Siche­rungs­ver­wah­rung – und die erwar­te­te Wir­kung des Straf­voll­zugs

Die Beur­tei­lung, ob ein Ange­klag­ter infol­ge sei­nes Han­ges zur Bege­hung schwe­rer Straf­ta­ten für die All­ge­mein­heit gefähr­lich ist, rich­tet sich nach der Sach­la­ge zum Zeit­punkt der Abur­tei­lung (§ 66 Abs. 3 Satz 2 StGB iVm § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB).

Siche­rungs­ver­wah­rung – und die erwar­te­te Wir­kung des Straf­voll­zugs

Soweit indes die Anord­nung der Siche­rungs­ver­wah­rung nach § 66 Abs. 2 StGB oder nach § 66 Abs. 3 Satz 2 StGB in Betracht kommt, ist es dem Tatrich­ter grund­sätz­lich gestat­tet, bei der Aus­übung sei­nes Ermes­sens die zu erwar­ten­den Wir­kun­gen eines lang­jäh­ri­gen Straf­voll­zugs auf die Gefähr­lich­keit des Ange­klag­ten zu berück­sich­ti­gen. Ihm ist die Mög­lich­keit eröff­net, sich unge­ach­tet der hang­be­ding­ten Gefähr­lich­keit des Ange­klag­ten zum Zeit­punkt der Urteils­fin­dung auf die Ver­hän­gung einer Frei­heits­stra­fe zu beschrän­ken, sofern erwar­tet wer­den kann, dass sich der Ange­klag­te schon die Stra­fe hin­rei­chend zur War­nung die­nen lässt 1.

Ein Abse­hen von der Ver­hän­gung der Siche­rungs­ver­wah­rung bei Aus­übung die­ses Ermes­sens ist jedoch nur gerecht­fer­tigt, wenn kon­kre­te Anhalts­punk­te erwar­ten las­sen, dass dem Täter auf­grund der Wir­kun­gen eines lang­jäh­ri­gen Straf­voll­zugs und die­sen beglei­ten­der reso­zia­li­sie­ren­der sowie the­ra­peu­ti­scher Maß­nah­men zum Stra­fen­de eine güns­ti­ge Pro­gno­se gestellt wer­den kann. Nur denk­ba­re posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen und Wir­kun­gen künf­ti­ger Maß­nah­men im Straf­voll­zug rei­chen nicht aus 2.

Die auf­grund der Wei­ter­gel­tungs­an­ord­nung im Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 04.05.2011 3 auch nach Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur bun­des­recht­li­chen Umset­zung des Abstands­ge­bots in vor­lie­gen­dem Fall wei­ter­hin 4 vor­zu­neh­men­de "strik­te Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung" steht der Anord­nung der Siche­rungs­ver­wah­rung hier nicht von vorn­her­ein ent­ge­gen 5.

Sofern auch nach erneu­ter Ver­hand­lung kei­ne kon­kre­ten Anhalts­punk­te für einen erwart­ba­ren Erfolg der reso­zia­li­sie­ren­den und the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men im Straf­voll­zug vor­lie­gen soll­ten, bleibt es der Prü­fung nach § 67c StGB vor­be­hal­ten, ob der Ange­klag­te nach Straf­ver­bü­ßung wei­ter­hin für die All­ge­mein­heit gefähr­lich und daher der Voll­zug der Siche­rungs­ver­wah­rung gebo­ten ist 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Okto­ber 2014 – 2 StR 240/​14

  1. vgl. auch BGH, Urteil vom 11.07.2013 – 3 StR 148/​13, NStZ 2013, 707[]
  2. st. Rspr., vgl. BGH, Urteil vom 03.02.2011 – 3 StR 466/​10, NStZ-RR 2011, 172; Urteil vom 11.07.2013 – 3 StR 148/​13, NStZ 2013, 707, jeweils mwN[]
  3. BVerfG, Urteil vom 04.05.2011 – 2 BvR 2365/​09 u.a., BVerfGE 128, 326[]
  4. st. Rspr., vgl. BGH, Urteil vom 17.04.2014 – 3 StR 355/​13, NStZ-RR 2014, 207 mwN[]
  5. vgl. zur Anlas­s­tat gemäß § 176 Abs. 1 StGB: BGH, Urteil vom 19.02.2013 – 1 StR 465/​12, BGHR StGB § 66 Abs. 1 Gefähr­lich­keit 9 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 04.02.2004 – 1 StR 474/​03, BGHR StGB § 66 Abs. 1 Gefähr­lich­keit 7; Urteil vom 03.02.2011 – 3 StR 466/​10, NStZ-RR 2011, 172[]
  7. vgl. BVerfGE 128, 326, 376 ff.[]