Siche­rungs­ver­wah­rung – und die hang­be­ding­te Gefähr­lich­keit

Anders als sei­ne Vor­gän­ger­vor­schrift (§ 66a Abs. 1 StGB in der Fas­sung vom 21.08.2002) for­dert § 66a Abs. 1 Nr. 3 StGB in der hier anzu­wen­den­den Fas­sung des Geset­zes zur Neu­an­wen­dung der Vor­schrif­ten der Siche­rungs­ver­wah­rung und zu beglei­ten­den Rege­lun­gen vom 22.12 2010 1 nicht mehr die siche­re Fest­stel­lung eines Han­ges im Sin­ne des § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB, son­dern lässt es sowohl in Bezug hier­auf als auch hin­sicht­lich der hang­be­ding­ten Gefähr­lich­keit aus­rei­chen, dass deren Vor­lie­gen nicht mit hin­rei­chen­der Sicher­heit fest­stell­bar, aber wahr­schein­lich ist 2.

Siche­rungs­ver­wah­rung – und die hang­be­ding­te Gefähr­lich­keit

Dabei darf sich der Tatrich­ter nicht dar­auf beschrän­ken, die Grün­de dafür anzu­ge­ben, war­um kei­ne hin­rei­chend siche­ren Fest­stel­lun­gen getrof­fen wer­den konn­ten. Viel­mehr muss sich aus den Urteils­grün­den auch im Sin­ne einer beleg­ten posi­ti­ven Fest­stel­lung erge­ben, dass sowohl das Vor­lie­gen einer Hang­tä­ter­schaft als auch das Bestehen einer hier­durch beding­ten Gefähr­lich­keit für die All­ge­mein­heit im Sin­ne des § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB wahr­schein­lich sind 3. Da es sich inso­weit nicht um iden­ti­sche Merk­ma­le han­delt, wer­den in der Regel ent­spre­chen­de Ein­zel­aus­füh­run­gen erfor­der­lich sein 4.

Nicht aus­rei­chend ist es zu begrün­den, war­um dem Ange­klag­ten eine Gefähr­lich­keits­pro­gno­se gestellt wer­den kann. Viel­mehr muss auch trag­fä­hig belegt wer­den, dass es sich dabei um eine Gefähr­lich­keit han­delt, der wahr­schein­lich ein Hang im Sin­ne eines ein­ge­schlif­fe­nen Ver­hal­tens­mus­ters zugrun­de liegt, das den Ange­klag­ten immer wie­der neue Straf­ta­ten bege­hen lässt 5.

Hier­zu bedarf es einer auf einer ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­nen Betrach­tung beru­hen­den Beur­tei­lung, die alle bedeut­sa­men für und gegen eine (wahr­schein­li­che) Hang­tä­ter­schaft spre­chen­den Umstän­de ein­be­zieht 6. Dabei ist eine Gesamt­wür­di­gung vor­zu­neh­men, die auch die an ande­rer Stel­le ange­führ­ten mög­li­chen Gegen­in­di­zi­en ein­be­zieht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Juli 2017 – 4 StR 245/​17

  1. BGBl. I 2300[]
  2. vgl. BT-Drs. 17/​3403, S. 15, 26; Fischer, StGB, 64. Aufl., § 66a Rn. 5; Jehle/​Harrendorf in: SSW-StGB, 3. Aufl., § 66a Rn. 8; Stree/​Kinzig in: Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 66a Rn. 12; Ullenbruch/​Morgenstern in: Münch­Komm-StGB, 3. Aufl., § 66a Rn. 62; Zieg­ler in: Beck­OK-StGB, 34. Edi­ti­on, § 66a Rn. 4; Kin­zig, NJW 2011, 177, 178 f.; zur alten Rechts­la­ge vgl. BGH, Urteil vom 08.07.2005 – 2 StR 120/​05, BGHSt 50, 188, 194 f.[]
  3. vgl. BT-Drs. 17/​3403, S. 29; Sinn in: SK-StGB, 9. Aufl., § 66a Rn. 11[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.04.2015 – 1 StR 594/​14, Rn. 30; vom 08.07.2005 – 2 StR 120/​05, BGHSt 50, 188, 196; Jehle/​Harrendorf, aaO § 66 Rn. 21[]
  5. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 06.05.2014 – 3 StR 382/​13, NStZ-RR 2014, 271, 272 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 26.04.2017 – 5 StR 572/​16, Rn. 9 [zu § 66 Abs. 1 Nr. 4 StGB][]