Straf­voll­stre­ckung im Inland

Bei der im Bewil­li­gungs­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen­den Fra­ge, ob ein über­wie­gen­des schutz­wür­di­ges Inter­es­ses des Ver­folg­ten an einer Straf­voll­stre­ckung im Inland besteht, ist neben des Bestehens von fami­liä­ren Bin­dun­gen auch zu berück­sich­ti­gen, ob der Ver­folg­te ein fes­tes Arbeits­ver­hält­nis inne hat und eine hin­rei­chend kon­kre­te Aus­sicht besteht, dass er die­ses fort­set­zen kann, weil er die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulas­sung zum Frei­gang erfüllt.

Straf­voll­stre­ckung im Inland

Nach § 79 Abs. 2 Satz 3 IRG obliegt dem Ober­lan­des­ge­richt im Ver­fah­ren nach § 29 IRG die Über­prü­fung der Ent­schei­dung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft nach § 79 Abs. 2 Satz 1 und 2 IRG, kei­ne Bewil­li­gungs­hin­der­nis­se gel­tend machen zu wol­len. Dabei ist auch unter Berück­sich­ti­gung des der Bewil­li­gungs­be­hör­de ein­ge­räum­ten wei­ten Ermes­sens erfor­der­lich, dass die nach § 79 Abs. 2 Satz 2 IRG zu begrün­den­de Vor­ab­ent­schei­dung dem Ober­lan­des­ge­richt die gebo­te­ne Über­prü­fung ermög­licht, ob die Bewil­li­gungs­be­hör­de die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 83b IRG zutref­fend beur­teilt hat und sich bei Vor­lie­gen von Bewil­li­gungs­hin­der­nis­sen des ihr ein­ge­räum­ten Ermes­sens unter Berück­sich­ti­gung aller in Betracht kom­men­der Umstän­de des Ein­zel­fal­les bewusst war. Auch dür­fen in die Ermes­sens­ab­wä­gung kei­ne die Ent­schei­dung maß­geb­lich beein­flus­sen­den unzu­läs­si­gen Erwä­gun­gen ein­ge­stellt, die wesent­li­chen Gesichts­punk­te müs­sen aus­drück­lich bedacht, die in dem Bescheid auf­ge­führ­ten und erkann­ten Gesichts­punk­ten ein­an­der abwä­gend gegen­über­ge­stellt wer­den [1].

Vor­lie­gend hat der sich sicher seit 2011 in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land befind­li­che Ver­folg­te sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland hat, so dass die Bewil­li­gung nach § 83b Abs. 2 lit. b IRG abge­lehnt wer­den kann, wenn sein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an der Straf­voll­stre­ckung im Inland über­wiegt. Die Voll­stre­ckungs­be­hör­de hat indes ein Über­wie­gen eines schutz­wür­di­gen Inter­es­ses des Ver­folg­ten an einer Straf­voll­stre­ckung im Inland nicht frei von Rechts­feh­lern ver­neint. Maß­geb­lich für die­se Ent­schei­dung ist, ob durch die Ver­bü­ßung der Stra­fe im Inland die Reso­zia­li­sie­rungs­chan­cen des Ver­folg­ten erhöht wer­den [2]. Der hie­si­ge Straf­voll­zug müss­te also der Auf­ga­be, den Ver­ur­teil­ten zu einem künf­ti­gen Leben in sozia­ler Ver­ant­wor­tung ohne Straf­ta­ten zu befä­hi­gen (§ 2 Satz 1 StVoll­zG, § 1 JVoll­zGB III BW), bes­ser gerecht wer­den als die Straf­voll­stre­ckung im ersu­chen­den Staat. Inso­weit ist über den gewöhn­li­chen Auf­ent­halt des Ver­folg­ten in Deutsch­land hin­aus – auch unter Beach­tung des Gesichts­punk­tes des Schut­zes von Ehe und Fami­lie nach Art. 6 Abs. 1 GG [3] und der Gewähr­leis­tun­gen des Art. 8 Abs. 1 MRK – von Bedeu­tung, in wel­chem Maße die beruf­li­chen, wirt­schaft­li­chen, fami­liä­ren und sozia­len Bezie­hun­gen des Ver­folg­ten im Inland ver­fes­tigt sind. Dabei ist anzu­neh­men, dass im Fal­le einer Voll­stre­ckung im Her­kunfts­staat von vorn­her­ein kei­ne der Reso­zia­li­sie­rung ent­ge­gen­ste­hen­den sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Pro­ble­me bestehen [4]. Im All­ge­mei­nen müs­sen des­halb bei dro­hen­der Straf­voll­stre­ckung im Her­kunfts­land die Bin­dun­gen an Deutsch­land von beson­de­rer Aus­prä­gung sein, um ein Bewil­li­gungs­hin­der­nis zu begrün­den [5]. Auch ist wie bei jeder Aus­lie­fe­rungs­ent­schei­dung der Grund­satz des § 79 Abs. 1 IRG zu beach­ten, wonach eine zuläs­si­ge Aus­lie­fe­rung nach dem gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len im Regel­fall auch zu bewil­li­gen ist [6].

Im vor­lie­gen­den Fall hat die Gene­ral­staats­an­walt­schaft, wie das OLG Karls­ru­he moniert, bei ihrer Ent­schei­dung nicht alle ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Umstän­de in der gebo­te­nen Wei­se berück­sich­tigt. Sie hat maß­geb­lich dar­auf abge­stellt, dass durch die Aus­lie­fe­rung nach Kroa­ti­en für den Ver­folg­ten weder sprach­li­che noch kul­tu­rel­le Pro­ble­me bestehen, ohne dabei zu berück­sich­ti­gen, dass die­sem Gesichts­punkt wegen der ser­bi­schen Volks­zu­ge­hö­rig­keit und bos­nisch-her­ze­go­wi­ni­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit des Ver­folg­ten bei einer Aus­lie­fe­rung nach Kroa­ti­en ent­we­der kei­ne wesent­li­che oder sogar eine gegen­tei­li­ge Bedeu­tung bei­kom­men könn­te. Soweit die Gene­ral­staats­an­walt­schaft Karls­ru­he dar­auf abstellt, dass sich der Ver­folg­te nicht in das gesell­schaft­li­che und sozia­le Leben in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land inte­griert habe, hat sie wei­ter­hin nicht bedacht, dass sei­ne Beherr­schung der deut­schen Spra­che – auch wenn er sich im Inland noch nicht fünf Jah­re unun­ter­bro­chen auf­hal­ten soll­te [7] – eben­so für eine erfolg­te sozia­le und gesell­schaft­li­che Inte­gra­ti­on spricht wie der Umstand, dass sei­ne bei­den Kin­der die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit besit­zen und eben­falls hier leben.

Auch wird die Gene­ral­staats­an­walt­schaft Karls­ru­he im Hin­blick auf §§ 79 Abs. 3, 33 IRG nun­mehr aus­drück­lich zu berück­sich­ti­gen haben, dass der Ver­folg­te seit 24.02.2014 in Bad Her­ren­alb über eine fes­te Arbeits­stel­le ver­fügt. Inso­weit wird sie zu klä­ren haben, ob dem Ver­folg­ten bei einer Voll­stre­ckung im Inland anders als bei einer Voll­stre­ckung in Kroa­ti­en die Mög­lich­keit offen­steht, sein aktu­el­les Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis bei­zu­be­hal­ten. Dies wäre anzu­neh­men, wenn eine hin­rei­chend kon­kre­te Aus­sicht besteht, dass der Ver­folg­te sein Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis fort­set­zen kann, weil er die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulas­sung zum Frei­gang (§ 9 Abs. 2 Nr. 1 JVoll­zGB III BW) erfüllt [8]. In die­sem Fal­le wür­de es schon allein des­halb nahe­lie­gen, dass durch eine Inlands­voll­stre­ckung die Reso­zia­li­sie­rungs­chan­cen merk­lich erhöht sind.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 2. Juni 2014 – 1 AK 3/​14

  1. OLG Karls­ru­he, NJW 2007, 617; NStZ-RR 2008, 376; Beschluss vom 13.05.2014, 1 AK 48/​14; vgl. auch KG NJW 2006, 3507; OLG Stutt­gart NJW 2007, 1702; OLG Hamm NStZ-RR 2010, 209[]
  2. vgl. EuGH, Urteil vom 17.07.2008, – C‑66/​08 – Kozlow­ski; OLG Karls­ru­he NStZ-RR 2009, 107 und 2011, 145; KG NJW 2010, 3177[]
  3. vgl. OLG Karls­ru­he, NJW 2007, 2567[]
  4. vgl. OLG Karls­ru­he, a.a.O.; KG a.a.O.; OLG Cel­le StV 2013, 315[]
  5. vgl. KG a.a.O.; Schmidt Stra­Fo 2007, 7[]
  6. vgl. BT-Drs. 16/​1024, 13[]
  7. vgl. hier­zu OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 16.04.2013 – 1 AK 19/​13; EuGH, Urteil vom 05.09.2012, – C‑42/​11 – Lopes da Sil­va Jor­ge , NJW 2013, 141; ders. Urteil vom 06.10.2009, – C‑123/​08 – Wol­zen­burg, NJW 2010, 283; sie­he hier­zu auch den Rah­men­be­schluss 2008/​909/​Ji des Rates vom 27.11.2008[]
  8. vgl. hier­zu OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 13.05.2014, 1 AK 48/​14[]