Aus­lie­fe­rung zur Straf­voll­stre­ckung – und die Fra­ge der Reso­zia­li­sie­rung

Eine Vor­ab­be­wil­li­gung ist rechts­feh­ler­haft, wenn sich die Gene­ral­staats­an­walt­schaft in ihrer Ent­schlie­ßung, kei­ne Bewil­li­gungs­hin­der­nis­se gel­tend machen zu wol­len, nicht aus­drück­lich damit aus­ein­an­der­setzt, das bei einem mehr als fünf Jah­re andau­ern­den unun­ter­bro­che­nen Auf­ent­halt des Ver­folg­ten im Inland die Annah­me nahe­liegt, dass die­ser so enge Bezie­hun­gen zu Deutsch­land auf­ge­baut hat, dass sei­ne Reso­zia­li­sie­rung durch eine Voll­stre­ckung im Inland bes­ser als durch eine Straf­voll­stre­ckung im Aus­land geför­dert wer­den kann.

Aus­lie­fe­rung zur Straf­voll­stre­ckung – und die Fra­ge der Reso­zia­li­sie­rung

Nach § 79 Abs. 2 Satz 3 IRG obliegt dem Ober­lan­des­ge­richt im Ver­fah­ren nach § 29 IRG die Über­prü­fung der Ent­schei­dung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft nach § 79 Abs. 2 Satz 1 und 2 IRG, kei­ne Bewil­li­gungs­hin­der­nis­se gel­tend machen zu wol­len. Dabei ist auch unter Berück­sich­ti­gung des der Bewil­li­gungs­be­hör­de ein­ge­räum­ten wei­ten Ermes­sens erfor­der­lich, dass die nach § 79 Abs. 2 Satz 2 IRG zu begrün­den­de Vor­ab­ent­schei­dung dem Ober­lan­des­ge­richt die gebo­te­ne Über­prü­fung ermög­licht, ob die Bewil­li­gungs­be­hör­de die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 83b IRG zutref­fend beur­teilt hat und sich bei Vor­lie­gen von Bewil­li­gungs­hin­der­nis­sen des ihr ein­ge­räum­ten Ermes­sens unter Berück­sich­ti­gung aller in Betracht kom­men­der Umstän­de des Ein­zel­fal­les bewusst war. Auch dür­fen in die Ermes­sens­ab­wä­gung kei­ne die Ent­schei­dung maß­geb­lich beein­flus­sen­den unzu­läs­si­gen Erwä­gun­gen ein­ge­stellt, die wesent­li­chen Gesichts­punk­te müs­sen aus­drück­lich bedacht, die in dem Bescheid auf­ge­führ­ten und erkann­ten Gesichts­punk­ten ein­an­der abwä­gend gegen­über­ge­stellt wer­den 1.

Die Gene­ral­staats­an­walt­schaft ist in dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Fall zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass der Ver­folg­te sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land hat, so dass die Bewil­li­gung nach § 83b Abs. 2 lit. b IRG abge­lehnt wer­den kann, wenn sein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an der Straf­voll­stre­ckung im Inland über­wiegt.

Die Voll­stre­ckungs­be­hör­de hat indes ein Über­wie­gen eines schutz­wür­di­gen Inter­es­ses des Ver­folg­ten an einer Straf­voll­stre­ckung im Inland nicht frei von Rechts­feh­lern ver­neint.

Maß­geb­lich für die­se Ent­schei­dung ist, ob durch die Ver­bü­ßung der Stra­fe im Inland die Reso­zia­li­sie­rungs­chan­cen des Ver­folg­ten erhöht wer­den 2. Der hie­si­ge Straf­voll­zug müss­te also der Auf­ga­be, den Ver­ur­teil­ten zu einem künf­ti­gen Leben in sozia­ler Ver­ant­wor­tung ohne Straf­ta­ten zu befä­hi­gen (§ 2 Satz 1 StVoll­zG, § 1 JVoll­z­GB III BW), bes­ser gerecht wer­den als die Straf­voll­stre­ckung im ersu­chen­den Staat. Inso­weit ist über den gewöhn­li­chen Auf­ent­halt des Ver­folg­ten in Deutsch­land hin­aus – auch unter Beach­tung des Gesichts­punk­tes des Schut­zes von Ehe und Fami­lie nach Art. 6 Abs. 1 GG 3 und der Gewähr­leis­tun­gen des Art. 8 Abs. 1 MRK – von Bedeu­tung, in wel­chem Maße die beruf­li­chen, wirt­schaft­li­chen, fami­liä­ren und sozia­len Bezie­hun­gen des Ver­folg­ten im Inland ver­fes­tigt sind. Dabei ist anzu­neh­men, dass im Fal­le einer Voll­stre­ckung im Her­kunfts­staat von vorn­her­ein kei­ne der Reso­zia­li­sie­rung ent­ge­gen­ste­hen­den sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Pro­ble­me bestehen 4. Im All­ge­mei­nen müs­sen des­halb bei dro­hen­der Straf­voll­stre­ckung im Her­kunfts­land die Bin­dun­gen an Deutsch­land von beson­de­rer Aus­prä­gung sein, um ein Bewil­li­gungs­hin­der­nis zu begrün­den 5. Auch ist wie bei jeder Aus­lie­fe­rungs­ent­schei­dung der Grund­satz des § 79 Abs. 1 IRG zu beach­ten, wonach eine zuläs­si­ge Aus­lie­fe­rung nach dem gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len im Regel­fall auch zu bewil­li­gen ist 6.

Die Gene­ral­staats­an­walt­schaft hat bei ihrer Ent­schei­dung nicht alle ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Umstän­de in der gebo­te­nen Wei­se berück­sich­tigt.

Bereits die die Ent­schlie­ßung tra­gen­den Erwä­gun­gen sind recht­lich nicht unbe­denk­lich. Die Beto­nung des Umstan­des, dass der Ver­folg­te die Frei­heits­stra­fe in sei­nem Hei­mat­land ver­bü­ßen soll, womit für ihn weder sprach­li­che noch kul­tu­rel­le Pro­ble­me ver­bun­den sein wer­den, ist aller­dings nicht zu bean­stan­den. Soweit die Gene­ral­staats­an­walt­schaft dane­ben maß­geb­lich dar­auf abstellt, dass der Ver­folg­te sich in Kennt­nis des Straf­ver­fah­rens und der erfolg­ten Ver­ur­tei­lung ent­schlos­sen habe, Polen zu ver­las­sen, und dies die Annah­me begrün­de, er habe sich mit sei­ner Über­sied­lung nach Deutsch­land der Straf­voll­stre­ckung ent­zie­hen wol­len 7, ist dies dage­gen nicht gänz­lich mit dem im Euro­päi­schen Haft­be­fehl mit­ge­teil­ten Umstand ver­ein­bar, dass dem Ver­folg­ten gericht­li­che Ladun­gen und ande­re Schrift­stü­cke, ins­be­son­de­re auch das Urteil, nicht zuge­stellt wer­den konn­ten.

Vor allem aber sind für die Beur­tei­lung bedeut­sa­me Umstän­de nicht in die Abwä­gung mit­ein­be­zo­gen wor­den. So wird in der Ent­schlie­ßung zwar die Ein­las­sung des Ver­folg­ten wie­der­ge­ge­ben, sich seit sechs oder sie­ben Jah­ren in Deutsch­land auf­zu­hal­ten, ohne dass sich die Gene­ral­staats­an­walt­schaft aber damit aus­ein­an­der­setzt, das bei einem mehr als fünf Jah­re andau­ern­den unun­ter­bro­che­nen Auf­ent­halt im Inland die Annah­me nahe­liegt, dass der Ver­folg­te so enge Bezie­hun­gen zu Deutsch­land auf­ge­baut hat, dass sei­ne Reso­zia­li­sie­rung durch eine Voll­stre­ckung im Inland bes­ser geför­dert wer­den kann 8. Ob die unge­nü­gen­de Beherr­schung der deut­schen Spra­che und der Umstand, dass der Ver­folg­te nach dem Akten­in­halt nur kurz­zei­tig in Deutsch­land in einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis gestan­den hat, aus­rei­chen, die indi­zi­el­le Wir­kung der Auf­ent­halts­dau­er zu ent­kräf­ten 9, ver­mag das Ober­lan­des­ge­richt nicht abschlie­ßend zu ent­schei­den, nach­dem sich das Gewicht sei­ner Bin­dun­gen zu ande­ren Per­so­nen in Deutsch­land anhand des Akten­in­halts nicht zuver­läs­sig beur­tei­len lässt. Inso­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ver­folg­te nicht nur unter der glei­chen Anschrift wie sei­ne Mut­ter wohnt, son­dern auch – was sich aus sei­ner Anhö­rung ergibt, in der Ent­schlie­ßung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft aber kei­ne Berück­sich­ti­gung gefun­den hat – eine Lebens­ge­fähr­tin in Deutsch­land hat.

Da eine rechts­feh­ler­freie Vor­ab­ent­schei­dung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft nach § 79 Abs. 2 Satz 1 IRG noch aus­steht, war die Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung zurück­zu­stel­len 10.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 8. Janu­ar 2015 – 1 AK 119/​14

  1. OLG Karls­ru­he NJW 2007, 617; NStZ-RR 2008, 376; vgl. auch KG NJW 2006, 3507; OLG Stutt­gart NJW 2007, 1702; OLG Hamm NStZ-RR 2010, 209[]
  2. vgl. EuGH, Urteil vom 17.07.2008, – C‑66/​08 – Kozlow­ski; Ober­lan­des­ge­richt NStZ-RR 2009, 107 und 2011, 145; KG NJW 2010, 3177[]
  3. vgl. OLG Karls­ru­he NJW 2007, 2567, 2569[]
  4. vgl. OLG Karls­ru­he, a.a.O.; KG a.a.O.; OLG Cel­le StV 2013, 315[]
  5. vgl. KG a.a.O.; Schmidt Stra­Fo 2007, 7, 10[]
  6. vgl. BT-Drs. 16/​1024, 13[]
  7. vgl. dazu OLG Karls­ru­he NStZ-RR 2009, 107, 108; Beschluss vom 16.12.2008 – 1 AK 67/​08; OLG Cel­le StV 2013, 315, OLG Ham­burg NStZ 2009, 460[]
  8. vgl. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 25.02.2014 – 1 AK 6/​14; EuGH, Urteil vom 05.09.2012, C – 42/​11 – Lopes da Sil­va Jor­ge; Urteil vom 06.10.2009, C ‑123/​08 – Wol­zen­burg, sowie Art. 4 Nr. 6 des Rah­men­be­schlus­ses 2008/​909/​JT vom 27.11.2008[]
  9. vgl. dazu OLG Karls­ru­he NStZ-RR 2009, 107, 108[]
  10. vgl. OLG Karls­ru­he NJW 2007, 2567; KG NJW 2006, 3507, 3509[]