Siche­rungs­ver­wah­rung – und die Über­schrei­tung der Über­prü­fungs­frist

Die Nicht­ein­hal­tung der Über­prü­fungs­frist des § 67e Abs. 2 StGB bei der Ent­schei­dung über die Fort­dau­er der Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung ver­letzt das Frei­heits­recht des Ver­wahr­ten.

Siche­rungs­ver­wah­rung – und die Über­schrei­tung der Über­prü­fungs­frist

Die Frei­heit der Per­son darf nur aus beson­ders gewich­ti­gen Grün­den und unter stren­gen for­mel­len Gewähr­leis­tun­gen ein­ge­schränkt wer­den. Zu die­sen wich­ti­gen Grün­den gehö­ren in ers­ter Linie sol­che des Straf­rechts und des Straf­ver­fah­rens­rechts. Ein­grif­fe in die per­sön­li­che Frei­heit auf die­sem Gebiet die­nen vor allem dem Schutz der All­ge­mein­heit1. Zugleich haben die gesetz­li­chen Ein­griff­s­tat­be­stän­de jedoch auch eine frei­heits­ge­währ­leis­ten­de Funk­ti­on, da sie die Gren­zen zuläs­si­ger Ein­schrän­kung bestim­men2. Das gilt auch für die Unter­brin­gung eines Straf­tä­ters in der Siche­rungs­ver­wah­rung nach Maß­ga­be des § 66 StGB.

Der Gesetz­ge­ber hat im Hin­blick auf das Gewicht des Frei­heits­an­spruchs des Unter­ge­brach­ten für die Voll­stre­ckung der Maß­re­gel beson­de­re Rege­lun­gen getrof­fen. So kann die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer die Aus­set­zungs­rei­fe der Maß­re­gel jeder­zeit über­prü­fen; sie ist dazu seit der zum 1.06.2013 in Kraft getre­te­nen Ände­rung des § 67e Abs. 2 StGB durch das Gesetz zur bun­des­recht­li­chen Umset­zung des Abstands­ge­bo­tes in der Siche­rungs­ver­wah­rung vom 05.12 20123 jeweils spä­tes­tens vor Ablauf eines Jah­res ver­pflich­tet4. Vor die­sem Zeit­punkt betrug die Über­prü­fungs­frist gemäß § 67e Abs. 2 StGB a.F. zwei Jah­re.

Die Vor­schrif­ten über die regel­mä­ßi­ge Über­prü­fung der wei­te­ren Voll­stre­ckung der Siche­rungs­ver­wah­rung die­nen der Wah­rung des Über­maß­ver­bots bei der Beschrän­kung des Grund­rechts aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG5. Ihre Miss­ach­tung kann die­ses Grund­recht ver­let­zen, wenn es sich um eine nicht mehr ver­tret­ba­re Fehl­hal­tung gegen­über dem das Grund­recht sichern­den Ver­fah­rens­recht han­delt, die auf eine grund­sätz­lich unrich­ti­ge Anschau­ung von der Bedeu­tung des Grund­rechts schlie­ßen lässt6.

Zwar führt nicht jede Ver­zö­ge­rung des Geschäfts­ab­laufs in Unter­brin­gungs­sa­chen, die zu einer Über­schrei­tung der ein­schlä­gi­gen Frist­vor­ga­ben führt, auto­ma­tisch auch zu einer Grund­rechts­ver­let­zung, weil es zu sol­chen Ver­zö­ge­run­gen auch bei sorg­fäl­ti­ger Füh­rung des Ver­fah­rens kom­men kann7. Es muss jedoch sicher­ge­stellt sein, dass der Geschäfts­gang der Kam­mer in der Ver­ant­wor­tung des Vor­sit­zen­den oder des Bericht­erstat­ters eine Fris­ten­kon­trol­le vor­sieht, die die Vor­be­rei­tung einer recht­zei­ti­gen Ent­schei­dung vor Ablauf der Jah­res­frist sicher­stellt. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Betrof­fe­ne in aller Regel per­sön­lich anzu­hö­ren ist und dass auch für eine sach­ver­stän­di­ge Begut­ach­tung aus­rei­chend Zeit ver­bleibt, soweit die Kam­mer eine sol­che für erfor­der­lich hal­ten soll­te. Die gesetz­li­che Ent­schei­dungs­frist lässt dafür aus­rei­chend Raum8. Grün­de für eine etwai­ge Frist­über­schrei­tung sind zur ver­fah­rens­recht­li­chen Absi­che­rung des Grund­rechts aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG in der Fort­dau­er­ent­schei­dung dar­zu­le­gen9.

Die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an Ent­schei­dun­gen wer­den in dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­ten Fall die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se des Land­ge­richts Arns­berg10 und des Ober­lan­des­ge­richts Hamm11 nicht gerecht:

Die Ent­schei­dung der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Arns­berg über die Fort­dau­er der Unter­brin­gung des Beschwer­de­füh­rers ist nicht inner­halb der von § 67e Abs. 2 StGB vor­ge­ge­be­nen Über­prü­fungs­frist ergan­gen. Da die Siche­rungs­ver­wah­rung seit dem 12.07.2011 voll­streckt wur­de und nach § 67e Abs. 4 Satz 1 StGB die Über­prü­fungs­fris­ten vom Beginn der Unter­brin­gung an lau­fen, hät­te nach § 67e Abs. 2 StGB in der bis zum 31.05.2013 gül­ti­gen Fas­sung die Ent­schei­dung über die Fort­dau­er der Unter­brin­gung spä­tes­tens nach zwei Jah­ren seit Voll­stre­ckungs­be­ginn erfol­gen müs­sen. Statt­des­sen hat das Land­ge­richt erst am 13.11.2013 die Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung ange­ord­net, indem es deren Nicht­er­le­di­gung fest­ge­stellt und eine Aus­set­zung abge­lehnt hat.

Dem­ge­gen­über kann als Zeit­punkt des Beginns der Über­prü­fungs­frist auch nicht auf den Beschluss des Land­ge­richts vom 15.05.2012 abge­stellt wer­den. Gegen­stand die­ses Beschlus­ses war, wie im Beschluss selbst aus­drück­lich dar­ge­legt wird, aus­schließ­lich die Fra­ge, ob die Ent­schei­dung, "den Antrag des Antrag­stel­lers auf Zuwei­sung eines grö­ße­ren und bes­ser aus­ge­stat­te­ten Haft­rau­mes (bzw. Unter­brin­gungs­rau­mes, da sich der Antrag­stel­ler nicht in Straf­haft befin­det) zurück­zu­wei­sen, recht­mä­ßig" war. Eine Über­prü­fung und Ent­schei­dung über die Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung ist mit die­sem Beschluss nicht ver­bun­den. Dem ent­spricht, dass im Voll­stre­ckungs­heft der 11.07.2013 als nächs­ter Über­prü­fungs­ter­min ver­merkt wor­den war.

Dem­ge­mäß ende­te selbst bei Außer­acht­las­sung der mit dem Gesetz zur bun­des­recht­li­chen Umset­zung des Abstands­ge­bo­tes im Recht der Siche­rungs­ver­wah­rung vom 05.12 201212 ein­her­ge­hen­den Ver­kür­zung der Über­prü­fungs­frist auf ein Jahr die Frist zur Über­prü­fung der Unter­brin­gung des Beschwer­de­füh­rers spä­tes­tens am 12.07.2013.

Gleich­wohl haben weder die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Arns­berg noch das Ober­lan­des­ge­richt Hamm die mit der Fort­dau­er­ent­schei­dung am 13.11.2013 ver­bun­de­ne nicht uner­heb­li­che Frist­über­schrei­tung von vier Mona­ten in ihren Ent­schei­dun­gen begrün­det. Zur ver­fah­rens­recht­li­chen Absi­che­rung des Grund­rechts aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG wäre jedoch im Fort­dau­er­be­schluss dar­zu­le­gen gewe­sen, war­um die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer die Über­prü­fungs­frist um meh­re­re Mona­te über­schrit­ten hat.

Infol­ge der feh­len­den Begrün­dung ist nicht erkenn­bar, ob die Frist­über­schrei­tung trotz sorg­fäl­ti­ger Füh­rung des Ver­fah­rens zustan­de kam oder ob sie auf einer Fehl­hal­tung gegen­über dem das Grund­recht sichern­den Ver­fah­rens­recht beruh­te. Ins­be­son­de­re erschließt sich nicht, war­um zwi­schen dem Beschluss zur Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens am 14.03.2013 und dem Ein­gang des Auf­tra­ges laut Schrei­ben des Sach­ver­stän­di­gen vom 26.04.2013 ein Zeit­raum von mehr als einem Monat lag, aus wel­chem Grund die Über­sen­dung der Haupt- und Vor­stra­fen­ak­ten trotz Anmah­nung durch den Sach­ver­stän­di­gen zumin­dest bis zum 12.06.2013 unter­blieb und war­um zwi­schen dem Ein­gang des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens am 13.08.2013 und der erst­ma­li­gen Anbe­raumung eines Anhö­rungs­ter­mins auf den 16.10.2013 mehr als zwei Mona­te ver­gin­gen.

Bereits der Beschluss der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer des Land­ge­richts Arns­berg ent­hält inso­weit kei­ner­lei Fest­stel­lun­gen. Das Ober­lan­des­ge­richt hat die dar­in lie­gen­de Grund­rechts­ver­let­zung durch die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer in den Beschlüs­sen vom 11.02.und 20.03.2014 ver­tieft, indem es ledig­lich auf die zutref­fen­den Grün­de der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung bezie­hungs­wei­se den Ver­merk der Gene­ral­staats­an­walt­schaft vom 23.01.2014, der sich mit den Ver­fah­rens­ab­läu­fen nach Ein­lei­tung des Über­prü­fungs­ver­fah­rens im Febru­ar 2013 nicht befasst, Bezug nimmt.

Es ist daher gemäß § 95 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG fest­zu­stel­len, dass die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se des Ober­lan­des­ge­richts Hamm vom 20.03.2014 und 11.02.2014 sowie des Land­ge­richts Arns­berg vom 13.11.2013 den Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 in Ver­bin­dung mit Art. 104 Abs. 1 GG ver­let­zen. Die Beschlüs­se des Ober­lan­des­ge­richts Hamm sind jedoch nicht auf­zu­he­ben, da sie durch die Fort­dau­er­ent­schei­dung des Land­ge­richts Arns­berg vom 28.04.2015 mitt­ler­wei­le pro­zes­su­al über­holt sind13.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 30. März 2016 – 2 BvR 746/​14

  1. vgl. BVerfGE 22, 180, 219; 45, 187, 223; 58, 208, 224 f. []
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10 10 []
  3. BGBl I S. 2425 []
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10 11 []
  5. vgl. BVerfGK 4, 176, 181; 5, 67, 68; BVerfG, Beschluss vom 05.05.2008 – 2 BvR 1615/​07 17; Beschluss vom 22.11.2011 – 2 BvR 1334/​10 16 []
  6. vgl. BVerfGE 18, 85, 93; 72, 105, 114 f.; BVerfGK 4, 176, 181; BVerfG, Beschluss vom 22.11.2011 – 2 BvR 1334/​10 16 []
  7. BVerfGK 4, 176, 181 []
  8. vgl. BVerfGK 4, 176, 181; BVerfG, Beschluss vom 22.11.2011 – 2 BvR 1334/​10 16; Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10 12 []
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.11.2011 – 2 BvR 1334/​10 16; Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10 12 []
  10. LG Arns­berg, Beschluss vom 13.11.2013 – III-1 StVK 45/​13 []
  11. OLG Hamm, Beschluss vom 11.02.2014 und 20.03.2014 – III-4 Ws 12/​14 []
  12. BGBl I S. 2425 []
  13. vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.11.2014 – 2 BvR 2774/​12 51 []