Siche­rungs­ver­wah­rung bei Sexu­al­de­lik­ten – eine Fra­ge des Hanges

Der Rechts­be­griff des Hangs im Sin­ne des § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB bezeich­net einen ein­ge­schlif­fe­nen inne­ren Zustand, der den Täter immer wie­der neue Straf­ta­ten bege­hen lässt.

Siche­rungs­ver­wah­rung bei Sexu­al­de­lik­ten – eine Fra­ge des Hanges

Ein Hang liegt bei dem­je­ni­gen vor, der dau­er­haft zur Bege­hung von Straf­ta­ten ent­schlos­sen ist oder auf­grund einer fest ein­ge­wur­zel­ten Nei­gung immer wie­der straf­fäl­lig wird, wenn sich die Gele­gen­heit dazu bietet.

Hang­tä­ter ist auch der­je­ni­ge, der wil­lens­schwach ist und aus inne­rer Halt­lo­sig­keit Tat­an­rei­zen nicht zu wider­ste­hen vermag.

Das Vor­lie­gen eines Hangs im Sin­ne eines gegen­wär­ti­gen Zustands ist vom Tat­ge­richt auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Ver­gan­gen­heits­be­trach­tung in eige­ner Ver­ant­wor­tung wer­tend fest­zu­stel­len. Dabei hat es alle für die Beur­tei­lung der Per­sön­lich­keit des Täters und der Anlass­ta­ten maß­geb­li­chen Umstän­de fest­zu­stel­len und in den Urteils­grün­den dar­zu­le­gen [1]. Gesichts­punk­te die sowohl hang­be­grün­den­de, als auch hang­kri­ti­sche Deu­tungs­mög­lich­kei­ten zulas­sen, müs­sen dabei unter bei­den Aspek­ten in den Blick genom­men wer­den [2].

Im hier ent­schie­de­nen Fall hat die sach­ver­stän­dig bera­te­ne Straf­kam­mer – gera­de auch mit Blick auf die (strik­te) Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung – ange­nom­men, dass der Ange­klag­te einen Hang zur Bege­hung von schwe­ren Straf­ta­ten, näm­lich von sexu­el­lem Miss­brauch von Kin­dern und von schwe­rem sexu­el­len Miss­brauch von Kin­dern habe [3]. Bei ihm lie­ge eine Stö­rung der Sexu­al­prä­fe­renz im Sin­ne einer Para­phi­lie (ICD 10: F 65.4) vor. Zwar sei seit den letz­ten Taten des Ange­klag­ten im Jahr 2007, bei denen es zu kör­per­li­chen Berüh­run­gen mit den Tat­op­fern gekom­men sei, sehr viel Zeit ver­stri­chen, doch kom­me die­sem Umstand kei­ne durch­grei­fen­de Bedeu­tung zu, denn an sei­ner die­sen Taten zugrun­de lie­gen­den Per­sön­lich­keits­dis­po­si­ti­on habe sich seit­dem nichts ver­än­dert. Denn das bei ihm auf­ge­fun­de­ne äußerst umfang­rei­che kin­der­por­no­gra­fi­sche Mate­ri­al las­se den Schluss zu, dass er sexu­ell auch wei­ter­hin an weib­li­chen Kin­dern inter­es­siert sei.

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Die­se Erwä­gun­gen grei­fen für den Bun­des­ge­richts­hof zu kurz, weil sie den Besitz von kin­der­por­no­gra­fi­schen Schrif­ten in jün­ge­rer Zeit nur unter dem Gesichts­punkt einer Mani­fes­ta­ti­on des fort­dau­ern­den Inter­es­ses des Ange­klag­ten an weib­li­chen Kin­dern in den Blick neh­men und nicht – wie es bei einer erschöp­fen­den Erör­te­rung ambi­va­len­ter Indi­zi­en gebo­ten gewe­sen wäre – in eine Bezie­hung zu der frü­he­ren Delin­quenz des Ange­klag­ten set­zen, bei der es zu erheb­li­chen Sexu­al­straf­ta­ten mit Kör­per­be­rüh­rung und Gewalt­an­wen­dung kam. Die Straf­kam­mer hät­te sich des­halb auch mit der Fra­ge befas­sen müs­sen, ob in dem Zeit­ab­lauf und dem Über­gang von kör­per­be­zo­ge­nen Sexu­al­straf­ta­ten zum Nach­teil von Kin­dern zu einem Umgang mit kin­der­por­no­gra­fi­schem Bild­ma­te­ri­al eine Ver­än­de­rung in der Dis­po­si­ti­on des Ange­klag­ten zu sehen ist, die die Annah­me des Fort­be­stands eines Han­ges zu einem sexu­el­len Miss­brauch von Kin­dern in Fra­ge stellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. Juli 2020 – 4 StR 108/​20

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 09.05.2019 ? 4 StR 578/​18, NStZ 2020, 346, 347 mwN[]
  2. vgl. dazu all­ge­mein BGH, Urteil vom 31.03.1993 – 2 StR 6/​93, StV 1993, 509[]
  3. LG Zwei­brü­cken, Urteil vom 30.09.2019 ? 4144 Js 10611/​18 2 KLs[]

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