Anord­nung der Fort­dau­er der Unter­brin­gung im Maß­re­gel­voll­zug – und die gericht­li­che Sachaufklärungspflicht

Das Gebot best­mög­li­cher Sach­auf­klä­rung gilt auch für den Straf- und Maß­re­gel­voll­zug [1].

Anord­nung der Fort­dau­er der Unter­brin­gung im Maß­re­gel­voll­zug – und die gericht­li­che Sachaufklärungspflicht

Im Rah­men die­ses Gebo­tes besteht bei Pro­gno­se­ent­schei­dun­gen, bei denen geis­ti­ge und see­li­sche Ano­ma­lien in Fra­ge ste­hen, in der Regel die Pflicht, einen erfah­re­nen Sach­ver­stän­di­gen hin­zu­zu­zie­hen. Dies gilt ins­be­son­de­re dort, wo die Gefähr­lich­keit eines in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus Unter­ge­brach­ten zu beur­tei­len ist; denn die Umstän­de, die die­se bestim­men, sind für den Rich­ter oft schwer erkenn­bar und abzu­wä­gen [2]. Dabei hat der Straf­voll­stre­ckungs­rich­ter die Aus­sa­gen oder Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen selbst­stän­dig zu beur­tei­len. Er darf die Pro­gno­se­ent­schei­dung nicht dem Sach­ver­stän­di­gen über­las­sen, son­dern hat die­se selbst zu tref­fen [3]. Es ist dar­auf Bedacht zu neh­men, dass das ärzt­li­che Gut­ach­ten hin­rei­chend sub­stan­ti­iert ist und den Rich­ter in den Stand setzt, sich die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für sei­ne Ent­schei­dung zu erar­bei­ten [4]

Das an den Tatrich­ter gerich­te­te Gebot best­mög­li­cher Sach­auf­klä­rung ist jeden­falls dann ver­letzt, wenn das Tat­ge­richt unter Berück­sich­ti­gung der Beweis­la­ge zu einer bestimm­ten Über­zeu­gung noch nicht hät­te gelan­gen dür­fen, weil es bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung aller Umstän­de des zu ent­schei­den­den Fal­les damit rech­nen muss­te, dass ihm bekann­te oder erkenn­ba­re, nicht ver­wer­te­te wei­te­re Beweis­mit­tel einen Sach­ver­halt erbrin­gen, der im Gegen­satz zu sei­ner bis­he­ri­gen Über­zeu­gung eine Tat­sa­che wider­legt, infra­ge stellt oder bestä­tigt. Ergibt eine umfas­sen­de, ver­stän­di­ge und all­ge­mei­ner Lebens­er­fah­rung Rech­nung tra­gen­de Wür­di­gung der Sach­la­ge, dass das Gebot umfas­sen­der Sach­auf­klä­rung danach drängt, ein bekann­tes oder erkenn­ba­res wei­te­res Beweis­mit­tel zu nut­zen oder ein bereits genutz­tes Beweis­mit­tel wei­ter aus­zu­schöp­fen, so ist ent­spre­chend zu ver­fah­ren [5].

Dabei hängt es auch von den Umstän­den des jewei­li­gen Fal­les ab, ob sich das Gericht im Rah­men der Erhe­bung eines Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses mit dem oder den zuge­zo­ge­nen Sach­ver­stän­di­gen begnü­gen darf. Das Gericht hat von Amts wegen oder auf Antrag ins­be­son­de­re einen wei­te­ren Sach­ver­stän­di­gen bei­zu­zie­hen, wenn die Beweis­fra­ge nach wie vor offen oder (mög­li­cher­wei­se) unzu­läng­lich beant­wor­tet ist und die Befra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen Klä­rung erwar­ten lässt [6].

Die Gerich­te sind ver­pflich­tet, die Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen zur Kennt­nis zu neh­men und sich mit die­sen aus­ein­an­der­zu­set­zen, genügt. Sie sind an des­sen Bewer­tun­gen jedoch nicht gebun­den. Viel­mehr haben sie selbst­stän­dig zu beur­tei­len, ob die der Unter­brin­gung zugrun­de­lie­gen­de (hier:) „schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit“ ent­fal­len ist [7]. Soweit sie dabei von den Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen abwei­chen, müs­sen sie das ver­fas­sungs­recht­li­che Erfor­der­nis sorg­fäl­ti­ger Begrün­dung [8] beachten. 

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 21. Okto­ber 2020 – 2 BvR 2473/​17

  1. vgl. BVerfGE 70, 297 <309> BVerfGK 15, 287 <295>[]
  2. vgl. BVerfGE 70, 297 <309>[]
  3. vgl. BVerfGE 58, 208 <223> 70, 297 <310>[]
  4. vgl. BVerfGE 70, 297 <310> vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 16.08.2017 – 2 BvR 1496/​15, Rn.19 m.w.N.[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.08.2017 – 2 BvR 1496/​15, Rn.20 m.w.N.[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.08.2017 – 2 BvR 1496/​15, Rn. 21 m.w.N.[]
  7. vgl. BVerfGE 70, 297 <310> 109, 133 <164>[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 05.07.2013 – 2 BvR 2957/​12, Rn. 35; Beschluss vom 16.08.2017 – 2 BvR 1496/​15, Rn. 30[]

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