Steu­er­hin­ter­zie­hung – Straf­zu­mes­sung und das Eigen­ver­schul­den des Fis­kus

Die Indi­zwir­kung der Regel­bei­spie­le der Steu­er­ver­kür­zung in gro­ßem Aus­maß (§ 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO) und der ban­den­mä­ßi­gen Bege­hung (§ 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 5 AO) kön­nen nicht mit der Begrün­dung als wider­legt ange­se­hen wer­den, die Auf­recht­erhal­tung einer Erlaub­nis des Haupt­zoll­am­tes (hier: steu­er­frei­en Die­sel­kraft­stoff zu bezie­hen), sei vor­werf­bar im Sin­ne eines Eigen­ver­schul­dens des geschä­dig­ten Fis­kus gewe­sen.

Steu­er­hin­ter­zie­hung – Straf­zu­mes­sung und das Eigen­ver­schul­den des Fis­kus

Ins­be­son­de­re die Wer­tung, es sei als Mit­ver­schul­den des Staa­tes am Steu­er­scha­den zu wer­ten, dass effek­ti­ve straf­recht­li­che Ermitt­lungs­maß­nah­men erst nach Mona­ten ergrif­fen wor­den sei­en, hält für den Bun­des­ge­richts­hof recht­li­cher Nach­prü­fung nicht stand. Eine sol­che Wer­tung ver­kennt nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs, dass ein Anspruch eines Straf­tä­ters dar­auf, dass die Ermitt­lungs­be­hör­den recht­zei­tig gegen ihn ein­schrei­ten, um sei­ne Taten zu ver­hin­dern, nicht besteht1. Ins­be­son­de­re folgt ein sol­cher Anspruch nicht aus dem Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren gemäß Art. 6 Abs. 1 EMRK2.

Ein Straf­tä­ter hat auch dann kei­nen Anspruch auf ein früh­zei­ti­ges Ein­grei­fen der Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den, wenn durch sein Han­deln fort­lau­fend wei­te­re hohe Steu­er­schä­den ent­ste­hen.

Auch die Wer­tung, es begrün­de eine Mit­ver­ant­wor­tung des Staa­tes für den ent­stan­de­nen Steu­er­scha­den, wenn die Zoll­be­hör­den wei­te­re Steu­er­straf­ta­ten zulie­ßen, weil sie trotz Vor­lie­gens eines Wider­rufs­grun­des die Erlaub­nis für die Ver­wen­dung steu­er­frei­en Die­sel­kraft­stoffs nicht wider­rie­fen, ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs rechts­feh­ler­haft.

Zwar trifft es zu, dass das Ver­hal­ten des Steu­er­fis­kus als Ver­letz­tem – nicht anders als bei einem sons­ti­gen Geschä­dig­ten einer Straf­tat – straf­mil­dernd berück­sich­tigt wer­den kann, wenn es für den Tat­er­folg mit­ver­ant­wort­lich war.

Jedoch ist zu beach­ten, dass das Besteue­rungs­sys­tem auf wahr­heits­ge­mä­ße Anga­ben des Steu­er­pflich­ti­gen ange­wie­sen ist; eine umfas­sen­de Über­prü­fung aller steu­er­recht­lich rele­van­ten Sach­ver­hal­te durch die Finanz­ver­wal­tung ist aus­ge­schlos­sen. Die Kon­troll­me­cha­nis­men der Finanz­ver­wal­tung müs­sen in vie­len Berei­chen auf Stich­pro­ben beschränkt blei­ben. Miss­braucht ein Täter die­se sys­tem­be­dingt nicht sehr inten­si­ven Kon­troll­me­cha­nis­men, kann ihm dies nicht zugu­te­kom­men3. Des­we­gen ist eine staat­li­che Mit­ver­ant­wor­tung für Steu­er­ver­kür­zun­gen regel­mä­ßig nur dann gege­ben, wenn das staat­li­chen Stel­len vor­werf­ba­re Ver­hal­ten unmit­tel­bar auf das Han­deln des Täters Ein­fluss genom­men hat (etwa weil die­ser bis­lang nicht tat­ge­neigt war oder ihm wenigs­tens durch das Ver­hal­ten der Finanz­be­hör­den die Tat erleich­tert wur­de) und den staat­li­chen Stel­len die Tat­ge­ne­se vor­ge­wor­fen wer­den kann4. Die blo­ße kau­sa­le Mit­ver­ur­sa­chung eines Tat­er­folgs durch staat­li­che Stel­len genügt dem­ge­gen­über nicht5.

Es kann daher zwar bei der Gesamt­wür­di­gung des Schuld­ge­halts einer Tat im Rah­men der Straf­zu­mes­sung berück­sich­tigt wer­den, wenn der Fis­kus einem Steu­er­pflich­ti­gen steu­er­li­che Ver­güns­ti­gun­gen gewährt, obwohl deren Vor­aus­set­zun­gen nicht oder nicht mehr gege­ben sind. Ein Straf­mil­de­rungs­grund mit dem Gewicht einer staat­li­chen Mit­ver­ant­wor­tung für die began­ge­nen Steu­er­straf­ta­ten und deren Ver­kür­zungs­um­fang liegt dar­in jedoch nicht.

Durch den nicht vor­ge­nom­me­nen Wider­ruf der Erlaub­nis schaff­ten die Zoll­be­hör­den ledig­lich die all­ge­mei­ne Mög­lich­keit, durch zweck­wid­ri­ge Ver­wen­dung recht­mä­ßig steu­er­frei erwor­be­ner Ener­gie­er­zeug­nis­se Steu­ern zu hin­ter­zie­hen. Denn die Steu­ern, die Gegen­stand der Steu­er­straf­ta­ten waren, ent­stan­den über­haupt erst mit der zweck­wid­ri­gen Ver­wen­dung des Die­sel­kraft­stoffs. Damit hat­te der unter­las­se­ne Wider­ruf ledig­lich zur Fol­ge, dass die Tat­be­tei­lig­ten die tat­säch­li­che Mög­lich­keit hat­ten, Ener­gie­steu­ern auf die­se Wei­se zu ver­kür­zen. Eine staat­li­che Ver­ant­wor­tung für den aus den Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen sich erge­ben­den Steu­er­scha­den ergab sich dar­aus nicht.

Die Wer­tung, das Ver­hal­ten der Finanz­be­hör­den habe die Indi­zwir­kung zwei­er Regel­bei­spie­le für Steu­er­hin­ter­zie­hung in einem beson­ders schwe­ren Fall (§ 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 und Nr. 5 AO) voll­stän­dig kom­pen­siert, beruht für den Bun­des­ge­richts­hof auf einem wei­te­ren Rechts­feh­ler und misst daher dem Ver­hal­ten des Fis­kus bei der Straf­rah­men­wahl ein zu gro­ßes Gewicht bei:

Kommt Ver­säum­nis­sen staat­li­cher Orga­ne im Rah­men der Straf­zu­mes­sung Bedeu­tung zu, muss nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs in jedem Fall straf­schär­fen­des Ver­hal­ten des Tat­be­tei­lig­ten (etwa Skru­pel­lo­sig­keit, Raf­fi­nes­se oder Hart­nä­ckig­keit) ins Ver­hält­nis zum Ver­hal­ten der zum Schut­ze der staat­li­chen Ver­mö­gens­in­ter­es­sen beru­fe­nen Beam­ten gesetzt wer­den6. Nutzt ein Täter gezielt die Schwä­chen der Kon­troll­me­cha­nis­men der Finanz­ver­wal­tung aus, wird dies im Ergeb­nis straf­schär­fend und nicht straf­mil­dernd zu wer­ten sein7. Dies gilt erst recht, wenn der Täter zur Täu­schung der Finanz­be­hör­den sein Ver­hal­ten gezielt ver­schlei­ert.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Janu­ar 2015 – 1 StR 142/​14

  1. BGH, Beschluss vom 17.07.2007 – 1 StR 312/​07, NStZ 2007, 635; BGH, Beschluss vom 25.09.2012 – 1 StR 407/​12, BGHR § 370 Abs. 1 Straf­zu­mes­sung 23
  2. BGH, Beschluss vom 14.12 2010 – 1 StR 275/​10 Rn. 31, BGHR AO § 370 Abs. 1 Nr. 1 Anga­ben 10; BGH, Beschluss vom 21.11.2012 – 1 StR 391/​12, wis­tra 2013, 107 mwN; vgl. auch BVerfG [Kam­mer] Beschluss vom 04.12 2003 – 2 BvR 328/​03
  3. vgl. Schä­fer/​Sander/​van Gemme­ren, Pra­xis der Straf­zu­mes­sung, 5. Aufl., Rn. 1847
  4. BGH, Beschluss vom 14.12 2010 – 1 StR 275/​10 Rn. 30, BGHR AO § 370 Abs. 1 Nr. 1 Anga­ben 10 mwN; BGH, Beschluss vom 25.09.2012 – 1 StR 407/​12, BGHR § 370 Abs. 1 Straf­zu­mes­sung 23; vgl. auch BGH, Beschluss vom 03.05.1983 – 1 StR 25/​83, wis­tra 1983, 145
  5. vgl. auch BGH, Urteil vom 29.01.2009 – 3 StR 474/​08, NStZ-RR 2009, 167
  6. BGH, Beschluss vom 14.12 2010 – 1 StR 275/​10 Rn. 30, BGHR AO § 370 Abs. 1 Nr. 1 Anga­ben 10 mwN
  7. vgl. auch BGH, Beschluss vom 25.09.2012 – 1 StR 407/​12, BGHR § 370 Abs. 1 Straf­zu­mes­sung 23