Ver­sa­gung der Straf­rest­aus­set­zung – ohne hin­rei­chen­de Sach­auf­klä­rung

Die Gerich­te haben bei der Ent­schei­dung über die Aus­set­zung des Voll­zugs einer Rest­frei­heits­stra­fe zur Bewäh­rung nach § 57 Abs. 1 StGB dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebot Rech­nung zu tra­gen, ihre Pro­gno­se­ent­schei­dung auf eine mög­lichst brei­te Tat­sa­chen­grund­la­ge zu stel­len und alle pro­gno­sere­le­van­ten Umstän­de sorg­fäl­tig zu klä­ren [1].

Ver­sa­gung der Straf­rest­aus­set­zung – ohne hin­rei­chen­de Sach­auf­klä­rung

Abs. 2 Satz 2 GG gewähr­leis­tet jeder­mann „die Frei­heit der Per­son“ und nimmt einen hohen Rang unter den Grund­rech­ten ein. Das kommt dar­in zum Aus­druck, dass die Norm die Frei­heit der Per­son als „unver­letz­lich“ bezeich­net, Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG ihre Beschrän­kung nur auf­grund eines förm­li­chen Geset­zes zulässt und Art. 104 Abs. 2 bis 4 GG beson­de­re Ver­fah­rens­ga­ran­tien für ihre Beschrän­kung sta­tu­ie­ren [2].

Abs. 2 Satz 2 GG gewähr­leis­tet jeder­mann „die Frei­heit der Per­son“ und nimmt einen hohen Rang unter den Grund­rech­ten ein. Das kommt dar­in zum Aus­druck, dass die Norm die Frei­heit der Per­son als „unver­letz­lich“ bezeich­net, Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG ihre Beschrän­kung nur auf­grund eines förm­li­chen Geset­zes zulässt und Art. 104 Abs. 2 bis 4 GG beson­de­re Ver­fah­rens­ga­ran­tien für ihre Beschrän­kung sta­tu­ie­ren [2].

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prüft gericht­li­che Ent­schei­dun­gen nur in einem ein­ge­schränk­ten Umfang. Bei der nach § 57 Abs. 1 StGB zu tref­fen­den Ent­schei­dung han­delt es sich um die Aus­le­gung und Anwen­dung von Geset­zes­recht, die Sache der Straf­ge­rich­te ist. Sie wird vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt daher nur dar­auf­hin nach­ge­prüft, ob das Straf­voll­stre­ckungs­ge­richt in objek­tiv unver­tret­ba­rer Wei­se vor­ge­gan­gen ist oder die ver­fas­sungs­recht­li­che Bedeu­tung und Trag­wei­te des durch Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG und Art. 104 Abs. 1 GG ver­bürg­ten Frei­heits­rechts ver­kannt hat [3].

Die aus dem Frei­heits­recht abzu­lei­ten­den Anfor­de­run­gen rich­ten sich im Rah­men der Prü­fung des § 57 Abs. 1 StGB ins­be­son­de­re an die Pro­gno­se­ent­schei­dung. Für deren tat­säch­li­che Grund­la­gen gilt von Ver­fas­sungs wegen das Gebot best­mög­li­cher Sach­auf­klä­rung aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG und Art. 104 Abs. 2 Satz 1 GG [4]. Es ver­langt, dass der Rich­ter die Grund­la­gen sei­ner Leg­al­pro­gno­se selbst­stän­dig bewer­tet, ver­bie­tet mit­hin, dass er die Bewer­tung einer ande­ren Stel­le über­lässt. Dar­über hin­aus for­dert es vom Rich­ter, dass er sich um eine brei­te Tat­sa­chen­ba­sis bemüht und sich so ein mög­lichst umfas­sen­des Bild über die zu beur­tei­len­de Per­son ver­schafft [5].

Dabei haben die Anfor­de­run­gen an die Sach­auf­klä­rung sowohl dem Sicher­heits­aspekt als auch dem hohen Wert der Frei­heit des Ver­ur­teil­ten Rech­nung zu tra­gen. Sie stei­gen mit zuneh­men­der Dau­er des Frei­heits­ent­zugs, mit der auch die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­troll­dich­te und die mit der Sach­auf­klä­rungs­pflicht kor­re­spon­die­ren­de Begrün­dungs­pflicht der Gerich­te zunimmt [6]. Das Voll­stre­ckungs­ge­richt hat sich daher auch von Ver­fas­sungs wegen um eine mög­lichst brei­te Tat­sa­chen­ba­sis für sei­ne Pro­gno­se­ent­schei­dung zu bemü­hen und alle pro­gno­sere­le­van­ten Umstän­de beson­ders sorg­fäl­tig zu klä­ren [7].

Für die im Aus­set­zungs­ver­fah­ren zu tref­fen­de Pro­gno­se­ent­schei­dung haben Voll­zugs­lo­cke­run­gen beson­de­re Bedeu­tung, da sich so für den Rich­ter die Basis der pro­gnos­ti­schen Beur­tei­lung erwei­tert und sta­bi­li­siert. Gera­de das Ver­hal­ten anläss­lich sol­cher Belas­tungs­er­pro­bun­gen stellt einen geeig­ne­ten Indi­ka­tor für die künf­ti­ge Leg­al­be­wäh­rung dar [8]. Der Gefan­ge­ne erhält Gele­gen­heit, sich inner­halb des vor­ge­ge­be­nen Rah­mens zu bewäh­ren; sein hier­bei an den Tag geleg­tes Ver­hal­ten ist „Ver­hal­ten im Voll­zug“, das der Rich­ter bei der Pro­gno­se­ent­schei­dung zu berück­sich­ti­gen hat (vgl. § 57 Abs. 1 Satz 2 StGB). Dar­über hin­aus machen es Voll­zugs­lo­cke­run­gen dem Gefan­ge­nen – ins­be­son­de­re bei lan­gem Frei­heits­ent­zug – mög­lich, wenigs­tens ansatz­wei­se Ori­en­tie­rung für ein nor­ma­les Leben zu suchen und zu fin­den. Je nach dem Erfolg die­ser Ori­en­tie­rungs­su­che stel­len sich sei­ne Lebens­ver­hält­nis­se und die von einer Aus­set­zung der Straf­voll­stre­ckung zu erwar­ten­den Wir­kun­gen güns­ti­ger oder ungüns­ti­ger dar. Folg­lich wer­den die Chan­cen, dass das Gericht, das über die Aus­set­zung zu ent­schei­den hat, zu einer zutref­fen­den Pro­gno­se­ent­schei­dung gelangt, durch vor­he­ri­ge Gewäh­rung von Voll­zugs­lo­cke­run­gen ver­bes­sert und umge­kehrt durch deren Ver­sa­gung ver­schlech­tert [9].

Dar­aus fol­gen beson­de­re Prü­fungs­pflich­ten der Gerich­te im Aus­set­zungs­ver­fah­ren. Will das Gericht die Ableh­nung der Aus­set­zung auch auf die feh­len­de Erpro­bung des Gefan­ge­nen in Locke­rung stüt­zen, darf es sich nicht mit dem Umstand einer – von der Voll­zugs­be­hör­de ver­ant­wor­te­ten – begrenz­ten Tat­sa­chen­grund­la­ge abfin­den. Unge­ach­tet des Stan­des eines mög­li­chen Ver­fah­rens über einen Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung nach § 109 Abs. 1 StVoll­zG hat das Gericht von Ver­fas­sungs wegen selbst­stän­dig zu klä­ren, ob die Begren­zung der Pro­gno­se­ba­sis zu recht­fer­ti­gen ist, weil die Ver­sa­gung von Locke­run­gen auf einem hin­rei­chen­den Grund beruh­te. Kommt das Gericht die­ser Prü­fungs­pflicht nicht oder nicht hin­rei­chend nach, ent­spricht die auf feh­len­de Erpro­bung gestütz­te Ableh­nung der beding­ten Ent­las­sung nicht den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen [10].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 4. Juni 2020 – 2 BvR 343/​19

  1. vgl. BVerfGE 117, 71, 107; 109, 133, 165; BVerfG, Beschluss vom 30.04.2009 – 2 BvR 2009/​08, Rn. 27 m.w.N.[]
  2. vgl. BVerfGE 35, 185, 190; 109, 133, 157; 128, 326, 372[][]
  3. vgl. BVerfGE 18, 85, 92 f., 96; 72, 105, 113 ff.; BVerfG, Beschlüs­se vom 03.12.2003 – 2 BvR 1661/​03, Rn. 5; und vom 22.10.2009 – 2 BvR 2549/​08, Rn. 29[]
  4. vgl. BVerfGE 70, 297, 309[]
  5. vgl. BVerfGE 70, 297, 310 f.; fer­ner BVerfG, Beschlüs­se vom 03.12.2003 – 2 BvR 1661/​03, Rn. 6; vom 22.10.2009 – 2 BvR 2549/​08, Rn. 30; und vom 18.10.2011 – 2 BvR 259/​11, Rn. 6[]
  6. vgl. BVerfGE 117, 71, 102–104, 109; BVerfG, Beschluss vom 30.04.2009 – 2 BvR 2009/​08, Rn. 27[]
  7. vgl. BVerfGE 109, 133, 165; 117, 71, 107; BVerfG, Beschluss vom 30.04.2009 – 2 BvR 2009/​08, Rn. 27 m.w.N.[]
  8. vgl. BVerfGE 109, 133, 165 f.; 117, 71, 119[]
  9. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 22.03.1998 – 2 BvR 77/​97, Rn. 44; und vom 17.06.1999 – 2 BvR 867/​99, Rn. 24; Beschluss vom 30.04.2009 – 2 BvR 2009/​08, Rn. 30[]
  10. vgl. BVerfGE 22, 311, 318 f.; 86, 288, 328; BVerfG, Beschluss vom 30.04.2009 – 2 BvR 2009/​08, Rn. 32, 35, 52 m.w.N.[]