Schmug­gel­zi­ga­ret­ten – und die Steu­er­heh­le­rei des Absatz­hel­fers

Die Auf­fas­sung, eine Absatz­hil­fe i.S.v. § 374 AO erfor­de­re kei­nen Absatz­er­folg, ent­spricht der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und des ehe­mals für Steu­er­straf­sa­chen zustän­di­gen 5. Straf­se­nats sowie der Auf­fas­sung von Tei­len der Lite­ra­tur 1.

Schmug­gel­zi­ga­ret­ten – und die Steu­er­heh­le­rei des Absatz­hel­fers

An die­ser Auf­fas­sung hält der Bun­des­ge­richts­hof jedoch nicht mehr fest. Ent­ge­gen­ste­hen­de Recht­spre­chung wird auf­ge­ge­ben.

In sei­nem Ant­wort­be­schluss vom 21.08.2013 2 auf die Anfra­ge des 3. Straf­se­nats vom 14.05.2013 3 hat der hier beschlie­ßen­de 1. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs im Hin­blick auf das Merk­mal des "Abset­zens" i.S.d. § 259 StGB bereits sei­ne bis­he­ri­ge Rechts­an­sicht auf­ge­ge­ben und ver­langt seit­dem in Über­ein­stim­mung mit den ande­ren Straf­se­na­ten des Bun­des­ge­richts­hofs, dass eine Ver­ur­tei­lung wegen voll­ende­ter Heh­le­rei in Form der Tat­hand­lung des "Abset­zens" nach § 259 StGB einen Absatz­er­folg vor­aus­setzt. Zur Absatz­hil­fe ver­hält sich der 1. Straf­se­nat in dem vor­ge­nann­ten Ant­wort­be­schluss nicht. Eben­so hat er die Aus­le­gung des Merk­mals "absetzt" in § 374 AO aus­drück­lich offen gelas­sen, weil die Vor­schrift von der Anfra­ge nicht betrof­fen war 4.

Auch die Tat­be­stands­merk­ma­le des Abset­zens und der Absatz­hil­fe nach § 374 AO erfor­dern zur Voll­endung der Tat den Ein­tritt eines Absatz­er­folgs. Die geän­der­te Recht­spre­chung zu § 259 StGB 5 ist unein­ge­schränkt auf die Steu­er­heh­le­rei zu über­tra­gen.

Für eine sol­che Aus­le­gung des Tat­be­stands als Erfolgs­de­likt auch in den Fäl­len des Abset­zens und der Absatz­hil­fe spricht – eben­so wie bei § 259 StGB – bereits der Wort­laut der Vor­schrift. Schon der all­ge­mei­ne Sprach­ge­brauch unter­schei­det zwi­schen dem erfolg­rei­chen Abset­zen und blo­ßen Absatz­be­mü­hun­gen. Im Ver­kehr unter Kauf­leu­ten, aus dem der Begriff stammt, wür­de nie­mand davon spre­chen, dass ein Händ­ler Waren abge­setzt hat, wenn er sich nur ver­geb­lich um den Ver­kauf bemüht hat 5.

Für ein ein­heit­li­ches Ver­ständ­nis von § 259 StGB und § 374 AO spricht zudem der vom Gesetz­ge­ber gewoll­te Gleich­klang zwi­schen der Steu­er­heh­le­rei und der Sach­heh­le­rei 6.

Sys­te­ma­ti­sche Grün­de spre­chen eben­falls für das Erfor­der­nis eines Absatz­er­folgs. Das Tat­be­stands­merk­mal der "Absatz­hil­fe" fin­det sei­ne Berech­ti­gung in dem Umstand, dass die Absatz­hil­fe als eine zur selb­stän­di­gen Tat auf­ge­wer­te­te Bei­hil­fe zum Absatz ver­stan­den wird und daher eben­so wie der Absatz selbst einen Absatz­er­folg vor­aus­set­zen muss 7. Andern­falls wür­de die Absatz­hil­fe in einem frü­he­ren Sta­di­um der Tat voll­endet wer­den kön­nen als der Absatz, was sinn­wid­rig wäre. Dies ent­spricht auch dem neue­ren Ver­ständ­nis ande­rer Straf­se­na­te des BGH zu § 259 StGB 8.

Zudem erhält der Ver­such der Absatz­hil­fe i.S.d. § 374 Abs. 3 AO durch die nun­mehr enge­re Aus­le­gung bei der Tat­voll­endung einen wirk­li­chen Anwen­dungs­be­reich. Ohne die Not­wen­dig­keit eines Absatz­er­folgs zur Tat­voll­endung war ein Ver­such bis­her kaum denk­bar und dem Täter zudem jede Rück­tritts­mög­lich­keit ver­sperrt 9. Dem Absatz­hel­fer ist durch die zur selbst­stän­di­gen Tat auf­ge­wer­te­te Bei­hil­fe die Straf­rah­men­ver­schie­bung nach § 27 Abs. 2 Satz 2 StGB zwar ver­wehrt. Dem Täter wird jedoch durch die enge­re Aus­le­gung des Tat­be­stands­merk­mals der Absatz­hil­fe bei feh­len­dem Absatz­er­folg nun die fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­ver­schie­bung nach § 23 Abs. 2 StGB eröff­net 10.

Der Sinn und Zweck der Vor­schrift legt gleich­falls eine der­ar­ti­ge Aus­le­gung nahe. Der Straf­grund des § 374 AO liegt in der Auf­recht­erhal­tung des steu­er­rechts­wid­ri­gen Zustands, der durch die Vor­tat ein­ge­tre­ten ist 11. Die Norm schützt damit ins­be­son­de­re die finan­zi­el­len Inter­es­sen des Staa­tes. Mit der Über­nah­me der Waren oder Erzeug­nis­se durch (ggf. zahl­rei­che) Abneh­mer "ver­si­ckert" gleich­sam das vor­han­de­ne tat­säch­li­che Sub­strat. Das erschwert es dem Fis­kus, den Vor­tä­ter aus­fin­dig zu machen und die ver­kürz­ten Steu­ern ein­zu­for­dern 12. Dies spricht – wie beim Tat­be­stand der Sach­heh­le­rei (§ 259 StGB), der die Auf­recht­erhal­tung der durch die Vor­tat geschaf­fe­nen rechts­wid­ri­gen Ver­mö­gens­la­ge im Blick hat 13 – dafür, dass eine Voll­endung der Steu­er­heh­le­rei in Form der Absatz­hil­fe eben­falls einen ent­spre­chen­den Erfolg vor­aus­setzt. Mit die­sem Ver­ständ­nis der Norm ent­ste­hen auch kei­ne Schutz­lü­cken im Anwen­dungs­be­reich; viel­mehr greift hier die Straf­bar­keit des Ver­suchs gemäß § 374 Abs. 3 AO ein.

Einer Anfra­ge nach § 132 Abs. 3 GVG an ande­re Straf­se­na­te bedarf es nicht, da der hier beschlie­ßen­de 1. Straf­se­nat allein für Aus­le­gungs­fra­gen im Steu­er­straf­recht zustän­dig ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Juli 2016 – 1 StR 108/​16

  1. vgl. BGH, Urteil vom 15.04.1980 – 5 StR 135/​80, BGHSt 29, 239; Beschluss vom 01.02.2007 – 5 StR 372/​06, BGHR AO § 374 Vor­tat 1; zustim­mend: Beck­em­per in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler [HHSp.] Abgabenordnung/​Finanzgerichtsordnung, Stand: Novem­ber 2013, § 374 AO, Rn. 53; ableh­nend: Hil­gers-Klautzsch in Kohl­mann, Steu­er­straf­recht, Stand: August 2016, § 374 AO Rn. 67; Weg­ner in Müko-StGB, 2. Aufl., § 374 AO Rn. 35; Mey­er in Beermann/​Gosch Abgabenordnung/​Finanzgerichtsordnung, Stand: Okto­ber 2008, § 374 AO 1977, Rn. 11 und 12; zwei­felnd: Jäger in Joecks/​Jäger/​Randt, Steu­er­straf­recht 8. Aufl., § 374 AO Rn. 42[]
  2. BGH, Beschluss vom 21.08.2013 – 1 ARs 6/​13, NZWiSt 2014, 153[]
  3. BGH, Beschluss vom 14.05.2013 – 3 StR 69/​13, NStZ 2013, 584[]
  4. BGH, Beschluss vom 21.08.2013 – 1 ARs 6/​13, NZWiSt 2014, 153[]
  5. BGH, Beschluss vom 22.10.2013 – 3 StR 69/​13, BGHSt 59, 40[][]
  6. vgl. Son­der­aus­schuss für die Straf­rechts­norm bei der Bera­tung des EGStGB, BT-Drs. 7/​1261 S. 51 und Finanz­aus­schuss des Bun­des­ta­ges bei der Bera­tung der Abga­ben­ord­nung, BT-Drs. 7/​4292 S. 44[]
  7. Jäger in Joecks/​Jäger/​Randt, Steu­er­straf­recht 8. Aufl., § 374 AO Rn. 42[]
  8. BGH, Beschlüs­se vom 14.05.2013 – 3 StR 69/​13, NStZ 2013, 584; und vom 13.08.2015 – 2 StR 26/​15[]
  9. Hil­gers-Klautzsch in Kohl­mann, Steu­er­straf­recht, Stand: August 2016, § 374 AO Rn. 67[]
  10. BGH, Beschluss vom 14.05.2013 – 3 StR 69/​13, NStZ 2013, 584; Hil­gers-Klautzsch in Kohl­mann, Steu­er­straf­recht, Stand: August 2016, § 374 AO Rn. 67[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 15.04.1980 – 5 StR 135/​80, BGHSt 29, 239; Weg­ner in Münch­Komm-StGB, 2. Aufl., § 374 AO Rn. 3[]
  12. Weg­ner in Münch­Komm-StGB, 2. Aufl., § 374 AO Rn. 3; Rönnau, Moder­ne Pro­ble­me der Steu­er­heh­le­rei [§ 374 AO], NStZ 2000, 513, 514[]
  13. Per­p­etu­ie­rungs­theo­rie BT-Drs. 7/​550, S. 252; Wal­ter in: Lauf­hüt­te u.a., StGB Leip­zi­ger Kom­men­tar, 12. Aufl., § 259 StGB, Rn. 2[]