Rest­straf­aus­set­zung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe zur Bewäh­rung – und das kri­mi­nal­pro­gnos­ti­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Die Vor­schrift des § 454 Abs. 2 Nr. 1 StPO schreibt die Ein­ho­lung eines kri­mi­nal­pro­gnos­ti­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens vor, wenn das Gericht "erwägt", die Voll­stre­ckung des Res­tes einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe aus­zu­set­zen. Im Hin­blick auf das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot best­mög­li­cher Sach­auf­klä­rung kommt die Ver­nei­nung eines sol­chen "Erwä­gens" regel­mä­ßig nur dann in Betracht kom­men kann, wenn die Mög­lich­keit der Aus­set­zung der Voll­stre­ckung völ­lig fern­lie­gend und als ernst­haf­te Alter­na­ti­ve zur Fort­dau­er der Straf­haft von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen erscheint.

Rest­straf­aus­set­zung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe zur Bewäh­rung – und das kri­mi­nal­pro­gnos­ti­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Ein zur Fra­ge der Straf­aus­set­zung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe zur Bewäh­rung ein­ge­hol­tes psych­ia­tri­schen oder psy­cho­lo­gi­sches Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten erfüllt nicht die Min­dest­an­for­de­run­gen an die Erstel­lung einer sol­chen Begut­ach­tung [1], wenn es sich nicht zur Fra­ge ver­hält, ob eine ggf. vor­lie­gen­de Per­sön­lich­keits­stö­rung oder ‑auf­fäl­lig­keit die Gefahr der Bege­hung von Gewalt­de­lik­ten oder ähn­li­chen schwer­wie­gen­de Straf­ta­ten begrün­det.

Eine Ent­schei­dung über die Aus­set­zung der rest­li­chen Straf­voll­stre­ckung der lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe zur Bewäh­rung ist ohne Ein­ho­lung eines kri­mi­nal­pro­gnos­ti­schen Gut­ach­tens eines foren­sisch-psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen nicht mög­lich, § 454 Abs. 2 StPO. Ein sol­ches Gut­ach­ten ist im Rah­men der umfas­sen­den Sach­ver­halts­auf­klä­rungs­ver­pflich­tung der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer erfor­der­lich, um eine hin­rei­chen­de Ent­schei­dungs­grund­la­ge für die zu tref­fen­de Pro­gno­se nach § 57 a Abs. 1 i.V.m. § 57 Abs. 1 Nr. 2 StGB zu erhal­ten [2].

§ 454 Abs. 2 Nr. 1 StPO schreibt die Ein­ho­lung eines kri­mi­nal­pro­gnos­ti­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens vor, wenn das Gericht "erwägt", die Voll­stre­ckung des Res­tes einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe aus­zu­set­zen, wobei im Hin­blick auf das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot best­mög­li­cher Sach­auf­klä­rung die Ver­nei­nung eines sol­chen "Erwä­gens" regel­mä­ßig nur dann in Betracht kom­men kann, wenn die Mög­lich­keit der Aus­set­zung der Voll­stre­ckung völ­lig fern­lie­gend und als ernst­haf­te Alter­na­ti­ve zur Fort­dau­er der Straf­haft von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen erscheint [3]. Vor­lie­gend erscheint es weder völ­lig fern­lie­gend noch von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, dass eine Straf­rest­aus­set­zung in Betracht gezo­gen wer­den kann, nach­dem der Ver­ur­teil­te wäh­rend der bei­na­he vier Jah­re andau­ern­den Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung zwar durch wie­der­hol­ten Alko­hol­kon­sum, jedoch durch kei­ne wei­te­ren Straf­ta­ten auf­ge­fal­len ist. Es ist daher nicht von vorn­her­ein anzu­neh­men, dass – trotz Alko­hol­ab­hän­gig­keits­syn­drom – die Gefahr der Bege­hung von Gewalt­de­lik­ten oder ähn­li­chen schwer­wie­gen­den Straf­ta­ten nahe­lie­gen muss [4].

Obwohl bei die­ser Sach­la­ge hin­rei­chen­de Anhalt­punk­te dafür gege­ben sind, dass eine erneu­te Aus­set­zung der lebens­lan­gen Frei­heits­tra­fe – gege­be­nen­falls unter Auf­la­gen und Wei­sun­gen – eine durch­aus rea­lis­ti­sche und jeden­falls nicht von vorn­her­ein aus­zu­schlie­ßen­de Mög­lich­keit dar­stellt, hat die Straf­voll­stre­ckungs-kam­mer A. dies nicht – jeden­falls nicht erkenn­bar – in ihre Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen und ver­kannt, dass es vor­lie­gend einer Gut­ach­ten­er­stat­tung nach § 454 Abs. 2 StPO und nach Sach­la­ge der münd­li­chen Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen bedarf [5]. Auch die Fra­ge, ob das gemäß Beschluss des Land­ge­richts Z. vom 20.10.2014 aus­drück­lich nur zur Fra­ge erfor­der­li­cher Bewäh­rungs­auf­sichts-maß­nah­men ein­ge­hol­te Gut­ach­ten des Dr. I. vom 13.11.2014 Grund­la­ge einer Ent­schei­dung über den Aus­set­zungs­an­trag des Ver­ur­teil­ten vom 03.06.2015 sein kann, ist im Beschluss nicht ange­spro­chen [6].

Die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer Karls­ru­he stützt ihre die Aus­set­zung der Voll­stre­ckung ableh­nen­de Ent­schei­dung viel­mehr maß­geb­lich auf die Wider­rufs­ent­schei­dung des Land­ge­richts Z. vom 03.02.2015 und die Ent­schei­dung des OLG K. vom 18.02.2015, mit der die sofor­ti­ge Beschwer­de ver­wor­fen wur­de. Dabei geht sie in Über­ein­stim­mung mit die­sen Ent­schei­dun­gen ohne eige­ne nähe­re und ver­tie­fen­de Begrün­dung davon aus, dass im Hin­blick auf die nicht aus­rei­chend behan­del­te Alko­hol­pro­ble­ma­tik im Zusam­men­hang mit der vor­han­de­nen Per­sön­lich­keits­stö­rung die Gefahr erneu­ter schwe­rer bis schwers­ter Straf­ta­ten begrün­det und die Kri­mi­nal­pro­gno­se als nega­tiv zu bewer­ten sei, solan­ge der Ver­ur­teil­te sei­ne Alko­hol­ab­hän­gig­keit und vor allem die Ursa­chen des Alko­hol­rück­falls nicht nach­hal­tig the­ra­peu­tisch auf­ge­ar­bei­tet habe.

Die Aus­set­zung der Voll­stre­ckung des Straf­res­tes zur Bewäh­rung konn­te die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer jedoch nur dann ohne Ein­ho­lung eines neu­en Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens ableh­nen, wenn das Ende 2014 erstat­te­te Gut­ach­ten des Dr. I. einer­seits den Anfor­de­run­gen genüg­te, wel­che an ein psych­ia­tri­sches Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten im Rah­men des § 454 Abs. 2 Nr. 1 StPO zu stel­len sind, d.h. es eine zurei­chen­de Grund­la­ge für die zu tref­fen­de qua­li­fi­zier­te Pro­gno­se­ent­schei­dung dar­stell­te, und ande­rer­seits die­ses Gut­ach­ten wegen der seit­her ver­stri­che­nen Zeit noch eine ver­läss­li­che Ent­schei­dungs­grund­la­ge bie­ten könn­te und ins­be­son­de­re kei­ne neu­en Umstän­de her­vor­ge­tre­ten sind, die grund­sätz­lich geeig­net sein könn­ten, die Leg­al­pro­gno­se für den Ver­ur­teil­ten posi­tiv zu beein­flus­sen [7].

Das gemäß Beschluss des Land­ge­richts Z. vom 20.10.2014 aus­drück­lich zur Fra­ge erfor­der­li­cher Maß­nah­men im Rah­men der Bewäh­rungs­auf­sicht ein­ge­hol­te Gut­ach­ten des Dr. I. vom 13.11.2014 genügt bereits nicht den beson­de­ren Anfor­de­run­gen, wel­che an ein psych­ia­tri­sches Sach­ver­stän­di­gen-gut­ach­ten im Rah­men der zu tref­fen­den Pro­gno­se­ent­schei­dung nach §§ 57, 57a StGB zu stel­len sind [8]. Das Gut­ach­ten ent­hält kei­ne qua­li­fi­zier­te Pro­gno­se im Hin­blick auf das im Fal­le einer Frei­las­sung des Ver­ur­teil­ten gefähr­de­te Rechts­gut. Es ver­hält sich ins­be­son­de­re nicht aus­drück­lich zu der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge, ob die bei dem Ver­ur­teil­ten dia­gnos­ti­zier­te kom­bi­nier­te Per­sön­lich­keits­stö­rung in Ver­bin­dung mit der Such­ter­kran­kung die Gefahr der künf­ti­gen Bege­hung von Gewalt­de­lik­ten oder ähn­lich schwer­wie­gen­der Straf­ta­ten begrün­det [9].

Die damit erfolg­te Ver­sa­gung einer Straf­rest­aus­set­zung ohne Ein­ho­lung des gemäß § 454 Abs. 2 StPO erfor­der­li­chen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens stellt einen erheb­li­chen Ver­fah­rens­feh­ler dar, der zur Auf­he­bung der Ent­schei­dung und Zurück­ver­wei­sung der Sache an die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer A. zur neu­en Behand­lung und Ent­schei­dung, auch über die Kos­ten des Beschwer­de­ver­fah­rens, nötigt. Eine eige­ne Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he (§ 309 Abs. 2 StPO) schei­det wegen der umfas­sen­den Auf­klä­rungs­pflicht der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer und des im Ver­fah­ren grund­sätz­lich und regel­mä­ßig münd­lich anzu­hö­ren­den (§ 454 Abs. 2 Satz 3 und Satz 4 StPO) Sach­ver­stän­di­gen aus [10].

Inso­weit wird es nun­mehr gebo­ten sein, einen psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen mit der Erstel­lung einer kri­mi­nal­pro­gnos­ti­schen Exper­ti­se gemäß § 454 Abs. 2 StPO zu beauf­tra­gen. Um der Gefahr von repe­ti­ti­ver Rou­ti­ne­be­gut­ach­tung zu begeg­nen, kann es aus Sicht des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he ange­zeigt sein, einen Sach­ver­stän­di­gen hin­zu­zu­zie­hen, der im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren noch nicht mit der Unter­su­chung des Ver­ur­teil­ten befasst war [11]. In einem sol­chen Gut­ach­ten wird der Sach­ver­stän­di­ge unter Anle­gung des beson­de­ren Pro­gno­se­maß­sta­bes aus §§ 57, 57a StGB [12] nicht nur sei­ne kri­mi­nal­pro­gnos­ti­sche Ein­schät­zung zu der Fra­ge dar­zu­le­gen haben, ob über­haupt, son­dern auch – falls erfor­der­lich – unter wel­chen Bedin­gun­gen eine beding­te Ent­las­sung unter Berück­sich­ti­gung der Sicher­heits­in­ter­es­sen der All­ge­mein­heit ver­ant­wor­tet wer­den kann bzw. wel­che Behand­lungs­mög­lich­kei­ten bestehen.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 7. April 2016 – 1 Ws 13/​16 L

  1. vgl. Boetti­cher u.a. NStZ 2006, 537[]
  2. OLG Dres­den NJW 2009, 3315 m.w.N.; BVerfG NJW 2007, 1933 m.w.N.[]
  3. OLG Dres­den a.a.O.; Thü­rin­ger OLG StV 2001, 26; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt StPO 58. Aufl. § 454 Rn. 37 m.w.N.[]
  4. vgl. BVerfG NJW 2007, 1933; KG NStZ-RR 1997, 382; NStZ 2004, 157; OLG Nürn­berg StV 2000, 266; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 20.05.2015 – 1 Ws 213/​14; Hub­rach in StGB Leip­zi­ger Kom­men­tar, 12. Aufl.2007, § 57a Rn. 48 m.w.N.[]
  5. Thü­rin­ger OLG a.a.O.[]
  6. Appl in KK StPO, 7. Aufl.2013, § 454 Rn. 12a m.w.N.[]
  7. Thü­rin­ger OLG a.a.O.; BGH NStZ-RR 2012, 8; Appl in KK StPO a.a.O. § 454 Rn. 12a m.w.N.[]
  8. vgl. BVerfG NJW 2004, 739; Boetti­cher u.a. Min­dest­an­for­de­run­gen an Pro­gno­se­gut­ach­ten NStZ 2006, 537[]
  9. BVerfG NJW 2007, 1933; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 18.09.2009, 1 Ws 137/​09; Beschluss vom 20.05.2015, 1 Ws 213/​14; KG NStZ-RR 1997, 382; NStZ 2004, 157; OLG Nürn­berg StV 2000, 266[]
  10. OLG Karls­ru­he, StV 1999, 384; NStZ 2011, 92; OLG Dres­den a.a.O.; OLG Cel­le Stra­Fo 2008, 216; OLG Hamm NStZ-RR 2010, 153; Mey­er-Goß­ner a.a. O. § 454 Rn. 47 m.w.N.[]
  11. BVerfG NJW 2004, 739[]
  12. BVerfG NJW 2007, 1933; KG NStZ-RR 1997, 382; NStZ 2004, 157; OLG Nürn­berg StV 2000, 266; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 20.05.2015 – 1 Ws 213/​14[]