Urteils­grün­de bei der Steu­er­hin­ter­zie­hung

Soweit dazu Anlass besteht, müs­sen die Urteils­grün­de erge­ben, ob Steu­ern in gro­ßem Aus­maß i.S.d. § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO nach BGHSt 53, 71 (Betrags­gren­zen 50.000 € bzw. 100.000 €) ver­kürzt sind. Sie müs­sen auch erge­ben, wes­halb trotz des Vor­lie­gens die­ses Regel­bei­spiels ein beson­ders schwe­rer Fall des § 370 Abs. 3 AO nicht ange­nom­men wird 1.

Urteils­grün­de bei der Steu­er­hin­ter­zie­hung

Erfül­lung der Regel­fall-Vor­aus­set­zun­gen

Nach § 267 Abs. 3 Satz 3 StPO die­ser Bestim­mung müs­sen die Urteils­grün­de „auch erge­ben, wes­halb ein beson­ders schwe­rer Fall nicht ange­nom­men wird, wenn die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, unter denen nach dem Straf­ge­setz in der Regel ein sol­cher Fall vor­liegt“. Zwei Prü­fungs­schrit­te sind danach erfor­der­lich:

  1. Besteht Anlass, dass die im Straf­tat­be­stand auf­ge­führ­ten Merk­ma­le eines Regel­bei­spiels erfüllt sind, dann müs­sen die Urteils­grün­de zunächst erken­nen las­sen, dass die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des ent­spre­chen­den Merk­mals geprüft wur­den. Die­ser ers­te Prü­fungs­schritt betrifft die Sub­sum­ti­on unter ein gesetz­li­ches Merk­mal, die der vol­len recht­li­chen Prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt unter­liegt.
  2. Wird trotz Beja­hung des Merk­mals gleich­wohl von der Regel­wir­kung abge­se­hen, so ist die Wahl des 2 Straf­rah­mens nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen. Die­ser zwei­te Prü­fungs­schritt ist Teil der zuvor­derst dem Tatrich­ter oblie­gen­den Straf­rah­men­wahl, die nur ein­ge­schränkt der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Prü­fung zugäng­lich ist.

Inso­weit gilt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs: Zwar kann die indi­zi­el­le Bedeu­tung des Regel­bei­spiels durch ande­re Straf­zu­mes­sungs­fak­to­ren kom­pen­siert wer­den, doch müs­sen die­se dann so schwer wie­gen, dass die Anwen­dung des erschwer­ten Straf­rah­mens unan­ge­mes­sen erscheint. Ob dies so ist, kann der Straf­rich­ter erst nach umfas­sen­der Abwä­gung aller Umstän­de ent­schei­den. Dabei dür­fen jeden­falls die Umstän­de, wel­che das Regel­bei­spiel begrün­den, nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben; die­se müs­sen viel­mehr zunächst im Vor­der­grund der Abwä­gung ste­hen 3.

Die Wahl des erhöh­ten Straf­rah­mens bedarf hin­ge­gen – grund­sätz­lich – kei­ner wei­te­ren Begrün­dung, wenn das gesetz­li­che Merk­mal des Regel­bei­spiels eines beson­ders schwe­ren Fal­les erfüllt ist. Denn dann besteht eine gesetz­li­che Ver­mu­tung für einen gegen­über dem Nor­mal­tat­be­stand erhöh­ten Unrechts- und Schuld­ge­halt 4.

"in gro­ßem Aus­naß"

Das bedeu­tet für das gesetz­li­che Merk­mal „in gro­ßem Aus­maß“ des § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 AO:

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Merk­mal „gro­ßes Aus­maß“ aus­ge­legt und dafür fol­gen­de Betrags­gren­zen bestimmt 5: Beschränkt sich das Ver­hal­ten des Täters dar­auf, die Finanz­be­hör­den pflicht­wid­rig über steu­er­lich erheb­li­che Tat­sa­chen in Unkennt­nis zu las­sen und führt das ledig­lich zu einer Gefähr­dung des Steu­er­an­spruchs, dann ist das Merk­mal bei einer Ver­kür­zung in Höhe von 100.000 € erfüllt 6. Wenn der Täter unge­recht­fer­tig­te Zah­lun­gen vom Finanz­amt erlangt hat, liegt die Betrags­gren­ze bei 50.000 € 7.

Die­se Bestim­mung der Betrags­gren­zen durch den Bun­des­ge­richts­hof hat der Gesetz­ge­ber in den Bera­tun­gen zu dem Ent­wurf des Schwarz­geld­be­kämp­fungs­ge­set­zes 8 auf­ge­grif­fen. In der Beschluss­emp­feh­lung und dem Bericht des Finanz­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­ta­ges 9 ist zur Bestim­mung der Betrags­gren­ze, ab wel­chem bei einer Selbst­an­zei­ge Straf­frei­heit nicht ein­tritt, unter Bezug­nah­me auf die­ses Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs 10 aus­ge­führt 11: „Die Betrags­hö­he ori­en­tiert sich an der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu dem Regel­bei­spiel des § 370 Absatz 3 Num­mer 1 AO, wo das Merk­mal gro­ßen Aus­ma­ßes bei 50 000 € als erfüllt ange­se­hen wird“. Damit hat der Gesetz­ge­ber ersicht­lich die Aus­le­gung des Regel­bei­spiels durch den Bun­des­ge­richts­hof gebil­ligt.

Jeden­falls in den Fäl­len, bei denen durch die nach dem 31. Dezem­ber 2007 began­ge­nen Taten Steu­ern in Höhe von 100.000 € und dar­über ver­kürzt wur­den, hät­te die Straf­kam­mer des­halb die Vor­aus­set­zun­gen des Regel­bei­spiels des § 370 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 als erfüllt anse­hen müs­sen. Zudem hät­ten die Fest­stel­lun­gen zum Zusam­men­wir­ken inner­halb der Täter­grup­pe Anlass geben kön­nen, auch das Regel­bei­spiel Nr. 5 des § 370 Abs. 3 Satz 2 AO (Han­deln als Mit­glied einer Ban­de zur fort­ge­setz­ten Bege­hung von Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen) zu prü­fen.

Wahl des Straf­rah­mens

Indem die Straf­kam­mer das Regel­bei­spiel nicht geprüft hat, hat es sich den Blick dafür ver­stellt, bei der Wahl des Straf­rah­mens zu erör­tern, ob die indi­zi­el­le Bedeu­tung des Regel­bei­spiels durch ande­re – für den Ange­klag­ten spre­chen­de – Straf­zu­mes­sungs­fak­to­ren kom­pen­siert wur­de. Mil­de­rungs­grün­de, die so schwer wie­gen könn­ten, dass die Anwen­dung des erschwer­ten Straf­rah­mens unan­ge­mes­sen erscheint, sind hier nicht in aus­rei­chen­dem Maße dar­ge­tan.

Nach der Bewer­tung der Straf­kam­mer „wer­den die Steu­er­schä­den durch die Tat­sa­che rela­ti­viert, dass ein Groß­teil durch die Ange­klag­ten sowie die Fir­ma L. wie­der gut gemacht wor­den“ ist. Aller­dings ändert die Bezah­lung der geschul­de­ten hin­ter­zo­ge­nen Steu­ern nichts an der Indi­zwir­kung der Über­schrei­tung der 100.000 €Gren­ze für beson­ders schwe­re Fäl­le. Denn hier­bei ist schon berück­sich­tigt, dass es ledig­lich zu einer Gefähr­dung des Steu­er­an­spruchs kommt 12.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Mai 2011 – 1 StR 116/​11

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 02.12.2008 – 1 StR 416/​08, BGHSt 53, 71[]
  2. mil­de­ren[]
  3. BGH, Urteil vom 12.11.1996 – 1 StR 470/​96; sie­he auch Urtei­le vom 17.09. 1997 – 2 StR 390/​97; vom 09.08.2000 – 3 StR 133/​00; vom 11.09. 2003 – 4 StR 193/​03, NStZ 2004, 265; und vom 31.03.2004 – 2 StR 482/​03, NJW 2004, 2394, 2395[]
  4. vgl. Schä­fer/​Sander/​van Gemme­ren, Pra­xis der Straf­zu­mes­sung, 4. Aufl., Rn. 603 mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 02.12. 2008 – 1 StR 416/​08, BGHSt 53, 71[]
  6. BGH, aaO, Rn. 39, 41[]
  7. BGH, aaO, Rn. 37[]
  8. BT-Drucks. 17/​4182 und 17/​4802[]
  9. BT-Drucks. 17/​5067 neu[]
  10. BGHSt 53, 71[]
  11. S. 21[]
  12. BGH aaO Rn. 39[]