Straf­recht­li­che Reha­bi­li­tie­rung von DDR-Heim­kin­dern

Die Jus­tiz in den neu­en Bun­des­län­dern ist auch 20 Jah­re nach der Wen­de noch immer damit beschäf­tigt, Unrecht aus DDR-Zei­ten auf­zu­ar­bei­ten und die Betrof­fe­nen zu reha­bi­li­tie­ren. Im Fokus des öffent­li­chen Inter­es­ses ste­hen dabei seit eini­ger Zeit beson­ders die Fäl­le der ehe­ma­li­gen Heim­kin­der.

Straf­recht­li­che Reha­bi­li­tie­rung von DDR-Heim­kin­dern

Zwar war die Recht­spre­chung des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts (THOLG) auf die­sem Gebiet schon seit Jah­ren opfer­freund­lich; eine Ende letz­ten Jah­res in Kraft getre­te­ne Geset­zes­än­de­rung erleich­tert die Reha­bi­li­tie­rung von DDR-Heim­kin­dern nun aber deut­lich. Nach der bis zum 8. Dezem­ber 2010 gege­be­nen Geset­zes­la­ge lau­te­te die stän­di­ge Recht­spre­chung des Reha­bi­li­tie­rungs­se­nats des THOLG wie folgt:

Ein Betrof­fe­ner, der als unter 14-jäh­ri­ger in einem Kin­der­heim oder als Jugend­li­cher von 14 bis 18 Jah­ren in einem Jugend­werk­hof bzw. einer ähn­li­chen Ein­rich­tung der DDR-Jugend­hil­fe unter­ge­bracht war, wur­de reha­bi­li­tiert, wenn

  1. die Unter­brin­gung eine straf­recht­li­che Maß­nah­me war und rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen wider­sprach oder
  2. die Unter­brin­gung – wie im Regel­fall – zwar kei­ne straf­recht­li­che Maß­nah­me, gleich­wohl aber rechts­staats­wid­rig war, weil
    1. sie eine Frei­heits­ent­zie­hung dar­stell­te oder zumin­dest ein Leben unter haft­ähn­li­chen Bedin­gun­gen – das Vor­lie­gen die­ser ers­ten Reha­bi­li­tie­rungs­vor­aus­set­zung hat das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt bei Jugend­werk­hö­fen und Spe­zi­al­kin­der­hei­men für (ver­meint­lich) schwer­erzieh­ba­re Kin­der regel­mä­ßig ver­mu­tet. Bei den sons­ti­gen („ein­fa­chen“) Kin­der­hei­men muss­te der Betrof­fe­ne hin­ge­gen im kon­kre­ten Ein­zel­fall ein Leben unter haft­ähn­li­chen Bedin­gun­gen glaub­haft machen; hier­an schei­ter­te es oft – und
    2. die Heim­un­ter­brin­gung ent­we­der
      • der poli­ti­schen Ver­fol­gung oder
      • sonst sach­frem­den Zwe­cken gedient hat oder
      • gänz­lich unver­hält­nis­mä­ßig war, d.h. in einem gro­ben Miss­ver­hält­nis zu ihrem Anlass stand.

Die zwei­te Reha­bi­li­tie­rungs­vor­aus­set­zung ist unver­än­dert geblie­ben. Seit dem 9. Dezem­ber 2010 hat der Gesetz­ge­ber aber die oft schwie­ri­ge Glaub­haft­ma­chung eines Lebens unter haft­ähn­li­chen Bedin­gun­gen ent­fal­len las­sen. Nach der jetzt gel­ten­den Geset­zes­fas­sung wird in den Fäl­len, in denen die Anord­nung einer Heim­erzie­hung der poli­ti­schen Ver­fol­gung oder sonst sach­frem­den Zwe­cken gedient hat, der frei­heits­ent­zie­hen­de Cha­rak­ter gesetz­lich unter­stellt (oder genau­er: unwi­der­leg­bar ver­mu­tet). Die Gerich­te haben im Rah­men der straf­recht­li­chen Reha­bi­li­tie­rung also nicht mehr zu prü­fen, ob sich die Heim­un­ter­brin­gung im kon­kre­ten Fall unter haft­ähn­li­chen Bedin­gun­gen voll­zo­gen hat.

Die­se Ände­rung des Straf­recht­li­chen Reha­bi­li­tie­rungs­ge­set­zes (StrRe­haG) hat dazu geführt, dass das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt in der ver­gan­ge­nen Woche einen Betrof­fe­nen reha­bi­li­tie­ren konn­te, des­sen Antrag in der ers­ten Instanz nur mit der Begrün­dung abge­lehnt wor­den war, die kon­kre­te Heim­si­tua­ti­on kön­ne nicht als Frei­heits­ent­zie­hung, also als Leben unter haft­ähn­li­chen Bedin­gun­gen, gewer­tet wer­den.

Der heu­te 58-jäh­ri­ge Betrof­fe­ne war schon als Säug­ling im Kin­der­heim unter­ge­bracht wor­den. Da die Heim­erzie­hung der poli­ti­schen Ver­fol­gung sei­ner Eltern dien­te, hat das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt nun fest­ge­stellt, dass er in den ers­ten Jah­ren sei­nes Lebens zu Unrecht Frei­heits­ent­zie­hung erlit­ten hat.

Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt, Beschluss vom 17.05.2011 – 1 Ws Reha 7/​11