Aus­lie­fe­rung zur Straf­voll­stre­ckung an die Schweiz

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unter­lie­gen die deut­schen Gerich­te bei der Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit einer Aus­lie­fe­rung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Pflicht, zu prü­fen, ob die erbe­te­ne Aus­lie­fe­rung die gemäß Art. 79 Abs. 3 GG in Ver­bin­dung mit Art. 1 und Art.20 Abs. 3 GG unab­ding­ba­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­ze bezie­hungs­wei­se das unab­ding­ba­re Maß an Grund­rechts­schutz ver­letzt 1.

Aus­lie­fe­rung zur Straf­voll­stre­ckung an die Schweiz

Der Schutz eines rechts­staat­li­chen, von der Ach­tung der Wür­de des Men­schen bestimm­ten Kern­be­reichs kann im völ­ker­recht­li­chen Ver­kehr indes nicht iden­tisch sein mit den inner­staat­li­chen Rechts­auf­fas­sun­gen.

Das Grund­ge­setz geht von der Ein­glie­de­rung des von ihm ver­fass­ten Staa­tes in die Völ­ker­rechts­ord­nung der Staa­ten­ge­mein­schaft aus. Es gebie­tet damit, ins­be­son­de­re im Rechts­hil­fe­ver­kehr Struk­tu­ren und Inhal­te frem­der Rechts­ord­nun­gen und ‑anschau­un­gen grund­sätz­lich zu ach­ten 2, auch wenn sie im Ein­zel­nen nicht mit den deut­schen inner­staat­li­chen Auf­fas­sun­gen über­ein­stim­men. Sofern der in gegen­sei­ti­gem Inter­es­se bestehen­de zwi­schen­staat­li­che Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr erhal­ten und auch die außen­po­li­ti­sche Hand­lungs­frei­heit der Bun­des­re­gie­rung unan­ge­tas­tet blei­ben soll, dür­fen deut­sche Gerich­te nur die Ver­let­zung der unab­ding­ba­ren Grund­sät­ze der deut­schen ver­fas­sungs­recht­li­chen Ord­nung als unüber­wind­ba­res Hin­der­nis für eine Aus­lie­fe­rung zugrun­de legen.

Fer­ner sind die deut­schen Gerich­te bei der Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit einer Aus­lie­fe­rung – ins­be­son­de­re im Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr mit Staa­ten, die nicht Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on sind – ver­fas­sungs­recht­lich ver­pflich­tet, zu prü­fen, ob die Aus­lie­fe­rung und die ihr zugrun­de­lie­gen­den Akte den nach Art. 25 GG in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­bind­li­chen völ­ker­recht­li­chen Min­dest­stan­dard wah­ren 3.

Gemäß Art. 25 GG sind bei der Aus­le­gung und Anwen­dung von Vor­schrif­ten des inner­staat­li­chen Rechts die all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts zu beach­ten. Hier­aus folgt ins­be­son­de­re, dass Behör­den und Gerich­te grund­sätz­lich dar­an gehin­dert sind, inner­staat­li­ches Recht in einer Wei­se aus­zu­le­gen und anzu­wen­den, wel­che die all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts ver­letzt. Sie sind auch ver­pflich­tet, alles zu unter­las­sen, was einer unter Ver­stoß gegen all­ge­mei­ne Regeln des Völ­ker­rechts vor­ge­nom­me­nen Hand­lung nicht­deut­scher Hoheits­trä­ger im Gel­tungs­be­reich des Grund­ge­set­zes Wirk­sam­keit ver­schafft, und sind gehin­dert, an einer gegen die all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts ver­sto­ßen­den Hand­lung nicht­deut­scher Hoheits­trä­ger bestim­mend mit­zu­wir­ken 4.

Zur Bin­dung der Gerich­te an Recht und Gesetz (Art.20 Abs. 3 GG) gehört die Berück­sich­ti­gung der Gewähr­leis­tun­gen der EMRK und der Ent­schei­dun­gen des EGMR im Rah­men metho­disch ver­tret­ba­rer Geset­zes­aus­le­gung. Sind für die Beur­tei­lung eines Sach­ver­halts Ent­schei­dun­gen des EGMR ein­schlä­gig, so sind die vom Gerichts­hof in sei­ner Abwä­gung berück­sich­tig­ten Aspek­te auch in die ver­fas­sungs­recht­li­che Wür­di­gung ein­zu­be­zie­hen und es hat eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den vom Gerichts­hof gefun­de­nen Abwä­gungs­er­geb­nis­sen statt­zu­fin­den 5.

Abs. 3 Buch­sta­be d EMRK gewähr­leis­tet unter ande­rem das Kon­fron­ta­ti­ons­recht, also das Recht der Ver­tei­di­gung, Fra­gen an Belas­tungs­zeu­gen zu stel­len oder stel­len zu las­sen. Dem Ange­klag­ten muss dem­nach die effek­ti­ve Mög­lich­keit ver­schafft wer­den, einen Zeu­gen zu befra­gen und sei­ne Glaub­wür­dig­keit und Zuver­läs­sig­keit in Fra­ge zu stel­len 6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Febru­ar 2018 – 2 BvR 107/​18

  1. vgl. BVerfGE 59, 280, 282 f.; 63, 332, 337; 108, 129, 136; 140, 317, 355[]
  2. vgl. BVerfGE 75, 1, 16 f.; 108, 129, 137; 113, 154, 162 f.[]
  3. vgl. BVerfGE 59, 280, 282 f.; 63, 332, 337 f.; 75, 1, 19; 108, 129, 136; 113, 154, 162[]
  4. vgl. BVerfGE 75, 1, 18 f.[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 02.05.2007 – 2 BvR 411/​07 6; und vom 05.07.2006 – 2 BvR 1317/​05 12; vgl. auch BVerfGE 111, 307, 323 f.[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 29.03.2007 – 2 BvR 1880/​06 3[]
  7. vgl. BVerfGE 60, 348, 358; BVerfGK 18, 63, 73[]