Bei­trags­vor­ent­hal­tung, Steu­er­hin­ter­zie­hung – und die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift

Eine Ankla­ge ist nur dann unwirk­sam mit der Fol­ge, dass das Ver­fah­ren wegen Feh­lens einer Pro­zess­vor­aus­set­zung ein­zu­stel­len ist, wenn etwai­ge Män­gel ihre Umgren­zungs­funk­ti­on betref­fen 1.

Bei­trags­vor­ent­hal­tung, Steu­er­hin­ter­zie­hung – und die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift

Die Ankla­ge­schrift hat nach § 200 Abs. 1 Satz 1 StPO die dem Ange­klag­ten zur Last geleg­te Tat sowie Zeit und Ort ihrer Bege­hung so genau zu bezeich­nen, dass die Iden­ti­tät des geschicht­li­chen Vor­gangs dar­ge­stellt und erkenn­bar wird, wel­che bestimm­te Tat gemeint ist; sie muss sich von ande­ren gleich­ar­ti­gen straf­ba­ren Hand­lun­gen des­sel­ben Täters unter­schei­den las­sen 2. Dabei muss die Schil­de­rung umso kon­kre­ter sein, je grö­ßer die all­ge­mei­ne Mög­lich­keit ist, dass der Ange­klag­te ver­wech­sel­ba­re wei­te­re Straf­ta­ten glei­cher Art ver­übt hat 3. Die began­ge­ne kon­kre­te Tat muss durch bestimm­te Tat­um­stän­de so genau bezeich­net wer­den, dass kei­ne Unklar­heit dar­über mög­lich ist, wel­che Hand­lun­gen dem Ange­klag­ten zur Last gelegt wer­den 4. Denn es darf nicht unklar blei­ben, über wel­chen Sach­ver­halt das Gericht nach dem Wil­len der Staats­an­walt­schaft urtei­len soll. Erfüllt die Ankla­ge ihre Umgren­zungs­funk­ti­on nicht, ist sie unwirk­sam 5. Ein wesent­li­cher Man­gel der Ankla­ge­schrift, der als Ver­fah­rens­hin­der­nis wir­ken kann, ist daher nur anzu­neh­men, wenn die ange­klag­ten Taten anhand der Ankla­ge­schrift nicht genü­gend kon­kre­ti­sier­bar sind, so dass unklar bleibt, auf wel­chen kon­kre­ten Sach­ver­halt sich die Ankla­ge bezieht und wel­chen Umfang die Rechts­kraft eines dar­auf­hin erge­hen­den Urteils haben wür­de 6. Bei der Prü­fung, ob die Ankla­ge die gebo­te­ne Umgren­zung leis­tet, dür­fen die Aus­füh­run­gen im wesent­li­chen Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen zur Ergän­zung und Aus­le­gung des Ankla­ge­sat­zes her­an­ge­zo­gen wer­den 7.

Die­se all­ge­mei­nen Anfor­de­run­gen füh­ren nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs im hier maß­geb­li­chen Bereich der Steu­er­hin­ter­zie­hung (§ 370 AO) und des Vor­ent­hal­tens und Ver­un­treu­ens von Arbeits­ent­gelt (§ 266a StGB) dazu, dass im Ankla­ge­satz das rele­van­te Ver­hal­ten und der Tat­er­folg i.S.v. § 370 AO bzw. § 266a StGB anzu­füh­ren sind, einer Berech­nungs­dar­stel­lung der Steu­er­ver­kür­zung bzw. der nicht abge­führ­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge bedarf es dort hin­ge­gen nicht 8. Aus­füh­run­gen zur Scha­dens­be­rech­nung kön­nen kei­nen Bei­trag zur Indi­vi­dua­li­sie­rung der Tat leis­ten, im Ankla­ge­satz aber mit­un­ter dem Ziel zuwi­der­lau­fen, den Tat­vor­wurf klar, über­sicht­lich und ver­ständ­lich dar­zu­stel­len 9. Die für Urtei­le gel­ten­den Dar­stel­lungs­maß­stä­be kön­nen ange­sichts der unter­schied­li­chen Anfor­de­run­gen nicht auf Ankla­ge­schrif­ten über­tra­gen wer­den 10. Eine Ankla­ge­schrift erfüllt daher auch dann die für ihre Wirk­sam­keit erfor­der­li­che Indi­vi­dua­li­sie­rungs- und Umgren­zungs­funk­ti­on (vgl. § 200 Abs. 1 Satz 1 StPO), wenn die dem Ange­klag­ten zur Last lie­gen­de Höhe der Steu­er­ver­kür­zung oder des Vor­ent­hal­tens oder Ver­un­treu­ens von Arbeits­ent­gelt bei ille­ga­len Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen auf einer Schät­zung 11 beruht, selbst wenn eine genaue­re Berech­nung der Steu­er­ver­kür­zung bzw. Nicht­ab­füh­rung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen mög­lich gewe­sen wäre.

Zwar ist es mit Blick auf die Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on der Ankla­ge­schrift regel­mä­ßig ange­zeigt, im wesent­li­chen Ermitt­lungs­er­geb­nis (§ 200 Abs. 2 Satz 1 StPO; Nr. 112 RiSt­BV) die für eine nach­voll­zieh­ba­re Dar­stel­lung der Berech­nung der Abga­ben­ver­kür­zung erfor­der­li­chen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen sowie (Steuer)Berechnungen oder Schät­zun­gen anzu­füh­ren. Auch erscheint es zweck­mä­ßig, die Aus­füh­run­gen bereits an den für das Gericht gel­ten­den Maß­stä­ben aus­zu­rich­ten 12. Feh­len der­ar­ti­ge Anga­ben oder erwei­sen sie sich als unge­nü­gend, kann dies für sich allein indes die Wirk­sam­keit der Ankla­ge nicht in Fra­ge stel­len, da Män­gel der Infor­ma­ti­ons­funk­ti­on ihre Wirk­sam­keit nicht berüh­ren 13; inso­weit kön­nen Feh­ler auch noch in der Haupt­ver­hand­lung durch Hin­wei­se ent­spre­chend § 265 StPO geheilt wer­den 14.

In Bezug auf das Vor­ent­hal­ten oder Ver­un­treu­en von Arbeits­ent­gelt wur­de hier­nach im vor­lie­gen­den Fall die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge gewahrt. Es bestehen ins­be­son­de­re kei­ner­lei Zwei­fel am Umfang der Rechts­kraft eines dar­auf­hin erge­hen­den Urteils:

So ent­hält die Ankla­ge zunächst Anga­ben zur Arbeit­ge­ber­stel­lung der Ange­klag­ten und damit zur Zah­lungs­pflicht. Wei­ter wer­den für den kon­kret bezeich­ne­ten Tat­zeit­raum von Juli 2006 bis Juli 2010 die jewei­li­gen Bei­trags- und Beschäf­ti­gungs­mo­na­te ein­schließ­lich der zustän­di­gen Ein­zugs­stel­len kon­kret benannt, an die trotz bestehen­der Pflicht Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge nicht abge­führt wur­den. Für die rele­van­ten Mona­te im Tat­zeit­raum fin­den sich auch die jeweils nicht abge­führ­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge, auf­ge­schlüs­selt nach Arbeit­ge­ber- und Arbeit­neh­mer­an­tei­len des ein­zel­kauf­män­ni­schen Unter­neh­mens, für das die Ange­klag­ten han­del­ten. Die­se Anga­ben las­sen damit eine Abgren­zung zu ande­ren Taten ohne Wei­te­res zu. Wei­ter­ge­hen­de Anga­ben zu den Ein­künf­ten der Arbeit­neh­mer und zu dem jewei­li­gen Berech­nungs­satz für die Höhe der Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge sind für die Erfül­lung der Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge ohne Bedeu­tung. Unschäd­lich war auch, dass die Ankla­ge bei der Auf­lis­tung der ein­zel­nen Taten hin­sicht­lich der betref­fen­den Mona­te nicht nach ein­zel­nen Per­so­nen dif­fe­ren­ziert hat, son­dern nur pau­schal den jewei­li­gen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern als Ein­zugs­stel­len zuord­net. Einer wei­ter­ge­hen­den indi­vi­dua­li­sie­ren­den Beschrei­bung der jewei­li­gen Ein­zel­ak­te jeder Tat bedurf­te es nach der dar­ge­stell­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Iden­ti­fi­zier­bar­keit der Ankla­ge nicht.

Soweit das Land­ge­richt sich zur Begrün­dung sei­ner Rechts­auf­fas­sung auf die Recht­spre­chung des OLG Hamm 15 und des OLG Cel­le 16 stützt, lagen – soweit dar­in über­haupt ein Wider­spruch zur vor­ge­nann­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu sehen sein soll­te – hier teil­wei­se abwei­chen­de Fall­ge­stal­tun­gen zu Grun­de, die im Blick auf die vor­lie­gen­de Ankla­ge eine Ein­stel­lung des Ver­fah­rens nicht recht­fer­ti­gen. So wäre es auch nach Auf­fas­sung des OLG Cel­le 17 für die Erfül­lung der Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge unschäd­lich, "dass die Ankla­ge bei der Auf­lis­tung der ein­zel­nen Taten hin­sicht­lich der betref­fen­den Mona­te nicht nach den ein­zel­nen Per­so­nen, für die Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge abzu­füh­ren waren, dif­fe­ren­ziert, son­dern die Per­so­nen nur pau­schal den jewei­li­gen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern zuord­net". Auch der wei­te­ren Ent­schei­dung des OLG Cel­le 18 lag eine Fall­ge­stal­tung zu Grun­de, bei der es in der Ankla­ge an jeg­li­cher Indi­vi­dua­li­sie­rung hin­sicht­lich der Arbeit­neh­mer mit Zuord­nung zu Ein­zugs­stel­len, dem Abrech­nungs­zeit­raum und dem Bei­trags­satz fehl­te. Eben­so waren bei der Ent­schei­dung des OLG Hamm 19 in der Ankla­ge weder der Tat­zeit­punkt noch die Arbeit­neh­mer sowie die jewei­li­gen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger kon­kret benannt.

Im Übri­gen wäre auch in Bezug auf die Taten zum Nach­teil der Bar­mer GEK in jedem Fall die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge gewahrt, da es sich hier wei­test­ge­hend um Bei­trä­ge für nicht iden­ti­fi­zier­te und nicht iden­ti­fi­zier­ba­re Arbeit­neh­mer der bei­den Ange­klag­ten han­del­te, bei denen eine per­so­nen­be­zo­ge­ne Zuord­nung der Schwarz­ar­beit und der gezahl­ten Schwarz­löh­ne über­wie­gend gar nicht mög­lich war und des­halb die Berech­nung der Net­to­löh­ne – wie im wesent­li­chen Ermitt­lungs­er­geb­nis der Ankla­ge näher aus­ge­führt – durch Schät­zung auf der Grund­la­ge der ermit­tel­ten Net­to­um­sät­ze erfol­gen muss­te.

Auch hin­sicht­lich der Lohn­steu­er­hin­ter­zie­hung für die Schwarz­lohn­zah­lun­gen wird die Umgren­zungs­funk­ti­on der Ankla­ge gewahrt. Ent­spre­chend den obi­gen Anfor­de­run­gen an die Wirk­sam­keit der Ankla­ge wer­den hier die im Hin­blick auf die Lohn­steu­er­an­mel­dung für ein bestimm­tes Unter­neh­men ver­ant­wort­li­chen Per­so­nen, die jewei­li­gen Tat­zeit­räu­me und die hin­ter­zo­ge­nen Lohn­steu­er­be­trä­ge kon­kret bezeich­net. Ver­wech­se­lun­gen der Steu­er­schuld­ner, Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me oder Steu­er­erklä­run­gen und damit in Bezug auf die ange­klag­ten Lebens­sach­ver­hal­te kön­nen nach der Fas­sung der Ankla­ge hier nicht ent­ste­hen. Einer wei­ter­ge­hen­den Dar­stel­lung zur Scha­dens­be­rech­nung bedurf­te es zur Indi­vi­dua­li­sie­rung der Taten nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Janu­ar 2018 – 1 StR 370/​17

  1. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 24.01.2012 – 1 StR 412/​11, BGHSt 57, 88, 90 f. Rn. 12 mwN[]
  2. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 24.01.2012 – 1 StR 412/​11, BGHSt 57, 88, 91 Rn. 13[]
  3. vgl. u.a. BGH, Beschluss vom 08.08.1996 – 4 StR 344/​96, BGHR StPO § 200 Abs. 1 Satz 1 Tat 20 mwN[]
  4. vgl. u.a. BGH, Urteil vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09, NJW 2010, 308 Rn. 92[]
  5. vgl. u.a. BGH, Urtei­le vom 09.08.2011 – 1 StR 194/​11, NStZ 2012, 85 mwN; vom 02.03.2011 – 2 StR 524/​10, BGHSt 56, 183, 185 f. Rn. 6; und vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09 aaO; Beschluss vom 29.11.1994 – 4 StR 648/​94, NStZ 1995, 245 mwN; Urteil vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44, 45[]
  6. vgl. u.a. BGH, Beschlüs­se vom 18.10.2007 – 4 StR 481/​07, NStZ 2008, 352 mwN; und vom 14.02.2007 – 3 StR 459/​06, Stra­Fo 2007, 290 mwN; Urteil vom 28.04.2006 – 2 StR 174/​05, NStZ 2006, 649 Rn. 1; Beschluss vom 20.07.1994 – 2 StR 321/​94 mwN[]
  7. vgl. u.a. BGH, Urtei­le vom 09.08.2011 – 1 StR 194/​11 aaO mwN; vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09 aaO Rn. 95 mwN; und vom 28.04.2006 – 2 StR 174/​05 aaO[]
  8. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.08.2012 – 1 StR 296/​12, NStZ 2013, 409; vom 21.12 2016 – 1 StR 112/​16, wis­tra 2017, 270 Rn. 2; und vom 27.05.2009 – 1 StR 665/​08, wis­tra 2009, 465[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 08.08.2012 – 1 StR 296/​12, NStZ 2013, 409; Nr. 110 Abs. 1 RiSt­BV[]
  10. BGH, Beschluss vom 08.08.2012 – 1 StR 296/​12, NStZ 2013, 409; vgl. auch Huns­mann StRR 2011, 388, 389[]
  11. zu deren Zuläs­sig­keit vgl. BGH, Urteil vom 28.07.2010 – 1 StR 643/​09, wis­tra 2011, 28, 31 Rn. 40 f.[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 08.08.2012 – 1 StR 296/​12, NStZ 2013, 409, 410; zu den Vor­aus­set­zun­gen für eine Schät­zung vgl. BGH, Beschluss vom 10.11.2009 – 1 StR 283/​09, NStZ 2010, 635, 636 Rn. 4 ff.[]
  13. vgl. u.a. BGH, Urtei­le vom 24.01.2012 – 1 StR 412/​11, wis­tra 2012, 195, 197 Rn. 17; und vom 02.03.2011 – 2 StR 524/​10, BGHSt 56, 183, 185 Rn. 6 sowie Beschluss vom 18.10.2007 – 4 StR 481/​07, wis­tra 2008, 109, jeweils mwN[]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 28.10.2009 – 1 StR 205/​09, NJW 2010, 308 Rn. 92 mwN[]
  15. OLG Hamm, Beschluss vom 18.08.2015 – III3 Ws 269/​15, wis­tra 2016, 86[]
  16. OLG Cel­le Beschlüs­se vom 19.07.2011 – 1 Ws 271274/​11, wis­tra 2011, 434; und vom 03.07.2013 – 1 Ws 123/​13, NZWiSt 2015, 430[]
  17. OLG Cel­le, Beschluss vom 03.07.2013 – 1 Ws 123/​13 aaO 433[]
  18. OLG Cel­le, Beschluss vom 19.07.2011 – 1 Ws 271274/​11 aaO[]
  19. OLG Hamm, Beschluss vom 18.08.2015 – III3 Ws 269/​15 aaO[]