Siche­rungs­ver­wah­rung – Hang­tä­ter­schaft und Gefah­ren­pro­gno­se

Hang­tä­ter­schaft und Gefähr­lich­keit für die All­ge­mein­heit sind, wie die begriff­li­che Dif­fe­ren­zie­rung in § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB zeigt, kei­ne iden­ti­schen Merk­ma­le.

Siche­rungs­ver­wah­rung – Hang­tä­ter­schaft und Gefah­ren­pro­gno­se
  1. Der Rechts­be­griff des Hangs im Sin­ne des § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB bezeich­net einen ein­ge­schlif­fe­nen inne­ren Zustand, der den Täter immer wie­der neue Straf­ta­ten bege­hen lässt. Ein Hang liegt bei dem­je­ni­gen vor, der dau­er­haft zur Bege­hung von Straf­ta­ten ent­schlos­sen ist oder auf­grund einer fest ein­ge­wur­zel­ten Nei­gung immer wie­der straf­fäl­lig wird, wenn sich die Gele­gen­heit dazu bie­tet 1. Hang­tä­ter ist auch der­je­ni­ge, der wil­lens­schwach ist und aus inne­rer Halt­lo­sig­keit Tat­an­rei­zen nicht zu wider­ste­hen ver­mag.

    Das Vor­lie­gen eines Hangs im Sin­ne eines gegen­wär­ti­gen Zustands ist vom Tat­ge­richt auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Ver­gan­gen­heits­be­trach­tung in eige­ner Ver­ant­wor­tung wer­tend fest­zu­stel­len 2.

  2. Dem­ge­gen­über ist im Rah­men der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se die Wahr­schein­lich­keit dafür ein­zu­schät­zen, ob sich der Täter in Zukunft trotz Vor­lie­gen eines Hangs erheb­li­cher Straf­ta­ten ent­hal­ten kann oder nicht 3. Der Hang ist dabei nur ein – wenn­gleich wesent­li­ches – Kri­te­ri­um, das auf eine Gefähr­lich­keit des Ange­klag­ten hin­deu­tet und als pro­gnos­tisch ungüns­ti­ger Gesichts­punkt in die Gefähr­lich­keits­pro­gno­se ein­zu­stel­len ist 4.

Das Tat­ge­richt hat in eige­ner Ver­ant­wor­tung zunächst das Vor­lie­gen oder die Wahr­schein­lich­keit eines Hangs unter sorg­fäl­ti­ger Gesamt­wür­di­gung aller für die Beur­tei­lung der Per­sön­lich­keit des Täters und der Anlas­s­ta­ten maß­geb­li­chen Umstän­de ver­gan­gen­heits­be­zo­gen fest­zu­stel­len und in den Urteils­grün­den dar­zu­le­gen 5. Pro­gnos­ti­sche Erwä­gun­gen sind erst in einem zwei­ten Schritt im Rah­men der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se anzu­stel­len.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Mai 2019 – 4 StR 578/​18

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.09.2018 – 4 StR 192/​18; vom 24.05.2017 – 1 StR 598/​16, BGHR StGB § 66 Abs. 1 Hang 15; Urteil vom 08.07.2005 – 2 StR 120/​05, BGHSt 50, 188, 195 f. mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 09.01.2019 – 5 StR 476/​18; und vom 24.05.2017 – 1 StR 598/​16, BGHR StGB § 66 Abs. 1 Hang 15; Urtei­le vom 26.04.2017 – 5 StR 572/​16, Stra­Fo 2017, 246; und vom 06.05.2014 – 3 StR 382/​13, NStZ-RR 2014, 271; Beschluss vom 25.05.2011 – 4 StR 87/​11, NStZ-RR 2011, 272, 273[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 24.05.2017 – 1 StR 598/​16, BGHR StGB § 66 Abs. 1 Hang 15; Urteil vom 28.04.2015 – 1 StR 594/​14; Beschluss vom 30.03.2010 – 3 StR 69/​10, NStZ-RR 2010, 203, 204[]
  4. vgl. BGH, aaO, BGHSt 50, 188, 196[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 19.07.2017 – 4 StR 245/​17, BGHR StGB § 66a Abs. 1 Nr. 3 nF Vor­aus­set­zun­gen 1; und vom 25.03.2011 – 4 StR 87/​11, NStZ-RR 2011, 272[]