Straf­zu­mes­sung – und die Zah­lung der hin­ter­zo­ge­nen Steu­ern

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kommt bei Hin­ter­zie­hungs­be­trä­gen in Mil­lio­nen­hö­he eine aus­set­zungs­fä­hi­ge Frei­heits­stra­fe nur bei Vor­lie­gen beson­ders gewich­ti­ger Mil­de­rungs­grün­de in Betracht 1.

Straf­zu­mes­sung – und die Zah­lung der hin­ter­zo­ge­nen Steu­ern

Nach § 46a Nr. 2 StGB kann das Gericht die Stra­fe nach § 49 Abs. 1 StGB mil­dern, wenn der Täter in einem Fall, in wel­chem die Scha­dens­wie­der­gut­ma­chung von ihm erheb­li­che per­sön­li­che Leis­tun­gen oder per­sön­li­chen Ver­zicht erfor­dert hat, das Opfer ganz oder zum über­wie­gen­den Teil ent­schä­digt. Dabei kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs eine Straf­rah­men­ver­schie­bung auf der Grund­la­ge von § 46a Nr. 2 StGB – wenn auch nur in ganz beson­ders gela­ger­ten Aus­nah­me­fäl­len – auch beim Delikt der Steu­er­hin­ter­zie­hung in Betracht kom­men 2.

§ 46a Nr. 2 StGB setzt vor­aus, dass die Leis­tun­gen vom Täter unter erheb­li­chen Anstren­gun­gen und Belas­tun­gen erbracht wer­den. Dies kann etwa unter Ein­satz des gesam­ten eige­nen Ver­mö­gens 3, unter erheb­li­cher Belas­tung des eige­nen Unter­neh­mens unter Inkauf­nah­me wirt­schaft­li­cher Schwie­rig­kei­ten 4 oder durch umfang­rei­che Arbei­ten in der Frei­zeit 5 gesche­hen. Von der Straf­mil­de­rungs­mög­lich­keit nach § 46a Nr. 2 StGB ist auch ein begü­ter­ter Täter nicht aus­ge­schlos­sen. Die Anfor­de­run­gen an die Erschwer­nis­se der Leis­tungs­er­brin­gung sind bei ihm aber ange­sichts grö­ße­rer Leis­tungs­fä­hig­keit zu modi­fi­zie­ren 6, zumal nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers erheb­li­che Ein­schrän­kun­gen im finan­zi­el­len Bereich nur dann aus­rei­chen sol­len, wenn sie eine mate­ri­el­le Ent­schä­di­gung erst ermög­licht haben 5, was bei umfang­reich vor­han­de­nem pfänd­ba­ren Ver­mö­gen nicht der Fall ist.

Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben lagen in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Vor­aus­set­zun­gen des § 46a Nr. 2 StGB nicht vor:

er Umstand, dass im Nacht­at­ver­hal­ten des Ange­klag­ten die Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung 7 zum Aus­druck kommt, weil sich der Ange­klag­te von Anfang an ent­schie­den hat, mit den Behör­den zu koope­rie­ren, an der Sach­ver­halts­auf­klä­rung mit­ge­wirkt hat und dabei sogar für ein Hono­rar von 300.000 Euro eine Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft mit der "nähe­ren Auf­ar­bei­tung des wirt­schaft­li­chen Hin­ter­grunds der straf­recht­li­chen Vor­wür­fe" beauf­tragt und so "wert­vol­le Ermitt­lungs­hil­fe" geleis­tet hat, genügt für § 46a Nr. 2 StGB nicht. Es ist zusätz­lich erfor­der­lich, dass die Leis­tun­gen vom Täter unter erheb­li­chen Anstren­gun­gen und Belas­tun­gen erbracht wer­den.

Vor­lie­gend war jedoch dem begü­ter­ten Ange­klag­ten die Scha­dens­wie­der­gut­ma­chung ohne Anstren­gun­gen und Belas­tun­gen in dem von § 46a Satz 2 StGB gefor­der­ten Umfang mög­lich. Er besaß selbst nach der Nach­zah­lung der hin­ter­zo­ge­nen Steu­ern noch ein Ver­mö­gen mit einem Wert zwi­schen 18 und 22 Mio. Euro. Zudem erziel­te er lau­fen­de Ein­künf­te aus Ver­mie­tung und aus Gesell­schafts­be­tei­li­gun­gen in Deutsch­land von mehr als 500.000 Euro, von denen ihm nach Abzug von Steu­ern und Unter­halts­ver­pflich­tun­gen jähr­lich 250.000 Euro zur Bestrei­tung sei­nes Lebens­un­ter­halts und sons­ti­ger Aus­ga­ben ver­blie­ben. Zwar muss­te der Ange­klag­te die für die Steu­er­rück­zah­lun­gen not­wen­di­ge Liqui­di­tät durch die Auf­nah­me von Dar­le­hen finan­zie­ren, was für ihn auch in der Lebens­füh­rung "spür­bar" war. Nach den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts ver­füg­te der Ange­klag­te aber über die für eine sol­che Kre­dit­auf­nah­me erfor­der­li­che Boni­tät, die ihm zudem die Bedie­nung der Dar­le­hen ermög­lich­te. Allein der Umstand, dass die Kre­dit­be­las­tung die "wirt­schaft­li­che Leis­tungs­kraft" des Ange­klag­ten min­der­te, erreich­te bei dem vor­han­de­nen Ver­mö­gen des Ange­klag­ten, in das die Finanz­ver­wal­tung auch hät­te voll­stre­cken kön­nen (§§ 281 ff. AO), nicht das von § 46a Nr. 2 StGB für einen "per­sön­li­chen Ver­zicht" vor­aus­ge­setz­te Gewicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. März 2019 – 1 StR 367/​18

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 02.12 2008 – 1 StR 416/​08, BGHSt 53, 71, 86; und vom 07.02.2012 – 1 StR 525/​11, BGHSt 57, 123, 130 f.[]
  2. BGH, Beschluss vom 20.01.2010 – 1 StR 634/​09, wis­tra 2010, 152; vgl. dazu auch Klein/​Jäger, AO, 14. Aufl., § 370 Rn. 347 sowie Münch­Komm-StG­B/­Mai­er, 3. Aufl., § 46a Rn. 5 jeweils mwN[]
  3. vgl. SSWStGB/​Eschelbach, StGB, 4. Aufl., § 46a Rn. 35[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.12 2008 – 1 StR 664/​08, wis­tra 2009, 188[]
  5. vgl. BT-Drs. 12/​6853[][]
  6. vgl. Eschel­bach aaO Rn. 35[]
  7. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 20.01.2010 – 1 StR 634/​09, wis­tra 2010, 152 mwN sowie BT-Drs. 12/​6853 S. 22[]