Siche­rungs­ver­wah­rung auch ohne schrift­li­ches Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Aus §§ 80 a, 246 a StPO oder aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­zen ergibt sich kei­ne selb­stän­di­ge Ver­pflich­tung des Gerichts, in Fäl­len der mög­li­chen Anord­nung einer Maß­re­gel gem. § 66 StGB von dem zu ver­neh­men­den Sach­ver­stän­di­gen stets die Vor­la­ge eines vor­be­rei­ten­den schrift­li­chen Gut­ach­tens zu ver­lan­gen.

Siche­rungs­ver­wah­rung auch ohne schrift­li­ches Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Aus dem Geset­zes­wort­laut des § 246 a Satz 1 StPO ergibt sich nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs kei­ne Ver­pflich­tung zur regel­mä­ßi­gen Vor­la­ge vor­be­rei­ten­der schrift­li­cher Gut­ach­ten sowie kein Anspruch von Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten hier­auf. Danach ist, wenn eine Maß­re­gel­an­ord­nung nach §§ 63, 66, 66 a StGB in Betracht kommt, in der Haupt­ver­hand­lung ein Sach­ver­stän­di­ger zum Zustand des Ange­klag­ten und mög­li­chen Behand­lungs­aus­sich­ten münd­lich zu ver­neh­men. Dies ent­spricht den all­ge­mei­nen für die Haupt­ver­hand­lung gel­ten­den Grund­sät­zen der Unmit­tel­bar­keit und Münd­lich­keit. Ein schrift­li­ches (Vor-)Gutachten ist von § 246 a StPO nicht vor­aus­ge­setzt. Ob sich im Ein­zel­fall aus § 244 Abs. 2 StPO etwas ande­res erge­ben kann, kann hier dahin­ste­hen.

Aus den Grund­sät­zen der Unmit­tel­bar­keit und Münd­lich­keit folgt, dass allein der Inhalt des münd­lich erstat­te­ten Gut­ach­tens der Urteils­fin­dung zugrun­de zu legen ist; ein vor­be­rei­ten­des schrift­li­ches Gut­ach­ten ist ein viel­fach sinn­vol­les, jedoch vom Gesetz nicht vor­ge­schrie­be­nes Hilfs­mit­tel des Vor­tra­ges und der Erör­te­rung in der Haupt­ver­hand­lung. Einer ent­spre­chen­den Auf­for­de­rung durch das Gericht wird der Sach­ver­stän­di­ge in der Regel nach­zu­kom­men haben, denn es han­delt sich inso­weit um eine die Tätig­keit des Sach­ver­stän­di­gen lei­ten­de (§ 78 StPO) Anord­nung, die der Qua­li­täts­si­che­rung dient.

Hier­aus ergibt sich aber kein selb­stän­di­ger ver­fah­rens­recht­li­cher Anspruch von Betrof­fe­nen oder ande­ren Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf Anfer­ti­gung und Aus­hän­di­gung vor­be­rei­ten­der schrift­li­cher Gut­ach­ten. Inso­weit ist die Geset­zes­la­ge ein­deu­tig; ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­sät­ze geben kei­nen Anlass, im Wege rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung wei­ter gehen­de for­mel­le Anfor­de­run­gen zu stel­len, die ihrer­seits von vorn­her­ein in einem Span­nungs­ver­hält­nis mit den Ver­fah­rens­grund­sät­zen der Unmit­tel­bar­keit und Münd­lich­keit stün­den. Auch aus den von der Revi­si­on ange­führ­ten Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu den Anfor­de­run­gen an Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten [1] ergibt sich nichts ande­res. Denn die­se befas­sen sich allein mit den hohen inhalt­li­chen und qua­li­ta­ti­ven Anfor­de­run­gen, die an Pro­gno­se­gut­ach­ten zur Siche­rungs­ver­wah­rung zu stel­len sind; sie betref­fen aber nicht for­ma­le Anfor­de­run­gen der Gut­ach­ten­s­er­stat­tung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Okto­ber 2009 g. E. – 2 StR 205/​09

  1. etwa BVerfGE 109, 133, 164 f.; 109, 190, 240 f.[]