Arbeits­the­ra­pie – und die Behin­de­rung des Siche­rungs­ver­wahr­ten

Im Hin­blick auf Art. 2 Abs. 2 Satz 2, 3 Abs. 3 Satz 2 GG kön­nen einem behin­der­ten Siche­rungs­ver­wahr­ten arbeits­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men nicht gene­rell mit der all­ge­mei­nen Begrün­dung ver­wei­gert wer­den, behin­der­ten­ge­rech­te Räum­lich­kei­ten stün­den nicht zur Ver­fü­gung; es bedarf inso­weit einer Abwä­gung im Ein­zel­fall. Die Ver­wei­ge­rung jeg­li­cher arbeits­the­ra­peu­ti­scher Maß­nah­men allein aus Kos­ten­grün­den wird dem grund­recht­li­chen Schutz nicht gerecht.

Arbeits­the­ra­pie – und die Behin­de­rung des Siche­rungs­ver­wahr­ten

Die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer hat bei der Ent­schei­dung nach § 67d Abs. 2 StGB nicht nur die Leg­al­pro­gno­se zu prü­fen, son­dern auch, ob dem Unter­ge­brach­ten eine aus­rei­chen­de Betreu­ung i.S. des § 66c Abs. 1 Nr. 1 StGB ange­bo­ten wird und ob es einer Frist­set­zung gemäß § 67d Abs. 2 Satz 2 2. Halb­satz StGB unter Anga­be der kon­kret anzu­bie­ten­den Maß­nah­men zur künf­ti­gen Ein­hal­tung die­ses Betreu­ungs­ge­bo­tes bedarf. Es ist also bei jeder Ent­schei­dung über die Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung kri­tisch zu prü­fen, ob die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt dem Unter­ge­brach­ten auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Behand­lungs­un­ter­su­chung und eines regel­mä­ßig fort­zu­schrei­ben­den Voll­zugs­plans eine Betreu­ung anbie­tet, die indi­vi­du­ell und inten­siv sowie geeig­net ist, sei­ne Mit­wir­kungs­be­reit­schaft zu wecken und zu för­dern, ins­be­son­de­re eine psych­ia­tri­sche, psy­cho- und sozi­al­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung, die auf den Unter­ge­brach­ten zuge­schnit­ten ist, soweit stan­dar­di­sier­te Ange­bo­te kei­nen Erfolg ver­spre­chen und die zum Ziel hat, sei­ne Gefähr­lich­keit für die All­ge­mein­heit so zu min­dern, dass die Voll­stre­ckung der Siche­rungs­ver­wah­rung mög­lichst bald zur Bewäh­rung aus­ge­setzt oder für erle­digt erklärt wer­den kann, § 66c Abs. 1 Nr. 1 StGB1. Ins­be­son­de­re bei der ers­ten Ent­schei­dung über die Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung hat die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer zu über­prü­fen und dar­zu­le­gen, ob und inwie­weit ein trag­fä­hi­ges Fun­da­ment i.S. von § 66c StGB für die Fort­dau­er­an­ord­nung nach § 67d Abs. 2 StGB vor­han­den ist2.

Im vor­lie­gen­den Fall hat die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer inso­weit fest­ge­stellt, dass das Ange­bot der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt an psych­ia­tri­scher, psy­cho- und sozi­al­the­ra­peu­ti­scher Behand­lung den Anfor­de­run­gen des § 66c Abs. 1 Nr. 1a StGB ent­spricht. Der Unter­ge­brach­te nimmt regel­mä­ßig ein­zel­the­ra­peu­ti­sche Gesprächs­ter­mi­ne wahr, die Teil­nah­me an dem ange­bo­te­nen wesent­lich effek­ti­ve­ren Behand­lungs­pro­gramm für Sexu­al­straf­tä­ter ver­wei­gert er mit der nicht trag­fä­hi­gen Begrün­dung, er wol­le von den Taten ande­rer Siche­rungs­ver­wahr­ter nichts wis­sen und die­se gin­gen sei­ne Straf­ta­ten nichts an.

Jedoch hat die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer nicht erwo­gen, ob dem Unter­ge­brach­ten eine aus­rei­chen­de Betreu­ung i.S. des § 66c Abs. 1 Nr. 1 StGB ange­bo­ten wird, wenn ihm arbeits­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men im Wesent­li­chen mit der Begrün­dung ver­wei­gert wer­den, die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ver­fü­ge nicht über behin­der­ten­ge­rech­te Räum­lich­kei­ten zu deren Durch­füh­rung. Die­se Begrün­dung ist im Hin­blick auf das Benach­tei­li­gungs­ver­bot des Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG nicht trag­fä­hig.

Abs. 3 Satz 2 GG ver­stärkt den Schutz des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes nach Art. 3 Abs. 1 GG für bestimm­te Per­so­nen­grup­pen und gibt der staat­li­chen Gewalt inso­weit enge­re Gren­zen vor, als die Behin­de­rung nicht als Anknüp­fungs­punkt für eine – benach­tei­li­gen­de – Ungleich­be­hand­lung die­nen darf. Eine Benach­tei­li­gung liegt jeden­falls bei Rege­lun­gen und Maß­nah­men vor, die die Situa­ti­on des Behin­der­ten wegen sei­ner Behin­de­rung ver­schlech­tern, indem ihm etwa der tat­säch­lich mög­li­che Zutritt zu öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen ver­wehrt wird oder Leis­tun­gen, die grund­sätz­lich jeder­mann zuste­hen, ver­wei­gert wer­den3. Im Zusam­men­wir­ken mit den Grund­rech­ten des Unter­ge­brach­ten aus Art. 2 Abs. 1 und Abs. 2 Satz 2 GG folgt dabei vor­lie­gend, dass der Staat für kör­per­lich behin­der­te Unter­ge­brach­te in der Siche­rungs­ver­wah­rung eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung trägt und mit Rück­sicht dar­auf gehal­ten ist, für die­sen Per­so­nen­kreis Ein­rich­tun­gen bereit­zu­hal­ten, die auch ihnen eine indi­vi­du­el­le und inten­si­ve Betreu­ung im Sin­ne des § 66c Abs. 1 StGB ermög­li­chen4. Bei der Siche­rungs­ver­wah­rung müs­sen ins­be­son­de­re im the­ra­peu­ti­schen Bereich – hier­zu zählt auch die Arbeits­the­ra­pie5 – alle Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft wer­den, um die Gefähr­lich­keit des Unter­ge­brach­ten zu redu­zie­ren6.

Die Ver­wei­ge­rung jeg­li­cher arbeits­the­ra­peu­ti­scher Maß­nah­men mit der Begrün­dung, dass behin­der­ten­ge­rech­te Räum­lich­kei­ten nicht zur Ver­fü­gung stün­den, stellt in die­ser pau­scha­len Form eine Benach­tei­li­gung des Unter­ge­brach­ten dar, da nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass der­ar­ti­ge arbeits­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men trotz der kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen des Unter­ge­brach­ten geeig­net sein kön­nen, sei­ne Mit­wir­kungs­be­reit­schaft an den ange­bo­te­nen psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Behand­lun­gen, etwa dem bis­her ver­wei­ger­ten Behand­lungs­pro­gramm für Sexu­al­straf­tä­ter, zu för­dern oder all­ge­mein sei­ne Gefähr­lich­keit für die All­ge­mein­heit i.S. des § 66c Abs. 1 Nr. 1b StGB zu min­dern und dem Unter­ge­brach­ten ohne sei­ne Behin­de­rung eine sol­che Arbeits­the­ra­pie ermög­licht wür­de7. Die Arbeits­the­ra­pie dient der Schaf­fung einer Tages­struk­tur sowie der Her­an­füh­rung an eine regel­mä­ßi­ge Erwerbs­ar­beit. Gera­de vor dem Hin­ter­grund, dass nach den Aus­füh­run­gen des frü­he­ren Sach­ver­stän­di­gen Prof. Dr. Kury der Unter­ge­brach­te im Fal­le einer Ent­las­sung dro­he, in eine rand­stän­di­ge, den Zugang zu poten­ti­el­len Opfern aber wahr­schein­lich erleich­tern­de Lebens­si­tua­ti­on zu gera­ten8, erscheint die Hin­füh­rung des Unter­ge­brach­ten zu einer – trotz sei­ner kör­per­li­chen Behin­de­run­gen – ihm mög­li­chen Erwerbs­ar­beit durch­aus ange­zeigt. Ob und in wel­cher Aus­prä­gung dies bereits zum jet­zi­gen Behand­lungs­zeit­punkt der Fall ist, bedarf eben­so wie die Fra­ge, ob die nach über einem Jahr des Voll­zugs der Siche­rungs­ver­wah­rung von der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt erst­mals ange­führ­te und sehr unbe­stimmt gehal­te­ne „geeig­ne­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung” eine ver­gleich­bar geeig­ne­te Behand­lungs­maß­nah­me im Sin­ne des § 66c Abs. 1 Nr. 1 StGB dar­stel­len kann, wei­te­rer Auf­klä­rung.

Die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer hat daher genau­er zu prü­fen, ob – und ggfs. wel­che – arbeits­the­ra­peu­ti­schen oder ver­gleich­ba­ren Maß­nah­men – unter Berück­sich­ti­gung der kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen des Unter­ge­brach­ten – geeig­net sein kön­nen, die vor­ge­nann­ten sich aus § 66c Abs. 1 StGB erge­ben­den Zie­le der Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung zu för­dern und ob – und ggfs. auf wel­che Art und Wei­se – die­se sich in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt umset­zen las­sen. Der ggfs. hier­für erfor­der­li­che Auf­wand, ins­be­son­de­re die fis­ka­li­schen Aspek­te, sind hier­bei mit der Ver­pflich­tung des Staa­tes, alle Mög­lich­kei­ten aus­zu­schöp­fen, um die Gefähr­lich­keit des Ver­ur­teil­ten zu redu­zie­ren9 unter Berück­sich­ti­gung des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots aus Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG abzu­wä­gen. Die Ver­wei­ge­rung jeg­li­cher arbeits­the­ra­peu­ti­scher Maß­nah­men – soweit die­se geeig­net sind, die Zie­le des § 66c Abs. 1 Nr. 1 StGB zu för­dern – allein aus Kos­ten­grün­den wird jedoch dem grund­recht­li­chen Schutz aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG i.V.m. Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG nicht gerecht.

Für die Beur­tei­lung des für den Unter­ge­brach­ten kon­kret mög­li­chen und erfor­der­li­chen Betreu­ungs­an­ge­bots wird auf­grund der Beson­der­hei­ten die­ses Fal­les ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­zu­ho­len sein, um beur­tei­len zu kön­nen, ob und ggfs. wel­che arbeits­the­ra­peu­ti­schen oder ver­gleich­ba­ren Maß­nah­men für den Unter­ge­brach­ten mög­lich und geeig­net sind, die Zie­le des § 66c Abs. 1 Nr. 1 StGB zu för­dern bzw. zu errei­chen10.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 29. Juni 2015 – 2 Ws 118/​15

  1. OLG Ham­burg, NStZ-RR 2014, 260
  2. OLG Ham­burg, NStZ-RR 2014, 260; OLG Nürn­berg, Beschluss vom 10.10.2013 – 1 Ws 361/​13, BeckRS 2013, 18215
  3. BVerfG, Beschluss vom 08.10.1997 – 1 BvR 9/​97, Rn 67, 69; BVerfGE 96, 288; OLG Cel­le, NStZ 2013, 360
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.10.1997 – 1 BvR 9/​97, Rn 72, BVerfGE 96, 288
  5. vgl. Fischer, StGB, 62. Aufl.2015, § 66c StGB, Rn 9
  6. vgl. BVerfG, Urteil vom 04.05.2011 – 2 BvR 2365/​09 u.a., Rn 112f
  7. vgl. OLG Cel­le, NStZ 2013, 360
  8. vgl. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 21.02.2014 – 2 Ws 520/​13
  9. BVerfG, Urteil vom 04.05.2011, 2 BvR 2365/​09 u.a., Rn 112
  10. vgl. Geset­zes­be­grün­dung zur Ände­rung des § 463 Abs. 3 StPO, BT-Drs. 17/​9874; OLG Frank­furt, Beschluss vom 24.05.2012 – 3 Ws 422/​12
  11. vgl. BVerfG, Urteil vom 05.02.2004, BVerfGE 109, 133, 166; sowie Urteil vom 04.05.2011 – 2 BvR 2333/​08