Leicht­fer­ti­ge Steu­er­ver­kür­zung im Bin­nen­markt

Der Unter­neh­mer han­delt bei Inan­spruch­nah­me der Steu­er­frei­heit nach § 6a UStG nur dann leicht­fer­tig i.S. von § 378 AO, wenn es sich ihm zumin­dest auf­drän­gen muss, dass er die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Vor­schrift weder beleg- und buch­mä­ßig noch objek­tiv nach­wei­sen kann.

Leicht­fer­ti­ge Steu­er­ver­kür­zung im Bin­nen­markt

Nach § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO sind Steu­er­be­schei­de auf­zu­he­ben oder zu ändern, wenn Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel nach­träg­lich bekannt wer­den, die zu einer höhe­ren Steu­er füh­ren. Steu­er­be­schei­de, die auf Grund einer Außen­prü­fung ergan­gen sind, kön­nen gemäß § 173 Abs. 2 Satz 1 AO nur auf­ge­ho­ben oder geän­dert wer­den, wenn eine Steu­er­hin­ter­zie­hung oder eine leicht­fer­ti­ge Steu­er­ver­kür­zung vor­liegt. Ob eine leicht­fer­ti­ge Steu­er­ver­kür­zung i.S. von § 173 Abs. 2 AO vor­liegt, bestimmt sich nach § 378 AO 1. Danach han­delt ord­nungs­wid­rig, wer als Steu­er­pflich­ti­ger oder bei Wahr­neh­mung der Ange­le­gen­hei­ten eines Steu­er­pflich­ti­gen eine der in § 370 Abs. 1 AO bezeich­ne­ten Taten leicht­fer­tig begeht.

Täter i.S. von §§ 370, 378 AO ist, wer gegen­über den Finanz­be­hör­den oder ande­ren Behör­den über steu­er­lich erheb­li­che Tat­sa­chen unrich­ti­ge oder unvoll­stän­di­ge Anga­ben macht (§ 370 Abs. 1 Nr. 1 AO), die Finanz­be­hör­den pflicht­wid­rig über steu­er­lich erheb­li­che Tat­sa­chen in Unkennt­nis lässt (§ 370 Abs. 1 Nr. 2 AO) oder pflicht­wid­rig die Ver­wen­dung von Steu­er­zei­chen oder Steu­erstemp­lern unter­lässt (§ 370 Abs. 1 Nr. 3 AO) und dadurch Steu­ern ver­kürzt oder für sich oder einen ande­ren nicht gerecht­fer­tig­te Steu­er­vor­tei­le erlangt.

Leicht­fer­tig­keit i.S. von § 378 AO erfor­dert einen erhöh­ten Grad von Fahr­läs­sig­keit, der im Wesent­li­chen der gro­ben Fahr­läs­sig­keit des bür­ger­li­chen Rechts ent­spricht, dabei aber die per­sön­li­chen Fähig­kei­ten des Täters berück­sich­tigt 2. Leicht­fer­tig han­delt, wer die Sorg­falt außer Acht lässt, zu der er nach den beson­de­ren Umstän­den des Fal­les und sei­nen per­sön­li­chen Fähig­kei­ten und Kennt­nis­sen ver­pflich­tet und imstan­de ist und dem sich danach auf­drän­gen muss, dass er dadurch Steu­ern ver­kürzt 3.

Ob Leicht­fer­tig­keit vor­liegt, ist im Wesent­li­chen Tat­fra­ge, kann aber in der Revi­si­ons­in­stanz ins­be­son­de­re dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob das Finanz­ge­richt den Rechts­be­griff der Leicht­fer­tig­keit rich­tig erkannt hat 4.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat sei­ne frü­he­re Recht­spre­chung, nach der Unter­neh­mer die Steu­er­frei­heit für inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­run­gen aus­schließ­lich beleg- und buch­mä­ßig nach­wei­sen konn­ten 5, auf­ge­ge­ben 6: Der Unter­neh­mer ist berech­tigt, das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­frei­heit auch objek­tiv nach­zu­wei­sen 7.

Auf­grund der geän­der­ten Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs han­delt der Unter­neh­mer nur leicht­fer­tig, wenn es sich ihm zumin­dest "auf­drän­gen muss", dass er die Vor­aus­set­zun­gen des § 6a UStG weder beleg- und buch­mä­ßig noch objek­tiv nach­wei­sen kann 8. Das blo­ße Abstel­len auf die Beleg­la­ge reicht nach der geän­der­ten Recht­spre­chung nicht aus.

Es ist daher zu prü­fen, ob die Unter­neh­me­rin davon aus­ge­hen konn­te, die Vor­aus­set­zun­gen der Steu­er­frei­heit zumin­dest objek­tiv nach­wei­sen zu kön­nen.

Dabei wird zu ermit­teln sein, ob die Unter­neh­me­rin im Hin­blick auf das unstrei­ti­ge Gelan­gen der Fahr­zeu­ge nach Ita­li­en und der ihr dar­über hin­aus vom Bun­des­zen­tral­amt qua­li­fi­ziert bestä­tig­ten Umsatz­steu­er-Iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer des Abneh­mers den Tat­be­stand der inner­ge­mein­schaft­li­chen Lie­fe­rung als erfüllt anse­hen konn­te. Bei die­ser Sach­la­ge recht­fer­tig­ten blo­ße "Zwei­fel" an den "Lie­fer­we­gen" und das vom Finanz­ge­richt als mög­lich ange­se­he­ne Vor­lie­gen eines Rei­hen­ge­schäfts ggf. zwar die Ver­sa­gung der Steu­er­frei­heit nach § 6a UStG, nicht aber auch die Annah­me eines leicht­fer­ti­gen Han­delns i.S. von § 378 AO. Im Übri­gen begrün­det auch die Kon­takt­auf­nah­me zur ita­lie­ni­schen Abneh­mer­fir­ma über des­sen inlän­di­schen Ver­tre­ter für sich allein nicht den Vor­wurf leicht­fer­ti­gen Han­delns.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. Juli 2014 – V R 44/​13

  1. BFH, Urteil vom 07.02.2008 – VI R 83/​04, BFHE 220, 220, BSt­Bl II 2009, 703, unter II. 2.[]
  2. BFH, Urtei­le vom 31.10.1989 – VIII R 60/​88, BFHE 160, 7, BSt­Bl II 1990, 518; und vom 16.02.2011 – X R 10/​10, BFH/​NV 2011, 977, unter II. 4.d dd[]
  3. BFH, Urtei­le vom 24.04.1996 – II R 73/​93, BFH/​NV 1996, 731; und vom 17.11.2011 – IV R 2/​09, BFH/​NV 2012, 1309, unter II. 4.b aa[]
  4. BFH, Urteil vom 30.06.2010 – II R 14/​09, BFH/​NV 2010, 2002, unter II. 2.b bb[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 30.03.2006 – V R 47/​03, BFHE 213, 148, BSt­Bl II 2006, 634, unter II. 2.[]
  6. BFH, Urteil vom 06.12 2007 – V R 59/​03, BFHE 219, 469, BSt­Bl II 2009, 57, Leit­satz 4[]
  7. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 12.05.2011 – V R 46/​10, BFHE 234, 436, BSt­Bl II 2011, 957, unter II. 3.[]
  8. vgl. BFH, Urteil in BFHE 234, 436, BSt­Bl II 2011, 957, unter II. 4.[]