Ange­mes­se­ne Ver­fah­rens­dau­er in Steu­er­sa­chen

Nach zwei jetzt ver­kün­de­ten Urtei­len des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist die Ein­stel­lung von Steu­er­ver­fah­ren, die vor mehr als zehn Jah­ren ein­ge­lei­tet wur­den, mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar. Zweck die­ser Maß­nah­me mit Aus­nah­me­cha­rak­ter ist es, die Ein­hal­tung des Grund­sat­zes der ange­mes­sen Ver­fah­rens­dau­er durch­zu­set­zen.

Ange­mes­se­ne Ver­fah­rens­dau­er in Steu­er­sa­chen

Anlass für die­se Ent­schei­dun­gen des EuGH waren beim ita­lie­ni­schen Cor­te supre­ma di cas­sa­zio­ne und der Com­mis­sio­ne tri­bu­ta­ria cen­tra­le anhän­gi­ge Ver­fah­ren: Um die Dau­er der Ver­fah­ren in Steu­er­sa­chen zu ver­kür­zen und auf die­se Wei­se den Grund­satz der ange­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er im Sin­ne der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten zu wah­ren, erließ Ita­li­en im Jahr 2010 eine Vor­schrift, wonach Ver­fah­ren, die zum Zeit­punkt des Inkraft­tre­tens der Vor­schrift seit mehr als zehn Jah­ren anhän­gig sind und in denen die staat­li­che Finanz­ver­wal­tung in den bei­den ers­ten Rechts­zü­gen unter­le­gen ist, ohne Prü­fung der Kla­ge ein­ge­stellt wer­den.

Im Ein­zel­nen wer­den die bei der Com­mis­sio­ne tri­bu­ta­ria cen­tra­le (Zen­tra­le Finanz­kom­mis­si­on, Ita­li­en) anhän­gi­gen Ver­fah­ren auto­ma­tisch ein­ge­stellt, die bei der Cor­te supre­ma di cas­sa­zio­ne (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof, Ita­li­en) anhän­gi­gen Ver­fah­ren kön­nen gegen Zah­lung eines Betrags in Höhe von 5 % des Streit­werts und Ver­zicht auf eine etwai­ge Ent­schä­di­gung ein­ge­stellt wer­den.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ist mit zwei Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen befasst wor­den, von denen das eine danach fragt, ob das Uni­ons­recht der Anwen­dung einer sol­chen Vor­schrift auf dem Gebiet der direk­ten Besteue­rung ent­ge­gen­steht, und das ande­re die Ver­ein­bar­keit einer sol­chen Vor­schrift mit den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen über die Mehr­wert­steu­er betrifft. Die Cor­te supre­ma di cas­sa­zio­ne und die Com­mis­sio­ne tri­bu­ta­ria cen­tra­le möch­ten vom Euro­päi­schen Gerichts­hof ins­be­son­de­re wis­sen, ob die natio­na­le Rege­lung mit der Ver­pflich­tung, miss­bräuch­li­che Prak­ti­ken zu ver­hin­dern, den Grund­sät­zen des Bin­nen­markts und der Pflicht zur Bei­trei­bung der Mehr­wert­steu­er ver­ein­bar sei, da sie einen fast voll­stän­di­gen Ver­zicht auf die Bei­trei­bung der Steu­er­for­de­rung bzw. der Mehr­wert­steu­er ent­hal­te.

In der ers­ten Rechts­sa­che erin­nert der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­an, dass die direk­ten Steu­ern in die Zustän­dig­keit der Mit­glied­staa­ten fal­len, die die­se Befug­nis­se jedoch unter Wah­rung des Uni­ons­rechts aus­üben müs­sen. Er führt wei­ter aus, dass das Uni­ons­recht im vor­lie­gen­den Fall einer natio­na­len Vor­schrift wie der hier in Rede ste­hen­den nicht ent­ge­gen­steht, nach der das steu­er­ge­richt­li­che Ver­fah­ren unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ein­ge­stellt wer­den kann, um die Dau­er sol­cher Ver­fah­ren zu begren­zen.

Dabei stellt der Euro­päi­sche Gerichts­hof im Zuge der Prü­fung der Ver­ein­bar­keit der natio­na­len Rege­lung mit den Vor­schrif­ten über staat­li­che Bei­hil­fen fest, dass die frag­li­chen Maß­nah­men das Kri­te­ri­um der Selek­ti­vi­tät nicht erfül­len und mit­hin kei­ne staat­li­chen Bei­hil­fen sind1.

In der zwei­ten Rechts­sa­che, die die auto­ma­ti­sche Ein­stel­lung von Ver­fah­ren betrifft, die bei der für die Prü­fung von Anträ­gen auf Mehr­wert­steu­er­be­rich­ti­gung zustän­di­gen Com­mis­sio­ne tri­bu­ta­ria cen­tra­le anhän­gig sind, weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass jeder Mit­glied­staat ver­pflich­tet ist, alle Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten zu erlas­sen, die geeig­net sind, die Erhe­bung der gesam­ten in sei­nem Hoheits­ge­biet geschul­de­ten Mehr­wert­steu­er zu gewähr­leis­ten. Zwar ver­fü­gen die Mit­glied­staa­ten hin­sicht­lich der Art des Ein­sat­zes der ihnen zu Gebo­te ste­hen­den Mit­tel über einen gewis­sen Spiel­raum, die­ser Spiel­raum wird jedoch durch die Ver­pflich­tung begrenzt, eine wirk­sa­me Erhe­bung der Eigen­mit­tel der Uni­on zu garan­tie­ren und dabei den Grund­satz einer ange­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er zu wah­ren.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on unter­streicht indes­sen den Unter­schied zwi­schen dem vor­lie­gen­den Fall und einer frü­he­ren Rechts­sa­che2, in der er ent­schie­den hat­te, das Maß­nah­men, die nur kur­ze Zeit nach Ablauf der Fris­ten für die Ent­rich­tung der geschul­de­ten Mehr­wert­steu­er ein­ge­führt wur­den und es den Steu­er­pflich­ti­gen ermög­lich­ten, jeg­li­cher Kon­trol­le durch die Steu­er­be­hör­den zu ent­ge­hen, einen all­ge­mei­nen und undif­fe­ren­zier­ten Ver­zicht auf die Über­prü­fung von steu­er­ba­ren Umsät­zen dar­stell­ten, der mit dem Uni­ons­recht nicht ver­ein­bar sei.

Im vor­lie­gen­den Fall, so der Euro­päi­sche Gerichts­hof, han­delt es sich um eine Vor­schrift mit Aus­nah­me­cha­rak­ter, die nur punk­tu­ell und begrenzt wirkt, die die Ein­hal­tung des Grund­sat­zes der ange­mes­se­nen Ver­fah­rens­dau­er durch­set­zen soll und die kei­ne bedeut­sa­men Unter­schie­de bei der Behand­lung der Steu­er­pflich­ti­gen ins­ge­samt schafft. Sie ver­stößt daher nicht gegen den Grund­satz der Steu­erneu­tra­li­tät.

Folg­lich befin­det der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass das Uni­ons­recht der ita­lie­ni­schen Vor­schrift nicht ent­ge­gen­steht.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urtei­le vom 29. März 2012 – C‑417/​10 [Minis­te­ro del­l’E­co­no­mia e del­le Finanze/​3M Ita­lia SpA] und C‑500/​10 [Uffi­cio IVA di Piacenza/​Belvedere Cos­tru­zio­ni Srl]

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 15.12.2005 – C‑66/​02 [Italien/​Kom­mis­si­on] zur Reform des ita­lie­ni­schen Ban­ken­sys­tems
  2. EuGH, Urteil vom 17.07.2008 – C‑132/​06 [Kommission/​Italien] zum Ent­fal­len admi­nis­tra­ti­ver steu­er­li­cher Sank­tio­nen