Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung – und die Leg­al­pro­gno­se

Maß­geb­li­cher Beur­tei­lungs­zeit­punkt für das Vor­lie­gen einer Pro­gno­se im Sin­ne des § 56 Abs. 1 StGB ist der der jet­zi­gen Ent­schei­dung 1, nicht der­je­ni­ge eines län­ger zurück­lie­gen­den Ereig­nis­ses oder einer vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dung.

Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung – und die Leg­al­pro­gno­se

Die Straf­kam­mer darf frü­he­re Umstän­de zwar in die erfor­der­li­che Gesamt­wür­di­gung ein­be­zie­hen, aber nur in ihrer (ein­ge­schränk­ten) Bedeu­tung für die vom Land­ge­richt im Urteils­zeit­punkt anzu­stel­len­de Prü­fung, ob der Ange­klag­te jetzt auch ohne die Ein­wir­kung des Straf­voll­zugs kei­ne Straf­ta­ten mehr bege­hen wer­de.

Es liegt inso­weit auf der Hand, dass allein der Umstand der Bege­hung von Straf­ta­ten im Jah­re 2007 ange­sichts des lan­gen Zeit­ab­laufs nur gerin­ge Aus­sa­ge­kraft für eine Leg­al­pro­gno­se im Jahr 2018 besitzt und nicht – wie das Land­ge­richt in der Vor­in­stanz hier aber aus­führt – "zeigt, dass sich der Ange­klag­te durch die blo­ße Ver­hän­gung einer Frei­heits­stra­fe nicht aus­rei­chend beein­dru­cken lässt, son­dern hier­zu der Voll­zug der Stra­fe erfor­der­lich ist." Dies mag im Jah­re 2007 so gewe­sen sein, hät­te indes für den maß­geb­li­chen Zeit­punkt der im Jah­re 2018 zu tref­fen­den Ent­schei­dung nähe­rer Erläu­te­rung bedurft.

Das Land­ge­richt hat sich im vor­lie­gen­den Fall zudem fer­ner im Rah­men der Leg­al­pro­gno­se gemäß § 56 Abs. 1 StGB weder erkenn­bar damit aus­ein­an­der­ge­setzt, dass der Ange­klag­te die Bewäh­rungs­zeit aus der im Jahr 2004 erfolg­ten Ver­ur­tei­lung ohne die Bege­hung neu­er Straf­ta­ten über­stan­den hat, noch hat es aus­drück­lich in den Blick genom­men, dass sich der Ange­klag­te nach den letz­ten Taten im hie­si­gen Ver­fah­ren im März 2009 nicht mehr straf­bar gemacht hat. Vor allem mit dem Umstand, dass sich der Ange­klag­te damit seit mehr als neun Jah­ren straf­frei geführt hat, hät­te sich die Straf­kam­mer aus­drück­lich befas­sen müs­sen. Denn Zei­ten län­ge­rer Straf­frei­heit zwi­schen Tat und Abur­tei­lung sind als "Ver­hal­ten nach der Tat" – neben den vom Land­ge­richt zu Recht in den Blick genom­me­nen aktu­el­len Lebens­um­stän­den des Ange­klag­ten – bedeut­sa­me Pro­gno­se­indi­zi­en im Rah­men der vor­zu­neh­men­den Gesamt­wür­di­gung des Ange­klag­ten und sei­ner Taten 2.

Schließ­lich hät­te das Land­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall die mög­li­chen posi­ti­ven Wir­kun­gen des mit Urteil vom 06.04.2017 rechts­kräf­tig ange­ord­ne­ten Berufs­ver­bots bei sei­ner Ent­schei­dung berück­sich­ti­gen müs­sen. So wie mit einer Bewäh­rungs­aus­set­zung ver­bun­de­ne flan­kie­ren­de Maß­nah­men die Vor­aus­set­zun­gen für eine güns­ti­ge Leg­al­pro­gno­se schaf­fen kön­nen 3, kann sich auch aus einem (ange­ord­ne­ten) Berufs­ver­bot eine güns­ti­ge Pro­gno­se erge­ben 4: Dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn sich – wie offen­bar hier – kei­ne Anhalts­punk­te dafür erge­ben haben, dass der Ange­klag­te das Berufs­ver­bot miss­ach­tet, und die ansons­ten nega­ti­ve Leg­al­pro­gno­se Ver­hal­ten im Zusam­men­hang mit vom Berufs­ver­bot erfass­ten Tätig­kei­ten betrifft.

Die auf­ge­zeig­ten Begrün­dungs­män­gel wir­ken sich auch bei der Über­prü­fung der land­ge­richt­li­chen Annah­me aus, es lägen kei­ne beson­de­ren Umstän­de im Sin­ne von § 56 Abs. 2 StGB vor.

Zu den nach § 56 Abs. 2 StGB zu berück­sich­ti­gen­den Umstän­den kön­nen auch sol­che gehö­ren, die schon für die Pro­gno­se nach § 56 Abs. 1 StGB zu berück­sich­ti­gen waren. Zudem kann auch die (mög­li­che) Erwar­tung, der Ange­klag­te wer­de sich künf­tig straf­frei füh­ren, für die Beur­tei­lung, ob "beson­de­re Umstän­de" vor­lie­gen, von Bedeu­tung sein 5. Hat der Tatrich­ter – wie hier das Land­ge­richt – Umstän­de von Gewicht bei sei­ner Leg­al­pro­gno­se unbe­rück­sich­tigt gelas­sen u. cc)), erweist sich damit auch die unter Außer­acht­las­sung die­ser Aspek­te begrün­de­te Annah­me, es feh­le an "beson­de­ren Umstän­den", als durch­grei­fend rechts­feh­ler­haft 6.

Hin­zu kommt im hier ent­schie­de­nen Fall, dass die Straf­kam­mer wei­te­re Aspek­te, die in die inso­weit vor­zu­neh­men­de Gesamt­wür­di­gung von Tat und Täter­per­sön­lich­keit ein­zu­be­zie­hen waren, nicht in den Blick genom­men hat, etwa den erheb­li­chen Abstand zwi­schen Tat und Abur­tei­lung 7 oder eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. April 2019 – 2 StR 545/​18

  1. vgl. BGH, NJW 2003, 2841[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 09.11.2016 – 5 StR 425/​16; Bun­des­ge­richts­hof Beschluss vom 08.02.2012 – 2 StR 136/​11, NStZ-RR 2012, 170[]
  3. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 13.01.2015 – 4 StR 445/​14, NStZ-RR 2015, 107 f.[]
  4. vgl. Schä­fer/​Sander/​van Gemme­ren, Pra­xis der Straf­zu­mes­sung, 6. Aufl., Rn. 216[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 10.05.2016 – 4 StR 25/​16[]
  6. vgl. etwa zur feh­len­den Berück­sich­ti­gung eines ange­ord­ne­ten Berufs­ver­bots BGH, NStZ 1997, 434[]
  7. vgl. BGHR, StGB § 56 Abs. 2 Beson­de­re Umstän­de 13; BGH, NStZ 2009, 441[]
  8. BGH, NStZ-RR 2016, 9[]