Ziga­ret­ten­schmug­gel – über Rot­ter­dam

Die Ver­kür­zung der Ein­fuhr­ab­ga­ben bei der Ein­fuhr von Ziga­ret­ten über den Hafen Rot­ter­dam in das Zoll­ge­biet der Euro­päi­schen Uni­on stellt eine Steu­er­hin­ter­zie­hung (ggfs. in mit­tel­ba­rer Täter­schaft) gemäß 370 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 6 AO, § 25 Abs. 1 Var. 2 StGB dar.

Ziga­ret­ten­schmug­gel – über Rot­ter­dam

Zoll und Ein­fuhr­um­satz­steu­er

Indem die von dem Ein­füh­ren­den mit der Erstel­lung der Zoll­pa­pie­re beauf­trag­te Spe­di­ti­on in Rot­ter­dam bei den nie­der­län­di­schen Zoll­be­hör­den in der Zollan­mel­dung ledig­lich die Tarn­wa­re (hier: von 2.250 Kar­tons getrock­ne­ter Dat­teln) anmel­de­te und die Ziga­ret­ten ver­schwieg, mach­te sie unrich­ti­ge Anga­ben über den Inhalt des zum frei­en Ver­kehr abzu­fer­ti­gen­den Con­tai­ners im Sin­ne von § 370 Abs. 1 Nr. 1 AO 1. Infol­ge der unrich­ti­gen Anmel­dung wur­de die für die Ziga­ret­ten gemäß Art.202 der Ver­ord­nung Nr. 2913/​92 des Rates zur Fest­stel­lung des Zoll­ko­dex der Gemein­schaft (ZK) ent­stan­de­ne Ein­fuhr­zoll­schuld nicht buch­mä­ßig erfasst (vgl. Art. 217 ZK) und dadurch ver­kürzt. Für die Ein­fuhr­um­satz­steu­er gilt das Näm­li­che (vgl. Art. 274 f. der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem vom 28.11.2006, Abl. Nr. L 347 S. 1).

Der Ein­füh­ren­de ist mit­tel­ba­rer Täter die­ser Steu­er­hin­ter­zie­hung (§ 25 Abs. 1 Var. 2 StGB), weil er sich zur Tat­be­ge­hung der von ihm über den wah­ren Con­tai­ner­in­halt getäusch­ten Mit­ar­bei­ter der Spe­di­ti­on als vor­satz­lo­se Werk­zeu­ge bedien­te 2. Auf­grund sei­ner Täu­schung erreich­te er, dass die Zoll­do­ku­men­te und der Lie­fer­schein mit unrich­ti­gem Inhalt aus­ge­stellt und den Zoll­be­hör­den bei der Zollan­mel­dung vor­ge­legt wur­den.

Der Umstand, dass der die Ziga­ret­ten Ein­füh­ren­de nur" mit der Orga­ni­sa­ti­on des Schmug­gels beauf­tragt wor­den war und selbst nicht zur "Chef­eta­ge" der Ziga­ret­ten­schmugg­ler gehör­te, führt im vor­lie­gen­den Fall nicht dazu, dass er ledig­lich als Gehil­fe (§ 27 StGB) straf­bar wäre. Denn er orga­ni­sier­te die Abwick­lung der Zoll­for­ma­li­tä­ten bei der Ein­fuhr der Ziga­ret­ten in das Zoll­ge­biet der Euro­päi­schen Uni­on und den Trans­port der Ziga­ret­ten nach Deutsch­land eigen­stän­dig und erhielt inso­weit kei­ne Vor­ga­ben von sei­nen Auf­trag­ge­bern.

Deut­sche Tabak­steu­er

Zudem hat sich der Ein­füh­ren­de wegen Hin­ter­zie­hung deut­scher Tabak­steu­er in mit­tel­ba­rer Täter­schaft straf­bar gemacht (§ 370 Abs. 1 Nr. 2 AO, § 23 TabStG, § 25 Abs. 1 Var. 2 StGB).

Mit der Beauf­tra­gung der Spe­di­ti­on und deren Täu­schung über den Con­tai­ner­in­halt erreich­te der Ein­füh­ren­de, dass die dann mit Grenz­über­tritt nach Deutsch­land für die Ziga­ret­ten ent­stan­de­ne deut­sche Tabak­steu­er man­gels Erklä­rung gegen­über den Zoll­be­hör­den nicht (recht­zei­tig) fest­ge­setzt und damit ver­kürzt wur­de (vgl. § 370 Abs. 4 Satz 1 AO). Er hat sich hier­bei einer Steu­er­hin­ter­zie­hung durch Unter­las­sen im Sin­ne von § 370 Abs. 1 Nr. 2 AO straf­bar gemacht, wobei er sich zur Tat­be­ge­hung des Fah­rers des Sat­tel­zugs als vor­satz­lo­ses Werk­zeug bedient hat.

Den Ein­füh­ren­den traf auch die für eine Täter­schaft durch Unter­las­sen im Sin­ne von § 370 Abs. 1 Nr. 2 AO erfor­der­li­che Offen­ba­rungs­pflicht 3. Denn der Ein­füh­ren­de ist ange­sichts der vom Land­ge­richt fest­ge­stell­ten Umstän­de als der­je­ni­ge anzu­se­hen, der im Sin­ne des § 23 Abs. 1 Satz 2 TabStG die Lie­fe­rung vor­nahm und des­halb gemäß § 23 Abs. 1 Satz 3 TabStG auch selbst ver­pflich­tet war, über die Ziga­ret­ten eine Steu­er­erklä­rung abzu­ge­ben. Er erteil­te den Auf­trag für den Trans­port des Con­tai­ners, gab eine Lager­hal­le, die er zuvor selbst ange­mie­tet hat­te, als Lie­fer­ort vor und hat­te dadurch, dass er im Gegen­satz zu Spe­di­ti­on und Fah­rer Kennt­nis vom wah­ren Inhalt des Con­tai­ners hat­te, Herr­schaft über die trans­por­tier­ten Tabak­wa­ren beim Ver­brin­gen nach Deutsch­land. Dies steht im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu § 19 Satz 1 TabStG a.F. als Vor­gän­ger­norm des § 23 Abs. 1 TabStG, des­sen Rege­lungs­ge­halt im Wesent­li­chen unver­än­dert geblie­ben ist 4. Nach die­ser Recht­spre­chung wird als Ver­brin­ger auch ange­se­hen, wer kraft sei­ner Wei­sungs­be­fug­nis beherr­schen­den Ein­fluss auf das Trans­port­fahr­zeug hat, indem er die Ent­schei­dung zur Durch­füh­rung des Trans­ports trifft oder die Ein­zel­hei­ten der Fahrt (z.B. Rou­te, Ort, Zeit­ab­fol­ge) bestimmt 5. Zwar gab der Ein­füh­ren­de nicht die kon­kre­te Fahrt­rou­te vor. Der Ein­füh­ren­de hat­te aber dadurch das erfor­der­li­che Maß an Herr­schaft über die Vor­nah­me der Ziga­ret­ten­lie­fe­rung, dass er einen von ihm ver­an­lass­ten Trans­port, bei dem er sowohl Star­tals auch Ziel­punkt vor­gab, zum heim­li­chen Mit­be­för­dern von Ware aus­nutz­te, von der allein er Kennt­nis hat­te. Die Zugriffs­mög­lich­keit am Ziel­ort hat­te er dadurch abge­si­chert, dass er zuvor selbst eine Lager­hal­le, in die der Con­tai­ner trans­por­tiert wer­den soll­te, ange­mie­tet hat­te. Gemäß § 23 Abs. 1 Satz 2 und 3 TabStG war der Ein­füh­ren­de daher ver­pflich­tet, über die mit dem Ver­brin­gen der Ziga­ret­ten in das Steuerge­biet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ent­stan­de­ne deut­sche Tabak­steu­er unver­züg­lich eine Steu­er­erklä­rung abzu­ge­ben.

Nur eine Steu­er­hin­ter­zie­hung

Aller­dings hat sich der die Ziga­ret­ten Ein­füh­ren­de nur wegen einer Steu­er­hin­ter­zie­hung und nicht wegen zwei­er in Tat­mehr­heit ste­hen­der Taten der Steu­er­hin­ter­zie­hung straf­bar gemacht.

Die Fra­ge des Vor­lie­gens einer oder meh­re­rer Hand­lun­gen im Sin­ne der §§ 52, 53 StGB ist für jeden Tat­be­tei­lig­ten geson­dert nach den sei­nen eige­nen Tat­bei­trag betref­fen­den indi­vi­du­el­len Gege­ben­hei­ten zu beur­tei­len 6. Des­halb rich­tet sich die Beur­tei­lung der Kon­kur­ren­zen auch für den mit­tel­ba­ren Täter nach des­sen Tat­bei­trag, unab­hän­gig von der kon­kur­renz­recht­li­chen Beur­tei­lung der Hand­lun­gen, die ihm zuzu­rech­nen sind 7. Hat daher ein mit­tel­ba­rer Täter, der an der unmit­tel­ba­ren Aus­füh­rung der Taten nicht betei­ligt ist, einen alle Ein­zel­de­lik­te för­dern­den Tat­bei­trag bereits im Vor­feld erbracht, wer­den ihm die jewei­li­gen Taten der Tat­mitt­ler als tat­ein­heit­lich began­gen zuge­rech­net, da sie in sei­ner Per­son durch den ein­heit­li­chen Tat­bei­trag zu einer Hand­lung im Sin­ne des § 52 Abs. 1 StGB ver­knüpft wer­den. Ob bei den Tat­mitt­lern hin­sicht­lich der von ihnen vor­ge­nom­me­nen Hand­lun­gen Tat­mehr­heit vor­lä­ge, ist dem­ge­gen­über ohne Belang 8. Eine durch eine ein­heit­li­che Hand­lung geleis­te­ter Tat­bei­trag führt also auch dann zur Tat­ein­heit (§ 52 StGB), wenn meh­re­re zure­chen­ba­re Hand­lun­gen des Werk­zeugs bei die­sem ein Ver­hält­nis der Tat­mehr­heit begrün­den wür­den 9.

Da hier die Ver­kür­zung sämt­li­cher Abga­ben auf ein und der­sel­ben Beauf­tra­gung der Spe­di­ti­on mit fal­schen Anga­ben zum Con­tai­ner­in­halt – mit­hin auf einer ein­heit­li­chen Hand­lung des Ein­füh­ren­den – beruht, bleibt für die Annah­me von Tat­mehr­heit im Sin­ne von § 53 StGB kein Raum. Der Schwer­punkt des für die kon­kur­renz­recht­li­che Ein­ord­nung maß­geb­li­chen Han­delns des Ein­füh­ren­den ist in der Ein­wir­kung auf den Tat­mitt­ler zu sehen, mit der er sowohl das Ziel der Hin­ter­zie­hung von Zoll und nie­der­län­di­scher Ein­fuhr­um­satz­steu­er auf­grund fal­scher Anga­ben als auch das­je­ni­ge der Ver­kür­zung deut­scher Tabak­steu­er durch Ver­brin­gen der Ziga­ret­ten nach Deutsch­land ohne Abga­be einer Steu­er­erklä­rung gegen­über den deut­schen Zoll­be­hör­den erreich­te. Mit der Täu­schung der Mit­ar­bei­ter der Spe­di­ti­on über den Inhalt des Con­tai­ners begann der Ein­füh­ren­de auch bereits mit der Aus­füh­rung sei­nes Ent­schlus­ses, die deut­schen Zoll­be­hör­den über das Ver­brin­gen steu­er­pflich­ti­ger Tabak­wa­ren nach Deutsch­land in Unkennt­nis zu las­sen. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bei Ein­rei­chung meh­re­rer Steu­er­erklä­run­gen die Abga­be jeder ein­zel­nen unrich­ti­gen Steu­er­erklä­rung (§ 370 Abs. 1 Nr. 1 AO) grund­sätz­lich als selb­stän­di­ge Tat i.S.v. § 53 StGB zu wer­ten ist 10. Die Annah­me von Tat­ein­heit ergibt sich hier viel­mehr aus den für die Beur­tei­lung der Kon­krren­zen bei mit­tel­ba­rer Täter­schaft gel­ten­den Grund­sät­zen für den Fall des – ver­hal­tens­ein­heit­li­chen – Zusam­men­tref­fens eines Unter­las­sungs­de­likts mit einem Bege­hungs­de­likt 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Juni 2018 – 1 StR 282/​17

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 03.03.2005 – Rechts­sa­che Papis­me­dov, C195/​03, Rn. 31, ZfZ 2005, 192; Tul­ly in Graf/​Jäger/​Wittig, Steu­er­straf­recht, 2. Aufl., § 373 AO Rn. 40[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 14.03.2007 – 5 StR 461/​06, Abschnitt II. 2.b, wis­tra 2007, 262, 265; vgl. auch BGH, Beschluss vom 27.11.2002 – 5 StR 127/​02, BGHSt 48, 108, Rn. 8[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 09.04.2013 – 1 StR 586/​12, BGHSt 58, 218, Rn. 52, 64 und Beschluss vom 14.10.2015 – 1 StR 521/​14, Rn. 13, wis­tra 2016, 74[]
  4. vgl. BT-Drs. 16/​12257, S. 79 f.; Mid­den­dorp, ZfZ 2011, 197, 201[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.03.2017 – 1 StR 451/​16, NStZ 2018, 544; und vom 14.10.2015 – 1 StR 521/​14, wis­tra 2016, 74 jeweils mwN; vgl. auch BGH, Urteil vom 14.03.2007 – 5 StR 461/​06, wis­tra 2007, 262, 264[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 26.07.1994 – 5 StR 98/​94, BGHSt 40, 218, 238 und Beschluss vom 18.10.2011 – 4 StR 346/​11, wis­tra 2012, 67; Eschel­bach in SSWStGB, 3. Aufl., § 52 Rn. 32 mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 30.03.2004 – 1 StR 99/​04, wis­tra 2004, 264[]
  8. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 13.05.2003 – 3 StR 128/​03, wis­tra 2003, 426; und vom 10.05.2001 – 3 StR 52/​01, wis­tra 2001, 336, 337 jeweils mwN[]
  9. vgl. Mur­mann in SSWStGB, 3. Aufl., § 26 Rn. 49[]
  10. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 22.01.2018 – 1 StR 535/​17, Rn. 16 ff., DStR 2018, 2380 mwN[]
  11. vgl. dazu LKStGB/​Rissing van Saan, 12. Aufl., § 52 Rn. 14 f.; von Heint­schel­Hein­egg in Münch­Komm-StGB, 3. Aufl., § 52 Rn. 72 f.; Freund in Münch­Komm-StGB, 3. Aufl., § 13 Rn. 290 ff. jeweils mwN; vgl. auch BGH, Beschluss vom 15.07.1986 – 4 StR 301/​86, NJW 1987, 199[]