Siche­rungs­ver­wah­rung – und die maß­geb­li­che Rück­fall­ver­jäh­rungs­frist

Die Rück­fall­ver­jäh­rungs­frist von fünf­zehn Jah­ren gemäß § 66 Abs. 4 Satz 3 Halb­satz 2 StGB ist nur im Ver­hält­nis zwei­er Sexu­al­straf­ta­ten zuein­an­der anwend­bar. Folgt eine Straf­tat aus dem Bereich der all­ge­mei­nen Kri­mi­na­li­tät einer Sexu­al­straf­tat nach, so gilt die fünf­jäh­ri­ge Rück­fall­ver­jäh­rungs­frist des § 66 Abs. 4 Satz 3 Halb­satz 1 StGB.

Siche­rungs­ver­wah­rung – und die maß­geb­li­che Rück­fall­ver­jäh­rungs­frist

Gemäß § 66 Abs. 4 Satz 3 Halb­satz 1 StGB bleibt eine frü­he­re Tat außer Betracht, wenn zwi­schen ihr und der fol­gen­den Tat mehr als fünf Jah­re ver­stri­chen sind. Nach § 66 Abs. 4 Satz 3 Halb­satz 2 StGB beträgt die Frist "bei Straf­ta­ten gegen die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung" fünf­zehn Jah­re. § 66 Abs. 4 Satz 3 StGB stellt mit der "Rück­fall­ver­jäh­rung" die gesetz­li­che Ver­mu­tung auf, dass Vor­ver­ur­tei­lun­gen nach einer "Wohl­ver­hal­tens­pha­se" von mehr als fünf Jah­ren bzw. von fünf­zehn Jah­ren (Sexu­al­straf­ta­ten) in Frei­heit für die Pro­gno­se irrele­vant sind 1. Eine Ver­wer­tung der Vor­ver­ur­tei­lun­gen als Sym­ptom­ta­ten schei­det danach aus 2.

Die Rück­fall­ver­jäh­rungs­frist von fünf­zehn Jah­ren gemäß § 66 Abs. 4 Satz 3 Halb­satz 2 StGB ist nur im Ver­hält­nis zwei­er Sexu­al­straf­ta­ten zuein­an­der anwend­bar. Folgt eine Straf­tat aus dem Bereich der all­ge­mei­nen Kri­mi­na­li­tät einer Sexu­al­straf­tat nach, so fin­det die fünf­jäh­ri­ge Rück­fall­ver­jäh­rungs­frist des § 66 Abs. 4 Satz 3 Halb­satz 1 StGB Anwen­dung 3.

Für die­se ein­engen­de Aus­le­gung dahin, dass die Frist von fünf­zehn Jah­ren für den Ein­tritt der Rück­fall­ver­jäh­rung auf Fäl­le beschränkt ist, in denen Sexu­al­straf­ta­ten ein­an­der nach­fol­gen, spricht bereits der Geset­zes­wort­laut. Ande­ren­falls wäre nicht zu erklä­ren, dass der Gesetz­ge­ber die Anwen­dung der Frist aus­drück­lich auf "Sexu­al­straf­ta­ten" beschränkt hat. Hät­te er der län­ge­ren Rück­fall­ver­jäh­rung einen wei­te­ren Anwen­dungs­be­reich eröff­nen wol­len, hät­te es nahe gele­gen, dies aus­drück­lich – etwa durch eine – dem Halb­satz 1 ent­spre­chen­de und kon­kret auf die frü­he­re Tat abstel­len­de – For­mu­lie­rung – zum Aus­druck zu brin­gen.

Für eine enge Aus­le­gung der Vor­schrift spre­chen auch der aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ersicht­li­che Wil­le des Gesetz­ge­bers sowie der Zweck der Norm. Mit der durch das Gesetz zur Neu­ord­nung des Rechts der Siche­rungs­ver­wah­rung und zu beglei­ten­den Rege­lun­gen vom 22.12 2010 4 ein­ge­führ­ten und zum 1.01.2011 in Kraft getre­te­nen Neu­re­ge­lung soll­te dem Umstand Rech­nung getra­gen wer­den, dass "kri­mi­no­lo­gi­sche Unter­su­chun­gen" die Annah­me nahe legen, dass Sexu­al­straf­tä­ter "nicht ganz sel­ten erst nach fünf bis zehn Jah­ren in Frei­heit erst­ma­lig rück­fäl­lig wer­den und sich inso­weit deut­lich von ande­ren Täter­grup­pen, wie zum Bei­spiel Räu­bern, unter­schei­den" 5; die län­ge­re Rück­fall­ver­jäh­rung soll­te für "ein­schlä­gi­ge" Rück­fäl­le gel­ten 6. Die ursprüng­lich im Geset­zes­ent­wurf der Frak­tio­nen von CDU/​CSU und FDP 7 für Sexu­al­straf­ta­ten vor­ge­se­he­ne beson­de­re Rück­fall­ver­jäh­rungs­frist von zehn Jah­ren wur­de nach einer am 10.11.2010 durch­ge­führ­ten Anhö­rung, in der von Exper­ten­sei­te dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den war, dass eine Ver­län­ge­rung auf zehn Jah­re nach den Erfah­run­gen der Pra­xis noch nicht als aus­rei­chend ange­se­hen wer­den kön­ne 8 – der Beschluss­emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges 9 fol­gend – auf fünf­zehn Jah­re ange­ho­ben, ohne dass sich die­se beschränk­te Ziel­set­zung ver­än­dert hät­te 10.

Damit hat der Gesetz­ge­ber einer Beson­der­heit Rech­nung getra­gen, die aus­schließ­lich für Sexu­al­straf­tä­ter Gel­tung bean­sprucht. Weil sie – im Gegen­satz zu Straf­tä­tern aus den ande­ren in § 66 Abs. 1 StGB benann­ten Delikts­be­rei­chen – nach foren­si­scher Erfah­rung häu­fig deut­lich spä­ter rück­fäl­lig wer­den, soll die "Wohl­ver­hal­tens­pha­se", an die das Gesetz die Ver­mu­tung man­geln­der Pro­gno­sere­le­vanz der Vor­tat knüpft, um das Drei­fa­che ver­län­gert wer­den.

Für eine ein­engen­de Aus­le­gung der Norm spre­chen auch sys­te­ma­ti­sche Grün­de, da es sich um eine Aus­nah­me­vor­schrift han­delt. Ein sol­ches Ver­ständ­nis der Vor­schrift erscheint schließ­lich auch vor­zugs­wür­dig, weil eine auf fünf­zehn Jah­re bemes­se­ne Rück­fall­ver­jäh­rung in ein Span­nungs­ver­hält­nis zur Fest­stel­lung des Han­ges im Sin­ne des § 66 Abs. 1 Nr. 4 StGB zu gera­ten droht, der für die Ver­hän­gung der Maß­re­gel der Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung kon­sti­tu­tiv ist 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. August 2018 – 2 StR 142/​18

  1. vgl. BGH, Urteil vom 26.11.2003 – 2 StR 291/​03, BGHSt 49, 25, 28; Münch­Komm-StG­B/Ul­len­bruch/D­renk­hahn/­Mor­gen­stern, 3. Aufl., § 66 Rn. 84[]
  2. BGH, Beschluss vom 03.09.2008 – 5 StR 281/​08, Stra­Fo 2008, 435[]
  3. noch offen gelas­sen von BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – 5 StR 473/​14, NStZ 2015, 210; eben­so Ris­sing­van Saan in Fest­schrift Roxin Band 2, 2011, S. 1173, 1182; Eschel­bach, in: Matt/​Renzikowski, StGB, § 66 Rn. 69[]
  4. BGBl. I vom 31.12.2010, S. 2300[]
  5. BT-Drs. 17/​3403, S. 25[]
  6. so aus­drück­lich BT-Drs. 17/​3403, S. 25[]
  7. BT-Drs. 17/​3403[]
  8. vgl. BT-Drs. 17/​4602, S. 14[]
  9. BT-Drs. 17/​4062, S. 1[]
  10. vgl. Kreu­zer, StV 2011, 122, 129; SKStGB/​Sinn, 9. Aufl., § 66 Rn.19; kri­tisch Pfis­ter, FPPK 2011, 82, 86[]
  11. vgl. Pfis­ter, aaO; eben­so Schönke/​Schröder/​Stree/​Kinzig, StGB, 29. Aufl., § 66 Rn. 67[]