Bam­ber­ger Haft­be­din­gun­gen – und die Fra­ge der Zel­len­grö­ße

Im Ein­klang mit der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung ist die Fra­ge nach der Men­schen­wür­dig­keit der Unter­brin­gung von Straf­ge­fan­ge­nen von einer Gesamt­schau der tat­säch­li­chen, die Haft­si­tua­ti­on bestim­men­den Umstän­de abhängt, wobei als Fak­to­ren in räum­li­cher Hin­sicht in ers­ter Linie die Boden­flä­che pro Gefan­ge­nen und die Situa­ti­on der sani­tä­ren Anla­gen, nament­lich die Abtren­nung und Belüf­tung der Toi­let­te, zu beach­ten sind 1 und als die Haft­si­tua­ti­on mil­dern­de oder ver­schär­fen­de Merk­ma­le der Umfang der täg­li­chen Ein­schluss­zei­ten und die Beleg­dich­te des Haft­raums Berück­sich­ti­gung fin­den.

Bam­ber­ger Haft­be­din­gun­gen – und die Fra­ge der Zel­len­grö­ße

Die Fra­ge, wie die­se Fak­to­ren zu bewer­ten sind und ins­be­son­de­re, ob oder unter wel­chen Bedin­gun­gen – wie es die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen für aus­rei­chend hal­ten – auch eine antei­li­ge Grund­flä­che von unter 6 m² pro Gefan­ge­nen den Anfor­de­run­gen der Men­schen­wür­de­ga­ran­tie genü­gen kann, ist in der Recht­spre­chung nicht geklärt.

Aller­dings lässt sich die Fra­ge, wann die räum­li­chen Ver­hält­nis­se in einer Haft­an­stalt der­art beengt sind, dass die Unter­brin­gung eines Gefan­ge­nen des­sen Men­schen­wür­de ver­letzt, nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht abs­trakt-gene­rell klä­ren, son­dern muss der tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lung über­las­sen blei­ben 2. Danach kann es die Klä­rung eines ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Raum­min­dest­solls im Sin­ne sche­ma­tisch fest­ge­leg­ter all­ge­mei­ner Maß­zah­len nicht geben 3. Dies stellt jedoch nicht in Fra­ge, dass es für die Anfor­de­run­gen an men­schen­wür­di­ge Haft­be­din­gun­gen der Her­aus­bil­dung auch über­grei­fen­der Grund­sät­ze und Unter­schei­dungs­merk­ma­le bedarf, die sowohl den Betrof­fe­nen als auch den Behör­den Kri­te­ri­en an die Hand geben, die die Beur­tei­lung der Men­schen­wür­dig­keit der Unter­brin­gung hin­rei­chend vor­her­seh­bar machen.

Die­se Anfor­de­run­gen sind zur­zeit nicht geklärt und wer­den von den Gerich­ten ver­schie­den beur­teilt.

So setzt die ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung bei mehr­fach beleg­ten Haft­räu­men zum Teil Regel­wer­te von 6 m², zum Teil auch von 7 m² Boden­flä­che pro Gefan­ge­nen an. Deren Unter­schrei­tung wird zum Teil als Men­schen­wür­de­ver­let­zung beur­teilt, wenn zugleich die Toi­let­te nicht abge­trennt bezie­hungs­wei­se nicht geson­dert ent­lüf­tet ist 4. In ande­ren Fäl­len haben Fach­ge­rich­te eine Ver­let­zung der Men­schen­wür­de unab­hän­gig hier­von allein wegen der Unter­schrei­tung eines gewis­sen Boden­flä­chen­ma­ßes bejaht, da die räum­li­che Enge eine Bewe­gung und Ent­fal­tung der Gefan­ge­nen nicht erlau­be 5. Die Ober­lan­des­ge­rich­te Hamm und Düs­sel­dorf set­zen einen fixen Schwel­len­wert von 5 m² Grund­flä­che pro Gefan­ge­nen an, des­sen Unter­schrei­tung unge­ach­tet ande­rer Para­me­ter eine Men­schen­wür­de­ver­let­zung bedin­ge 6. Bezüg­lich der Unter­brin­gung in einem Ein­zel­haft­raum hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Lan­des Ber­lin eine län­ge­re Unter­brin­gung in einem 5, 25 m² mes­sen­den Ein­zel­haft­raum ohne abge­trenn­te Toi­let­te für men­schen­wür­de­wid­rig befun­den und das Haupt­au­gen­merk auf die beeng­te Haft­si­tua­ti­on gelegt 7. Ange­sichts der Recht­spre­chung 8 kann nicht als geklärt gel­ten, dass und unter wel­chen Umstän­den eine Haft­raum­flä­che wie hier von weni­ger als 6 m² den Erfor­der­nis­sen der Men­schen­wür­de­ga­ran­tie des gemein­schaft­lich unter­ge­brach­ten Unter­su­chungs­ge­fan­ge­nen ent­spricht.

Indem das Land­ge­richt Bam­berg 9 und das Ober­lan­des­ge­richt Bam­berg 10 der beab­sich­tig­ten Amts­haf­tungs­kla­ge unge­ach­tet die­ser unge­klär­ten Rechts­fra­ge die Erfolgs­aus­sicht von vorn­her­ein abge­spro­chen und Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­wei­gert haben, haben sie den Anspruch des Unter­su­chungs­häft­lingss auf Rechts­schutz­gleich­heit ver­letzt. Die für die Beur­tei­lung des Begeh­rens des Unter­su­chungs­häft­lingss maß­geb­li­chen Rechts­fra­gen durf­ten nicht in das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren vor­ver­la­gert wer­den, son­dern bedür­fen einer Ent­schei­dung in einem Haupt­sa­che­ver­fah­ren, die es dem Unter­su­chungs­häft­lings auch ermög­licht, die­se gege­be­nen­falls einer höchst­rich­ter­li­chen Klä­rung zuzu­füh­ren.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 13. Juli 2016 – 1 BvR 183/​12

  1. vgl. nur BVerfG, Beschluss vom 14.07.2015 – 1 BvR 1127/​14, NJW 2016, S. 389, 390; Beschluss vom 22.03.2016 – 2 BvR 566/​15[]
  2. bei­spiel­haft BGH, Urteil vom 04.07.2013 – III ZR 342/​12, BGHZ 198, 1[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 11.03.2010 – III ZR 124/​09, NJW-RR 2010, S. 1465[]
  4. vgl. OLG Frank­furt am Main, Beschluss vom 18.07.2003 – 3 Ws 578/​03, NJW 2003, S. 2843, 2845; OLG Ham­burg, Urteil vom 14.01.2005 – 1 U 43/​04 42; OLG Koblenz, Urteil vom 15.03.2006 – 1 U 1286/​05 11 ff.[]
  5. so OLG Frank­furt am Main, Beschluss vom 21.02.2005 – 3 Ws 1342 – 1343/​04 [StVollz] u.a., NStZ-RR 2005, S. 155, 156: Men­schen­wür­de­ver­let­zung bei 3, 85 m² pro Gefan­ge­nen in Mehr­fach­be­le­gung bei abge­trenn­ter Toi­let­te; Schles­wig-Hol­stei­ni­sches OLG, Urteil vom 19.06.2008 – 11 U 24/​07 26: 3, 75 m² pro Gefan­ge­nen bei hin­zu­kom­men­der Erschwer­nis der nicht abge­trenn­ten Toi­let­te[]
  6. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 16.11.2011 – I-18 W 31/​11, 18 W 31/​11, juris; OLG Hamm, Urteil vom 29.09.2010 – 11 U 88/​08, I-11 U 88/​08, juris; Urteil vom 18.03.2009 – 11 U 88/​08, juris; Beschluss vom 25.03.2009 – 11 W 106/​08, NStZ-RR 2009, S. 326[]
  7. vgl. Berl­VerfGH, Beschluss vom 03.11.2009 – VerfGH 184/​07, LKV 2010, S. 26[]
  8. wei­te­re Nach­wei­se in BVerfGK 12, 417, 420 f. sowie BGHZ 198, 1, 4 ff.[]
  9. LG Bam­berg, Beschluss vom 16.08.2011 – 1 O 258/​11[]
  10. OLG Bam­berg, Beschluss vom 20.12 2011 – 4 W 104/​11[]