Siche­rungs­ver­wah­rung und die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on

Auch bei kon­ven­ti­ons­wid­rig unter­ge­brach­ten Siche­rungs­ver­wahr­ten hat nach Ansicht des Leip­zi­ger Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs kei­ne „auto­ma­ti­sche“ Ent­las­sung zu erfol­gen.

Siche­rungs­ver­wah­rung und die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on

Gegen­stand des Beschlus­ses des Bun­des­ge­richts­hofs war die Fra­ge, ob Ver­ur­teil­te, die wegen vor dem 31. Janu­ar 1998 began­ge­ner Taten seit mehr als zehn Jah­ren erst­mals in der Siche­rungs­ver­wah­rung unter­ge­bracht sind, als Fol­ge des Urteils des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 17. Dezem­ber 2009 [1] ohne wei­te­re Sach­prü­fung zu ent­las­sen sind.

Die­se Fra­ge möch­te nun nun der 5. (Leip­zi­ger) Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs ver­nei­nen. Damit wür­de er sich aber in Wider­spruch zu einem Beschluss des 4. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 12. Mai 2010 [2] set­zen, der ein par­al­le­les Pro­blem bei der Anord­nung nach­träg­li­cher Siche­rungs­ver­wah­rung betrifft. Daher fragt der 5. Straf­se­nat nun beim 4. Straf­se­nat des an, ob er an sei­ner ent­ge­gen­ste­hen­den Recht­spre­chung fest­hält. Bei den ande­ren Straf­se­na­ten fragt der 5. Straf­se­nat wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung an, ob sie sei­ner Rechts­auf­fas­sung zustim­men. Soll­te die Anfra­ge kei­ne Einig­keit unter den Straf­se­na­ten erge­ben, ist die Sache dem Gro­ßen Senat für Straf­sa­chen des Bun­des­ge­richts­hofs zur Ent­schei­dung vor­zu­le­gen.

Zum Hin­ter­grund des Anfra­ge­be­schlus­ses:

Mit dem am 31. Janu­ar 1998 in Kraft getre­te­nen Gesetz zur Bekämp­fung von Sexu­al­de­lik­ten und ande­ren schwe­ren Straf­ta­ten [3] wur­de die seit 1975 gel­ten­de strik­te Höchst­dau­er der ers­ten Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung von zehn Jah­ren teil­wei­se auf­ge­ho­ben. Bei fort­dau­ern­der Gefähr­lich­keit des Unter­ge­brach­ten ins­be­son­de­re in Bezug auf dro­hen­de Gewalt- und Sexu­al­straf­ta­ten wur­de der unbe­fris­te­te Voll­zug der Siche­rungs­ver­wah­rung ermög­licht (§ 67d Abs. 3 Satz 1 StGB). Die Rege­lung soll­te auch für Siche­rungs­ver­wah­run­gen gel­ten, die wegen vor dem Inkraft­tre­ten began­ge­ner Taten ange­ord­net wor­den waren („Alt­fäl­le“).

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erklär­te die­se gesetz­ge­be­ri­sche Maß­nah­me mit Urteil vom 5. Febru­ar 2004 für ver­fas­sungs­ge­mäß [4]. Das stren­ge ver­fas­sungs­recht­li­che Rück­wir­kungs­ver­bot für Stra­fen (Art. 103 Abs. 2 GG) gel­te für die Siche­rungs­ver­wah­rung als Maß­re­gel der Bes­se­rung und Siche­rung nicht. Bei fort­be­stehen­der erheb­li­cher Gefähr­lich­keit des Unter­ge­brach­ten lie­ge auch kei­ne Ver­let­zung des Frei­heits­grund­rechts vor; aller­dings bestün­den stren­ge Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung.

Anders sah dies jedoch der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te in Straß­burg. Nach sei­nem Urteil vom 17. Dezem­ber 2009 ver­letzt die nach­träg­li­che Ver­län­ge­rung der Siche­rungs­ver­wah­rung die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (Arti­kel 5 EMRK: Recht auf Frei­heit; Arti­kel 7 EMRK: Kei­ne Stra­fe ohne Gesetz). Unge­ach­tet ihrer Ein­ord­nung im deut­schen Recht als Maß­re­gel ist die Siche­rungs­ver­wah­rung nach Auf­fas­sung des Gerichts­hofs eine Stra­fe im Sin­ne der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, für die ins­be­son­de­re das Rück­wir­kungs­ver­bot des Art. 7 Abs. 1 Satz 2 EMRK gilt. Sie sei wie eine Frei­heits­stra­fe mit Frei­heits­ent­zie­hung ver­bun­den und es gebe in Deutsch­land kei­ne wesent­li­chen Unter­schie­de zwi­schen dem Voll­zug einer Frei­heits­stra­fe und dem der Siche­rungs­ver­wah­rung.

Weil das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te über den ent­schie­de­nen Ein­zel­fall hin­aus Bedeu­tung für alle gleich­ge­la­ger­ten Sach­ver­hal­te hat, müs­sen die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mern der Land­ge­rich­te in Alt­fäl­len über die Ent­las­sung einer Rei­he von Siche­rungs­ver­wahr­ten ent­schei­den. Sie ver­fah­ren dabei unter­schied­lich. Wäh­rend ein Teil der Gerich­te unter Beru­fung auf das Urteil des Gerichts­hofs alle Siche­rungs­ver­wahr­ten in die Frei­heit ent­lässt, ord­net ein ande­rer Teil bei fort­be­stehen­der Gefähr­lich­keit die wei­te­re Voll­stre­ckung der Siche­rungs­ver­wah­rung an.

Die unter­schied­li­che Pra­xis der Gerich­te zur Siche­rungs­ver­wah­rung, die sich auch in der Recht­spre­chung der für Beschwer­den zustän­di­gen Ober­lan­des­ge­rich­te fort­setzt, hat den Gesetz­ge­ber zu einer Ände­rung des Gerichts­ver­fas­sungs­ge­set­zes ver­an­lasst. Er hat eine Pflicht zur Vor­le­gung der Sache an den Bun­des­ge­richts­hof begrün­det, wenn ein Ober­lan­des­ge­richt bei der Ent­schei­dung über die Erle­di­gung der Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung oder über die Zuläs­sig­keit ihrer wei­te­ren Voll­stre­ckung von einer nach dem 1. Janu­ar 2010 ergan­ge­nen Ent­schei­dung eines ande­ren Ober­lan­des­ge­rich­tes abwei­chen will.

Der Anfra­ge­be­schluss des 5. Straf­se­nats hat der­ar­ti­ge Vor­le­gungs­be­schlüs­se der Ober­lan­des­ge­rich­te Stutt­gart [5], Cel­le [6] und Koblenz [7] zum Gegen­stand. Die­se Gerich­te wol­len die Siche­rungs­ver­wah­rung in Alt­fäl­len fort­dau­ern las­sen. Sie wei­chen damit von Ent­schei­dun­gen der Ober­lan­des­ge­rich­te Frank­furt, Hamm, Karls­ru­he und Schles­wig ab, nach denen für Alt­fäl­le die zur Tat­zeit bestehen­de Höchst­frist der ers­ten Siche­rungs­ver­wah­rung von zehn Jah­ren zu gel­ten habe und folg­lich die Voll­stre­ckung der Unter­brin­gung über die­se Frist hin­aus unzu­läs­sig sei.

Zum Inhalt des Anfra­ge­be­schlus­ses:

Der 5. Straf­se­nat beruft sich auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und geht davon aus, dass die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und die hier­zu ergan­ge­nen Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te bei der Aus­le­gung und Anwen­dung deut­schen Rechts zu beach­ten sind. Er sieht jedoch kei­ne Mög­lich­keit, im Wege der Geset­zes­aus­le­gung für Alt­fäl­le die zur Tat­zeit bestehen­de Höchst­frist zur Anwen­dung zu brin­gen. Die durch den 4. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, Art. 7 Abs. 1 Satz 2 MRK gebie­te für Alt­fäl­le die Anwen­dung von Tat­zeit­recht, wider­spricht dem ein­deu­ti­gen Wil­len des Gesetz­ge­bers, denn der Deut­sche Bun­des­tag hat die rück­wir­ken­de Gel­tung des § 67d Abs. 3 Satz 1 StGB aus­drück­lich ange­ord­net. Wo der gegen­tei­li­ge Wil­le des Gesetz­ge­bers – wie hier – unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck kommt, endet aber nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die Zuläs­sig­keit kon­ven­ti­ons­kon­for­mer Aus­le­gung.

Aller­dings ist § 67d Abs. 3 Satz 1 StGB nach Auf­fas­sung des 5. Straf­se­nats bei rück­wir­ken­der Anwen­dung im Lich­te der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te ein­schrän­kend aus­zu­le­gen: Die erst­ma­li­ge Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung nach zehn­jäh­ri­gem Voll­zug darf nur noch dann wei­ter voll­streckt wer­den, wenn aus kon­kre­ten Umstän­den in der Per­son oder dem Ver­hal­ten des Unter­ge­brach­ten eine hoch­gra­di­ge Gefahr schwers­ter Gewalt- oder Sexu­al­ver­bre­chen abzu­lei­ten ist.

Die­sen Grund­satz haben die über die Ent­las­sung von Siche­rungs­ver­wahr­ten ent­schei­den­den Gerich­te unab­hän­gig vom Ergeb­nis der Anfra­ge des Senats bei den ande­ren Straf­se­na­ten ab sofort zwin­gend zu beach­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Novem­ber 2010 -5 StR 394/​10, 5 StR 440/​10 und 5 StR 474/​10

  1. EGMR, Urteil vom 17.12.2009 – 19359/​04 [M. gegen Deutsch­land][]
  2. BGH, Beschluss vom 12.05.2010 – 4 StR 577/​09[]
  3. BGBl I 1998 S. 160[]
  4. BVerfGE 109, 133[]
  5. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 19. August 2010 – 1 Ws 57/​10[]
  6. OLG Cel­le, Beschluss vom 9. Sep­tem­ber 2010 – 2 Ws 270/​10[]
  7. OLG Koblenz, Beschluss vom 30. Sep­tem­ber 2010 – 1 Ws 108/​10[]