Kein Com­pu­ter­zu­gang für Straf­ge­fan­ge­ne

Die Ver­nei­nung des Anspruchs eines Straf­ge­fan­ge­nen auf Besitz eines Lap­tops nebst Dru­ckers bezie­hungs­wei­se hilfs­wei­se auf Nut­zung von Com­pu­tern der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt zum Ver­fas­sen von Schrift­sät­zen ist nach den gel­ten­den Maß­stä­ben für die Über­prü­fung fach­ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen 1 ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Kein Com­pu­ter­zu­gang für Straf­ge­fan­ge­ne

Das Recht eines Gefan­ge­nen im (hier: baye­ri­schen) Straf­voll­zug, in ange­mes­se­nem Umfang Bücher und ande­re Gegen­stän­de zur Fort­bil­dung oder zur Frei­zeit­be­schäf­ti­gung zu besit­zen, unter­liegt gesetz­li­chen Ein­schrän­kun­gen. Nach Art. 72 Abs. 2 Nr. 2 BaySt­Voll­zG besteht die­ses Recht unter ande­rem dann nicht, wenn der Besitz, die Über­las­sung oder die Benut­zung des Gegen­stands die Sicher­heit oder Ord­nung der Anstalt gefähr­den wür­de. Das Vor­lie­gen einer sol­chen Gefähr­dung kann ohne Ver­fas­sungs­ver­stoß allein auf­grund der grund­sätz­lich gege­be­nen Eig­nung eines Gegen­stan­des für sicher­heits- oder ord­nungs­ge­fähr­den­de Ver­wen­dun­gen bejaht wer­den, sofern der­ar­ti­ge Ver­wen­dun­gen nur mit einem von der Anstalt nicht erwart­ba­ren Kon­troll­auf­wand aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen 2. Auf die Fra­ge, ob ein Lap­top als elek­tro­ni­sches Unter­hal­tungs­me­di­um im Sin­ne von Art. 72 Abs. 2 Nr. 2 Halb­satz 2 BaySt­Voll­zG anzu­se­hen ist, kommt es dabei nicht an. Lässt sich der erfor­der­li­che Kon­troll­auf­wand durch tech­ni­sche Vor­keh­run­gen, wie zum Bei­spiel eine Ver­plom­bung, auf ein leist­ba­res Maß redu­zie­ren, so dass dem Gefan­ge­nen der Besitz des betref­fen­den Gegen­stan­des ohne Gefahr für Sicher­heit oder Ord­nung der Anstalt ermög­licht wer­den kann, gebie­tet es der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, die­se Mög­lich­keit zu nut­zen. Dar­über hin­aus kön­nen beson­de­re Grün­de in der Per­son des Gefan­ge­nen sei­nem Inter­es­se am Besitz eines bestimm­ten Gegen­stan­des ein erhöh­tes Gewicht ver­schaf­fen, das nach dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit etwa bei der Bestim­mung des für die Anstalt zumut­ba­ren Kon­troll­auf­wands zu berück­sich­ti­gen ist 2.

Es bestehen für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die­se ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be im vor­lie­gen­den Fall ver­fehlt wor­den wären.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Regens­burg 3 hat sich mit der Fra­ge der Eig­nung des begehr­ten Lap­tops, aber auch einer pri­va­ten Nut­zung von Com­pu­tern der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt für sicher­heits- oder ord­nungs­ge­fähr­den­de Ver­wen­dun­gen unter Ein­be­zie­hung der oben genann­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be kon­kret aus­ein­an­der­ge­setzt und die­se im Ergeb­nis bejaht, weil in den Daten­spei­cher des Com­pu­ters Text­in­hal­te (z.B. Erkennt­nis­se über Flucht­we­ge, ver­bo­te­ne Außen­kon­tak­te, Auf­stel­lun­gen über die Abga­be von Betäu­bungs­mit­teln an Mit­ge­fan­ge­ne und ande­re ver­bo­te­ne Bezie­hun­gen zwi­schen den Gefan­ge­nen) ein­ge­ge­ben und – im Fal­le der pri­va­ten Nut­zung von Anstalts­com­pu­tern wie auch bei der Gewäh­rung eines pri­va­ten Lap­tops – uner­laubt und unkon­trol­liert aus­ge­tauscht wer­den kön­nen. Die­se gene­rel­le Eig­nungs­be­ur­tei­lung lässt Anhalts­punk­te für Will­kür nicht erken­nen 4.

Der vom Straf­ge­fan­ge­nen erho­be­ne Ein­wand, die Spei­cher­ka­pa­zi­tät eines Lap­tops müs­se außer Betracht blei­ben, weil er Sach­ver­hal­te der Kennt­nis der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt auch dadurch ent­zie­hen kön­ne, dass er sich die­se schlicht mer­ke, ver­fängt nicht. Das Land­ge­richt hat nicht auf die Spei­cher­ka­pa­zi­tät von Com­pu­tern als sol­che, son­dern auf die erwei­ter­ten Mög­lich­kei­ten der Infor­ma­ti­ons­spei­che­rung, die mit der Ver­fü­gung über einen Com­pu­ter ver­bun­den sind, abge­stellt. Die­se begrün­den zusätz­li­che Mög­lich­kei­ten eines sicher­heits­ge­fähr­den­den Miss­brauchs 5.

Hin­sicht­lich der Fra­ge, ob den fest­ge­stell­ten, durch Ver­plom­bung oder Ein­hau­sung nicht aus­schließ­ba­ren, erheb­li­chen Sicher­heits­ge­fah­ren mit Kon­trol­len sei­tens der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt aus­rei­chend begeg­net wer­den kann, ist das Land­ge­richt zu der Ein­schät­zung gelangt, dass eine Ent­kräf­tung der Sicher­heits­be­den­ken durch Kon­trol­len wegen des damit ver­bun­de­nen erheb­li­chen zusätz­li­chen zeit­li­chen Auf­wan­des aus­schei­de. Dass das Gericht dabei auf eine gene­ra­li­sie­ren­de Betrach­tungs­wei­se abge­stellt hat, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den 6. Eben­so begeg­net es kei­nen Beden­ken, dass das Land­ge­richt, der Ver­sa­gungs­ent­schei­dung der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt fol­gend, dar­auf abge­stellt hat, dass Maß­nah­men, mit denen eine aus­rei­chen­de Kon­trol­lier­bar­keit sicher­ge­stellt wer­den kann, auch bei glei­cher Hand­ha­bung ver­gleich­ba­rer ande­rer Fäl­le umsetz­bar sein müs­sen 7. Dass das Gericht die­se Fra­ge der Sache nach ver­neint hat, ist nach­voll­zieh­bar.

Das vom Straf­ge­fan­ge­nen gel­tend gemach­te Inter­es­se, einen Lap­top zwecks Anfer­ti­gung und Spei­che­rung von Schrift­sät­zen an Behör­den und Gerich­te zu nut­zen, um ihn in die Lage zu ver­set­zen, eine Viel­zahl auch kom­ple­xer Ver­fah­ren zur Wah­rung sei­ner Rech­te zu füh­ren, hat zwar grund­sätz­lich Gewicht. Es ist aber kein sei­nem Gewicht nach so außer­ge­wöhn­li­ches Inter­es­se, dass allein auf die iso­lier­te Mög­lich­keit gefah­ren­ab­weh­ren­der Kon­trol­len in sei­nem kon­kre­ten Fall abge­stellt wer­den müss­te. Zudem ist weder dar­ge­tan noch ersicht­lich, dass dem Straf­ge­fan­ge­nen ohne den Besitz des Lap­tops der Zugang zu Gerich­ten unzu­mut­bar erschwert wäre. Die ein­schrän­ken­den Fak­to­ren, die der Straf­ge­fan­ge­ne benennt, etwa die Not­wen­dig­keit, um 20 Uhr mit dem Anfer­ti­gen von Schrift­sät­zen auf­zu­hö­ren, weil sei­ne Schreib­ma­schi­ne ande­re Gefan­ge­ne stö­re, erschei­nen viel­mehr zumut­bar. Hin­sicht­lich wei­te­rer gel­tend gemach­ter Beschrän­kun­gen, etwa der vor­ge­tra­ge­nen Not­wen­dig­keit, ange­grif­fe­ne Ent­schei­dun­gen stets hän­disch auf der mecha­ni­schen Schreib­ma­schi­ne abzu­tip­pen oder Mehr­fach­fer­ti­gun­gen von Schrift­sät­zen zu erstel­len, ist nicht ersicht­lich, war­um der Straf­ge­fan­ge­ne die Mög­lich­keit der Anfer­ti­gung von Kopi­en, auf die die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt in ihrer Stel­lung­nah­me vom 03.01.2018 expli­zit hin­ge­wie­sen hat, nicht als gang­ba­re Lösung ansieht. Eben­so hat er nicht nach­voll­zieh­bar dar­ge­tan, war­um er die von der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt in Aus­sicht gestell­te Mög­lich­keit, den Besitz einer elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne zu gewäh­ren, mit der wenigs­tens eine gewis­se Erleich­te­rung ein­trä­te, ablehnt.

Schließ­lich folgt aus dem in der Ver­fas­sungs­be­schwer­de und im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gel­tend gemach­ten Grund­satz der Waf­fen­gleich­heit in gericht­li­chen Ver­fah­ren nicht das Recht auf eine gleich­wer­ti­ge tech­ni­sche Aus­stat­tung oder auf den Zugang zu einem Com­pu­ter 8.

Der gene­rel­le Vor­trag des Straf­ge­fan­ge­nen, dass ange­sichts des prä­gen­den Cha­rak­ters, den die elek­tro­ni­sche Daten­ver­ar­bei­tung im moder­nen gesell­schaft­li­chen Leben hat, aus dem Anglei­chungs­grund­satz, aber auch aus Reso­zia­li­sie­rungs­ge­sichts­punk­ten ein erheb­li­ches (und ste­tig stei­gen­des) Inter­es­se an einem Zugang von Straf­ge­fan­ge­nen zu Com­pu­tern besteht, ist zwar beden­kens­wert. Die­se Gesichts­punk­te sind aber für sich genom­men nicht geeig­net, unter Aus­klam­me­rung legi­ti­mer Sicher­heits­be­den­ken einen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch auf den Zugang zu neu­en Medi­en im Straf­voll­zug zu ver­mit­teln.

Etwas Ande­res folgt auch nicht aus der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR). Zwar hat die­ser in Fäl­len, die den Inter­net­zu­gang für Straf­ge­fan­ge­ne betra­fen, die gestei­ger­te Bedeu­tung der neu­en Medi­en im heu­ti­gen All­tag betont 9. Eine grund­sätz­li­che Ver­pflich­tung der Ver­trags­staa­ten, einen Zugang zu die­sen zu ermög­li­chen, hat er der – im vor­lie­gen­den Fall ohne­hin nicht ein­schlä­gi­gen – Infor­ma­ti­ons­frei­heit nach Art. 10 Abs. 1 Satz 2 EMRK indes nicht ent­nom­men 10.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 27. März 2019 – 2 BvR 2268/​18

  1. vgl. BVerfGE 18, 85, 92 f.[]
  2. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 31.03.2003 – 2 BvR 1848/​02 4; und vom 12.06.2002 – 2 BvR 697/​02 2, jeweils m.w.N.[][]
  3. LG Regens­burg, Beschluss vom 09.04.2018 – SR StVK 956/​17; vgl. auch OLG Nürn­berg, Beschluss vom 21.09.2018 – 1 Ws 173/​18[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 31.03.2003 – 2 BvR 1848/​02 5[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 31.03.2003 – 2 BvR 1848/​02 6[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 31.03.2003 – 2 BvR 1848/​02 10[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 31.03.2003 – 2 BvR 1848/​02 11[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 12.06.2002 – 2 BvR 697/​02 6[]
  9. sie­he EGMR, Kal­da v. Esto­nia, Urteil vom 19.01.2016, Nr. 17429/​10, § 52, und Jan­kovskis v. Lit­hua­nia, Urteil vom 17.01.2017, Nr. 21575/​08, § 54 und § 62[]
  10. vgl. EGMR, Kal­da v. Esto­nia, Urteil vom 19.01.2016, Nr. 17429/​10, § 45, und Jan­kovskis v. Lit­hua­nia, Urteil vom 17.01.2017, Nr. 21575/​08, § 55[]