gig von den Ein­zel­ta­ten – im Detail in die Gesamt­be­ur­tei­lung der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 182 Abs. 3 Nr. 1 StGB ein­zu­be­zie­hen. So ver­weist das Land­ge­richt zwar dar­auf, dass es im gesam­ten Tat­zeit­raum von Sep­tem­ber bis Ende Okto­ber 2017 zu einem umfas­sen­den Chat­ver­kehr zwi­schen dem Ange­klag­ten und der Neben­klä­ge­rin unter dem Pseud­onym „Le. “ gekom­men war, des­sen Inhal­te aber vom Land­ge­richt – auch nicht nicht aus­zugs­wei­se – mit­ge­teilt wer­den. Vor allem aber wur­den von der Neben­klä­ge­rin auch mit dem Ange­klag­ten als „A. “ regel­mä­ßig Text­nach­rich­ten aus­ge­tauscht, ins­be­son­de­re auch vor und nach den jewei­li­gen per­sön­li­chen Tref­fen, bei denen es zu den sexu­el­len Hand­lun­gen kam. Wei­ter erfolg­ten zwi­schen der Neben­klä­ge­rin und dem Ange­klag­ten neben den vier Tref­fen mit sexu­el­len Hand­lun­gen min­des­tens vier bis sechs wei­te­re per­sön­li­che Begeg­nun­gen, die vom Land­ge­richt aber nur pau­schal als gemein­sa­mer Volks­fest­be­such oder als gemein­sa­mes Reden und Rau­chen vor dem Fern­se­her in der Woh­nung des Ange­klag­ten ohne sexu­el­le Kon­tak­te benannt wer­den, ohne wei­te­re kon­kre­te Details dazu fest­zu­stel­len. Die­se genann­ten Umstän­de des Beginns der Kon­tak­te, der Vor­be­rei­tun­gen der gemein­sa­men Tref­fen sowie der die­sen nach­fol­gen­den Kom­mu­ni­ka­tio­nen wären aber für das Vor­lie­gen des Tat­be­stands­merk­mals der Aus­nut­zung der feh­len­den Fähig­keit zur sexu­el­len Selbst­be­stim­mung durch den Ange­klag­ten – ins­be­son­de­re für ein domi­nan­tes oder mani­pu­la­ti­ves Auf­tre­ten im Sin­ne einer Wil­lens­be­ein­flus­sung mit unlau­te­ren Mit­teln – von wesent­li­cher Bedeu­tung gewe­sen. Nur unter Berück­sich­ti­gung die­ser Gesamt­um­stän­de las­sen sich die vom Land­ge­richt fest­ge­stell­ten vier sexu­el­len Kon­tak­te von einer nicht vom Tat­be­stand erfass­ten, auf Zunei­gung beru­hen­den Lie­bes­be­zie­hung abgren­zen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Juli 2020 – 1 StR 221/​20

  1. BGH, Beschluss vom 23.01.2008 – 2 StR 555/​07 Rn. 8[][]
  2. BGH, Urteil vom 16.11.2017 – 3 StR 83/​17 Rn. 6; Beschluss vom 23.01.2008 – 2 StR 555/​07 Rn. 8[]
  3. BT-Drs. 12/​4584, S. 8; BGH, Urteil vom 16.11.2017 – 3 StR 83/​17 Rn. 6; Hörn­le in LK-StGB, 12. Aufl., § 182 Rn. 65; S/​S‑Eisele, StGB, 30. Aufl., § 182 Rn. 13 ff.; Fischer, StGB, 67. Aufl., § 182 Rn. 13 ff.[]
  4. BT-Drs. 12/​4584, S. 8[][]
  5. LG Hei­del­berg, Urteil vom 11.02.2020 – 330 Js 26154/​17 jug 3 KLs[]